Ich habe genug

„Ich sitze am Fenster und mache mir Notizen. Eine klare Dunkelheit, angestrahlt vom Mond. Schneewehen, ein Bach, er leuchtet. Kalt. Sternenklar. Die Wärme im Haus, das Licht des Feuers, unruhige Schatten, sie irren umher, als ließe das Feuer alles lebendig werden, was stillstehen soll. Nichts steht still, die Stille bewegt sich, ist bald drinnen, bald draußen, ich sitze hier und werde unruhig von nichts. Es gibt ein batteriebetriebenes Radio in der Hütte, nach Mitternacht wird klassische Musik gespielt, Johann Sebastian Bach. Ich habe genug. Bachs Musik bringt mich häufig zum Weinen und immer dazu, mich zu bedanken, ich weiß nicht, bei wem. Ich bin in Bachs Musik zuhause, nicht in einem Haus, nicht in einer Wohnung, ich fühle mich im Innern dieser Musik geborgen, in einem Gebiet, dessen Grenzen mir unbekannt sind, in einem kleinen Bauwerk, das der Unendlichkeit entsprechen muss, die wir in uns tragen. Wir besitzen nichts. Ich habe alles, was ich brauche. Schlummert ein ihr matten Augen.“ (Espedal, 67)

Nicht meine Worte, sondern die des norwegischen Autors Tomas Espedal. Zufällig kommt genau die Musik zu ihm, die wir heute auch hören werden. Falls es so etwas wie Zufall überhaupt gibt. Denn bevor er in dieser einsamen Hütte zufällig diese Musik hörte, hatte Tomas Espedal genug von dem Leben, was er hatte, von Arbeit und Beziehungen und Alltag. Er ist einfach losgegangen. Nicht gut vorbereitet, in sehr ungeeigneter Kleidung. Einen kleinen Rucksack und die Wanderschuhe hat er im nächstbesten Laden noch schnell gekauft. In Norwegen, wo es viel Natur gibt und es oft dunkel und kalt ist, ist das wahrscheinlich gar kein Problem.

Ich saß am Fenster gestern Abend und machte mir Notizen für diese Predigt. Und draußen war auch Dunkelheit und sogar Schnee, mitten in der Stadt. Kein Mond zwar und natürlich auch kein Bach, der in unserem Hof leuchten würde. Aber ein anderer Bach leuchtete, Johann Sebastian, seine Musik, diese Kantate. Ich habe genug. Und ich fand: Die Temperatur dieser Beschreibung von Tomas Espedal stimmt so genau. Denn glücklich sind alle die, die es nicht kennen, das Gefühl, dass es genug ist und man jetzt, genau jetzt eigentlich aufstehen müsste und gehen.

Und sich um Dinge wie Abschied und Ausrüstung und Gepäck einfach nicht mehr kümmern. Wir besitzen doch sowieso nichts. Und sie dann suchen, die Unendlichkeit, die wir in uns tragen, den Sinn dieses Lebens. Unruhig sein von nichts. Es ist eine Unruhe, schreibt Tomas Espedal, „so alt wie der Mensch, wie der Überdruss am Sein. Wie die Unzufriedenheit darüber, man selbst zu sein. Nein, jetzt habe ich genug. Nein, jetzt kann ich nicht mehr. Und dann diese Lüge, die allmählich zu Stumpfsinn, zu einer lebensmüden Wahrheit geworden ist; ich habe alles gesehen, alles gehört, alles getan.“ (Espedal, 17)

Ich habe mir Notizen gemacht. Ich habe das abgeschrieben und gedacht, dass es stimmt, dass es das gibt: Bleiben, immer bleiben, statt zu gehen und darüber im schlimmsten Fall lebensmüde werden. Wir hoffen, es hinausschieben zu können an das Ende des Lebens, dieses Gefühl von „alles gesehen, alles gehört, alles getan“. Und „ich habe genug“, das möchten wir, wenn es doch nur nach uns ginge, höchstens dann am Ende sagen können, ganz am Ende. Und so lange möchten wir die Gefahr der Resignation vor uns herschieben wie den Schnee mit dem Schneeschieber, in der Hoffnung, dann wieder sicher weitergehen zu können. Aber das ist mühsam. Es wird schwer. Schon der Schnee türmt sich unberechenbar und dahinter ist es trotzdem noch glatt. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich eine Lebensmüdigkeit erst zu dem Zeitpunkt einstellt, an dem wir dann auch bereit wären, sie zu empfangen. Ich habe genug. Das ist kein Satz für den Lebensabend. Sondern für jeden beliebigen Abend im Leben.

Ich habe genug. Dieser Satz wird Simeon in den Mund gelegt, als kürzeste Zusammenfassung dessen, was als sein Lobgesang, als das Nunc dimittis in der Tradition der christlichen Kirche seit Jahrhunderten zum Nachtgebet geworden ist. Gesprochen in der Komplet, zum endgültigen Abschluss eines Tages. „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ (Lk 2, 29f.) Ein Gesang und ein Gebet, zu singen oder zu beten dann, wenn sich zumindest dieser Tag komplett anfühlt. Von so vielen Menschen vor uns gesungen oder gebetet in der Hoffnung, dass es so sein möge, am Abend des Tages und am Abend des Lebens: Nicht nur zu Ende, sondern auch komplett.

