(I. Vorspiel)
Es erklingt die Sinfonie eines gelungenen Abends, aus den Fragen und Rufen der Kellner, aus klingenden Gläsern, klirrendem Besteck und dem wabernden Durcheinander der Stimmen an den Tischen. Der rote Vorhang vor der Tür schützt vor der Zugluft und öffnet gleichzeitig den Blick auf die Vorstellung. Gegeben wird heute in großer Besetzung: Der Valentinstag.
Nur Paare an den Tischen. Manchmal eine Rose in einem Glas. Neben uns wechseln mehrmals die Darsteller. Von „Schon länger zusammen“ zu „Frisch verliebt“, von Händchenhaltern und Tief-in-die-Augen-Blickern zu den beiden gleichmütig die Speisekarte Studierenden. Berühmt scheint das Lokal für seine Pizzen zu sein, so groß, dass sie auf keinen Teller passen. Direkt auf dem Tisch werden sie einem gelegt. Und ihre Reste dann in einen Karton zum Mitnehmen.
In vielen Wohnungen liegt also am Tag des Heiligen Valentin ein Pizzakarton auf dem Küchentisch, steht eine Rose in einer Vase, ist ein Paar miteinander ins Bett gegangen, liebt sich, schläft aneinander geschmiegt ein, dreht sich den Rücken zu. Oder schläft schon lange lieber getrennt.
Als wir gehen, haben wir zu zweit eine Pizza und eine Flasche Wein bewältigt und nichts übrig gelassen. Noch einen schönen Abend wünscht uns augenzwinkernd der Kellner. Er sieht einen Mann und eine Frau am Valentinstag in einem Restaurant und weiß nichts von uns. Dass wir nicht zusammen nach Hause gehen werden und uns um den Pizzakarton hätten streiten müssen. Dass wir gar kein Paar sind, sondern „nur“ Freunde. Aber warum eigentlich „nur“? Als wäre das, was bei uns auf dem Tisch liegt, irgendwie weniger. Obwohl wir im Gegensatz zu manchen anderen Paaren an diesem Abend ununterbrochen miteinander geredet haben. Die Liebe gibt es in mehr Varianten und Kombinationen, als es Beläge für eine Pizza gibt. Und ein Leben lang werden wir nicht fertig damit, ihre riesige Karte zu studieren und zu probieren.
(II. Spezialität des Hauses)
Berühmt soll der christliche Glaube sein, für eine Liebe, so groß, dass sie auf keinen Teller passt. Für eine Liebe, von der alle etwas abbekommen, von der sich jede und jeder noch ein Stück mit nach Hause nehmen kann, die selbst noch kalt schmeckt am nächsten Tag. Diese beste Liebe von allen empfiehlt Paulus. Und an der Art, wie er sie beschreibt, merke ich, wie gut er sie kennt. Weil er sie nicht auf die Variante und Kombination von Liebe reduziert, bei der Menschen auch miteinander ins Bett gehen. Und weil er die Liebe offenbar sorgfältig studieren konnte in seinen eigenen Beziehungen. Er weiß genau, wie es ist, wenn die Liebe bloß rumtönt, wenn sie sich arrogant und herablassend verhält oder selbstgerecht, wie ungeduldig und unfreundlich sie sein kann, mutwillig, aufgebläht und eigensüchtig, erbittert und nachtragend, ungerecht und verlogen. All das gibt es, in allen Arten von Beziehungen. Aber Liebe ist es dann nicht. Paulus rühmt die Liebe, weil er die Lieblosigkeit erfahren hat.
Berühmt soll der christliche Glaube sein für die Liebe. Und es gibt auch noch eine besondere christliche Spezialität auf der Karte: Die Feindesliebe. Eine Liebe so groß, dass sie keiner schaffen kann. Eine Liebe, der kein Rumtönen etwas anhaben kann, keine Herablassung, keine Selbstgerechtigkeit, kein Mutwillen und keine Eigensucht, keine Ungerechtigkeit und Verlogenheit.
Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. In der Variante der Liebe in Kombination mit den Feinden ist diese Beschreibung auf einmal keine Verheißung mehr, sondern eine echte Prüfung. Wir kauen seit einem Jahr darauf herum und die Bissen werden uns immer größer im Mund. Seit wir wieder wissen, was ein Krieg ist und was Feinde sind.
(III. Ein schwebendes Verfahren)
Seit dem 24. Februar 2022 ist die Frage nach der Feindesliebe viel herausfordernder geworden als die jahrhundertelange, engagiert geführte christliche Diskussion darüber, ob jetzt die Liebe mit oder ohne Miteinander-ins-Bett-gehen die bessere ist. Oder – wenn es denn unbedingt sein muss – wer dann miteinander ins Bett gehen darf. Vielleicht war das alles nur ein großes, angenehm prickelnd zu diskutierendes Ablenkungsmanöver, um nicht zu viel über die Variante „Feindesliebe“ nachdenken zu müssen?
