Die Welt bemuttern

Für Violeta, geboren am 8. März 2026

Sie haben sich bemüht, mit freundlichen Farben den Flur entlang und Bildern von süßen Babys an den Wänden. Sogar ein paar Sinnsprüche sind an die Wand getextet. Dies ist die heiterste Station des Hauses. Aber ein Krankenhaus bleibt ein Krankenhaus, bleibt langer Flur und Geruch nach Desinfektionsmitteln. Und öffnest du hier eine Tür, geht der Blick erst einmal auf einen Parkplatz im Hinterhof. Die Bäume sind noch ganz kahl und helfen dir nicht. Aber der Grund deines Besuchs, die Mutter und das Kind, diese beiden, sie helfen dir, gegen den Geruch von Krankenhaus, gegen graue Parkplätze und kahle Bäume. Das Zimmer, trotz aller Bemühungen doch ein nüchternes Krankenhauszimmer, ist wie das Weihnachtszimmer, wenn du die Tür aufmachst. Denn da ist ein Mensch zur Welt gekommen, unter Schmerzen geboren worden, von denen die Mutter schon jetzt als von vergangenen spricht. Sie hat ihr Kind im Arm, an der Brust, nah am Herzen. Ab und zu zuckt ein Händchen, zieht ein unbestimmter Ausdruck über das kleine, unfertige Gesicht, wie eine leichte Wolke ab und an über den hellen Frühlingshimmel draußen. Bald wird das Kind weinen. Dann wird seine Mutter es an ihre Brust nehmen und es stillen. Und wenn du gehst, nimmst du etwas von dem mit, was in diesem Zimmer wohnt, hinaus in den Flur und auf den Parkplatz: Diesen Anfang, diesen Frieden.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. (Jes 66, 10-14)

Ein Anfang und ein Frieden. Wie ein Besuch bei einer Frau im Kindbett, bei einer jungen Mutter wird es sein. So malt der Prophet Jesaja die Zukunft Jerusalems und die Zukunft Israels aus. Freut euch mit und seid fröhlich über diesen neuen Anfang, über diesen umfassenden Frieden. Mit der Wirklichkeit der Menschen, zu denen Jesaja spricht, mit dem Leben in ihrer zerstörten und besetzten Heimat hat das nichts zu tun. Die Stadt liegt in Trümmern, das Land lebt unter einer fremden Herrschaft. Es ist keine gute Zeit, um auch noch Kinder in diese Welt zu setzen. Es ist eher eine Zeit, um sich selbst wie ein mutterloses, verlassenes Kind zu fühlen. Deswegen nimmt Jesaja seine Leute an die Hand und führt sie zurück an ihren eigenen Anfang, in die Zeit, an die sich niemand von uns erinnern kann und die uns trotzdem bestimmt. Der Arm der Mutter, ihr Blick, ihre Brust, das Gefühl, von ihr gehalten, gesehen, genährt zu sein. Mit einem Anfang in diesem Frieden geht das Leben in eine gute Richtung. Was Jesaja macht, ist mehr als ein kurzer Besuch bei einer Mutter und ihrem neugeborenen Kind. Er führt seine Menschen zu ihren eigenen Erfahrungen von Geborgen-sein und Getröstet-werden zurück. Und das ist, wonach sie sich sehnen: Nach einem Anfang und nach einem Frieden.

Ehe sie Wehen bekommt, hat sie geboren, ehe sie in Kindsnöte kommt, hat sie einen Knaben geboren. Wer hat solches je gehört, wer hat solches je gesehen? War ein Land an einem Tage geboren. Ist ein Volk auf einmal zur Welt gekommen? Kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren (Jes 66,7f.)