In der Bibel steht kein Wort davon, wie alt Simeon war, als er seinen Lobgesang anstimmt. Dargestellt wird er stets als Greis, im denkbar größten Kontrast zu dem rosigen Säugling, der ihm in die Arme gelegt wird. Aber wirklich alt ist nur die Prophetin Hanna, 84 Jahre alt. Das wissen wir, das ist ganz genau aufgeschrieben. Von Simeon wissen wir nicht, wie alt er ist. Gerecht und gottesfürchtig, voller Erwartung und vom Geist erfüllt, so wird er beschrieben. Aber um das alles zu sein, muss man eigentlich nicht alt sein.

Es ist nur eine Interpretation, dass hier ein Mensch ein Leben lang darauf gewartet hat, um am Ende zu sehen, worauf er gehofft hat und um dann in Frieden sterben zu können. Ja, es gibt das Motiv des Greises, dem am Ende vergönnt ist, dass sich seine Hoffnung doch noch erfüllt, in der griechischen Mythologie und natürlich auch in der Bibel. Der Kraft dieser Interpretation sind durch die Jahrhunderte fast alle erlegen, vor allem in der bildenden Kunst, aber auch in dem Text und der Musik dieser Kantate. Johann Sebastian Bach treibt diese Interpretation auf eine Spitze, wenn er Simeon in dieser Kantate so todessehnsüchtig macht, wie wir es nachher hören werden. Ich freue mich auf meinen Tod / ach, hätt er sich schon eingefunden. Das ist nach allen Regeln der Kunst und der barocken Affektenlehre wunderschön so eingerichtet in der Kantate. Über das Gefühl des Genug-Habens geht es in die Gewissheit. Und mit einer wunderschönen Arie werden wie in einen Schlummer und in die erwartungsvolle Sehnsucht nach dem „freudigen Todesfrieden“ geführt.

Ich sitze am Fenster und mache mir Notizen. Und ich werde unruhig von nichts. Denn ich habe von Berufs wegen häufig mit dem Tod zu tun. Und ich weiß genau, wie unerhört selten dieses Gefühl von Ich habe genug ist. Ich lebe mit dem beunruhigenden Wissen darum, wie oft es nicht so ist, mit dem Gefühl von „alles gesehen, alles gehört, alles getan“. Wenn der Tod kommt, denken das die wenigsten Menschen. Die, die gehen, genauso wenig wie die, die bleiben müssen. Ich mache mir Notizen, jedes Mal, über all die Leben und ich mache mir Notizen für mich selbst dabei. Ich kenne mich. Und ich glaube nicht, dass ich das jemals von mir werde sagen können: Ich habe genug. Und das ist genau das, was mich manchmal nicht schlafen lässt. Weil es keine Frage zum Einschlafen ist, sondern eine zum Wachmachen. Tomas Espedal geht es wie mir. Er schreibt: „Aber diese Musik Bachs, diese Kantaten machen mich wach, ich will nicht schlafen.“ (Espedal 67)

Ich sitze am Fenster und mache mir Notizen. Und mache das Fenster auf und die beißend kalte Nachtluft macht mir den Kopf ganz frei. Ich halte fest: Simeon war überhaupt nicht am Ende seines Lebens und mit dem Tod vollkommen einverstanden. Ihn so zu sehen, das ist nur der traditionell ziemlich gelungene Versuch, die Frage nach dem Genug an das Ende des Lebens zu schieben und zu räumen. Und da türmt sie sich dann.

Ich denke: Auf jeden Fall war Simeon jünger als Hanna, vielleicht in der viel zitierten Mitte des Lebens. Simeon war auch unruhig von nichts, voller Erwartung, voller Geist. Und Simeon hat früher als andere erkannt, was mit diesem Kind zur Welt gekommen ist. Jesus hat uns gezeigt, wie es geht, sein Leben zu verändern, hin zu einem Leben, das den Namen Leben verdient. Er hat es uns vorgelebt. Wir besitzen nichts oder sollten zumindest nichts so besitzen, dass es am Ende uns besitzt. Wir haben genug. Einen kleinen Rucksack, gute Schuhe, ein Platz zum Schlafen, ein warmes Feuer, Musik, Notizen oder was dem in etwa entspricht. Mehr nicht. Denn wir tragen eine Unendlichkeit in uns. Und haben alles, was wir brauchen.

„Das Feuer erlischt. Die Kerzen aus, das Radio aus, ins Schlafzimmer, die beißendkalte Luft. Nachtluft. Dunkelheit. Stille. Allein. Die Augen unter der Decke schließen, keine Gedanken, keine Bilder, nur Schlaf.“ (Espedal 69)

(Zitate aus: Tomas Espedal, Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen, Matthes und Seitz Berlin, 2020)

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