Paulus jedenfalls kannte sie. Denn er hatte sie: Erbitterte Gegner und Feinde in der Gemeinde. Herablassend, selbstgerecht, verlogen haben sie sich ihm gegenüber benommen. Und untereinander sind sie in seinen Gemeinden auch nicht besser miteinander umgegangen. Ich will euch einen noch besseren Weg zeigen, schreibt Paulus. Aber er schreibt nicht, dass es der viel schwerere ist.
Herablassend, selbstgerecht, verlogen finde ich so vieles, was gesagt worden ist, wenn es um den Umgang mit echten Feinden, in diesem Fall um die Ukraine und ihre Feinde geht. Es wurde und wird viel herumgetönt. Abende lang kann man über das Für und Wider von Waffenlieferungen diskutieren. Ist die strikte Ablehnung von Waffenlieferungen und die Forderung nach Verhandlungen wirklich Feindesliebe, diese Spezialität des christlichen Glaubens?
Die Liebe ist lächerlich / Sie reitet auf einem Esel / über ausgebreitete Kleider / Man soll sie hochleben lassen / mit Dornen krönen / und kurzen Prozeß mit ihr machen / Sie sucht um Asyl nach / in den Mündungen unsrer Gewehre / Eine Klagesache von Weltruf / Immer noch / schwebt das Verfahren[1]
Liebe in Kombination mit Feinden ist eine Klagesache von Weltruf, ein schwebendes Verfahren. Ich würde den besseren Weg so gerne gehen. Aber er ist so schwer zu finden. Ich halte zu meiner eigenen Orientierung fest: Wo so herumtönend, herablassend, selbstgerecht und manchmal einfach verlogen wie in vielen Diskussionen über das Schicksal der Menschen in der Ukraine gesprochen wird, kann es mit der Liebe nicht weit her sein. Es ist ein großer Unterschied, ob man von anderen Menschen verlangt, dass sie alles glauben, alles hoffen, alles ertragen und alles dulden sollen. Oder ob man es mit ihnen gemeinsam glaubt, hofft, erträgt und duldet.
Ich halte zu meiner eigenen Orientierung aber auch fest: Wo ich selbst herablassend, erbittert und unfreundlich werde im Umgang mit denen, die in dieser Frage anderer Meinung sind als ich, ist es auch mit meiner Feindesliebe nicht weit her. Den besseren Weg wissen wir alle nicht. Es wäre die Wahrheit, das einfach zuzugeben. Und es gemeinsam zu glauben, zu hoffen, zu ertragen und zu dulden.
(IV. Der bessere Weg)
Sie stellt sich nicht ungebärdig / sondern quer zur Routine der Machthaber / Die Behauptung / sie ließe sich nicht erbittern / hat sie im Selbstversuch / eindrücklich bestätigt / Sie ballt nicht die Faust / Sie steigt nicht herab / Sie hilft sich nicht selbst / Sie dient als Kugelfang
Den Selbstversuch in Feindesliebe wagt ein einziger, Jesus aus Nazareth. Der Weg nach Jerusalem beginnt heute. Jesus lässt sich nicht erbittern, er glaubt alles, hofft alles, erträgt alles, duldet alles. Er hat sich festnageln lassen auf die Liebe. Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Das ist der bessere Weg. Und wer von uns kann ihn gehen?
Valentin von Rom kann nichts dafür, dass er heute berühmt ist für Abende mit Pizza im Restaurant und für Rosen. Die Legende sagt, dass er starb, weil er Jesus nachfolgte. Er wurde vom römischen Kaiser enthauptet, weil er als Priester Soldaten traute. Das war verboten. Im römischen Reich sollten sie unverheiratet bleiben, zur Stärkung ihrer Kampfmoral. Damit sie keine Frau und keine Kinder hätten, niemanden, den sie liebten, niemanden, der sie liebte. Damit sich die Liebe in dieser Variante nicht ans Werk machen konnte bei ihnen. Und womöglich alles in Frage stellen, wofür sie doch kämpfen und sterben sollten.
Die Paare an den Tischen wissen das wahrscheinlich nicht, die Händchenhalter und Tief-in die-Augen-Blicker so wenig wie die Gleichmütigen. Aber sie alle wissen und versuchen es geschickt zu verbergen, wie schwach uns die Liebe in all ihren Varianten und Kombinationen macht. Es liegt doch auf allen Tischen, zu groß, als das wir es je schaffen könnten. Wie bereit uns die Liebe macht, alles zu glauben und zu hoffen, alles zu ertragen und zu dulden.
Nun aber bleibt / Glaube Liebe Hoffnung / diese drei / Aber die Liebe / ist das schwächste / Glied in der Kette / die Stelle / an welcher / der Teufelskreis /bricht
Amen
[1] aus: Eva Zeller, Nach erster Korinther dreizehn, in: Unveränderliche Kennzeichen. Ausgewählte Erzählungen und Gedichte, Berlin 1983.