Jesaja geht weit über die Wirklichkeit hinaus, sehr weit. Denn selbst die Schmerzen einer Geburt werden nicht mehr sein. Jede Mutter erlebt das und vergisst es wieder. Und jede Frau, die eine Mutter ist, erinnert sich beim Anblick eines neugeborenen Kindes auch daran. Aber bei dieser Geburt gibt es das alles nicht. Keine Wehen, keine Geburtsverletzungen, kein schmerzhafter Milcheinschuss. So leicht kommt der Anfang. So leicht kommt der Frieden, für Jerusalem und für das ganze Land Israel. Wie eine Mutter tröstet Gott seine Menschen. Jesajas Bilder vom Anfang und vom Frieden gehen weit über die Wirklichkeit hinaus. Sie sind Gegenbilder zu den Wehen, den Verletzungen und Schmerzen der Gegenwart. Sie trösten, wie eine Mutter tröstet. Denn wenn ein Kind zur Welt kommt, dann ist die Zeit des steten Geborgen-Seins, des unmerklichen Genährt-Werdens für das Kind vorbei, für immer. Und der Arm und die Brust der Mutter bleibt trotz aller innigen Zuwendung nur ein Ersatz. Das ist der Preis des Geboren-Seins. Das Leiden, auf der Welt zu sein, kann keine Mutter ihrem Kind abnehmen. Doch wenn sie ihr Kind tröstet, wenn sie es hält und stillt, dann wird sein Leiden an diesem Leiden kleiner.

Und damit schafft es das Bild von Jesaja bis in unsere Wirklichkeit hinein. Das Leiden an der Welt, vor allem daran, wie die Welt gerade ist, kann uns niemand abnehmen. Es ist verstörend, dass es gerade in Jerusalem und in Israel so unendlich schwer ist mit dem neuen Anfang und mit dem Frieden. Und es sich anfühlt, als läge die ganze Welt in Wehen, ohne das irgendjemand wirklich wüsste, was kommt. Dem Leiden am Leiden dieser Welt kann man sich nicht entziehen. In den Krankenhausfluren unserer Zeit, auf den grauen Parkplätzen der Welt, auf denen alles stillsteht, unter den kahlen Bäumen, die ihren Frühling noch zurückhalten. Dort überall kann auch ziemlich erwachsene Menschen der Wunsch überkommen, sich irgendwohin zu flüchten, wie in den Arm oder auf den Schoß einer Mutter.

Nach einem Anfang und einem Frieden, nach einem Trost im Leiden am Leiden dieser Welt, danach suchen wir. Und zum Glück gibt es sie, die weibliche und mütterliche Seite dieser Welt. Sie wird sichtbar an Tagen wie dem Internationalen Frauentag. Lange Zeit wurde dieser Tag kaum begangen und eher wahrgenommen als eine aus der Vergangenheit vor allem sozialistischer Länder übriggebliebene Tradition. Ich war auch skeptisch, dass dieser Tag in Berlin ein richtiger Feiertag sein sollte. Aber in diesem Jahr ist der Frauentag an vielen Orten neu aufgeblüht. Frauen und auch Männer protestierten für Rechte von Frauen, gegen Gewalt gegen Frauen, für Gleichberechtigung. Das alles sind politische Forderungen. Aber sie haben ihren Ursprung in persönlichen Erfahrungen von Frauen. Und in der Wahrnehmung, dass die Welt sich gerade wieder in eine falsche Richtung entwickelt, hin zu einer Welt, in der ausschließlich die Männer das Sagen haben wollen. Es ist kein Zufall, dass die Macht von Männern sehr oft in einem Zusammenhang mit der Unterdrückung von Frauen steht. Nicht nur in der Welt übrigens, sondern auch in der Kirche. Selbst das Bild von Gott als tröstender, stillender Mutter ist für manche Menschen schon befremdlich. Aber Mütter wissen nun einmal aus eigener, körperlicher Erfahrung, wieviel Hingabe es braucht, um auch nur einen einzigen Menschen zur Welt zu bringen. Was es bedeutet, schwanger zu werden, ein Kind zu erwarten, es zu gebären, es zu stillen und zu trösten. Auch dann noch, wenn es längst sitzt und geht und spricht und irgendwann ziemlich erwachsen ist.

Wie eine Mutter tröstet Gott. Diese Welt braucht es, dass Gott sich ihr hingibt. Und uns hinweist darauf, dass diese Welt und jedes Leben auf dieser Welt so zart und so verletzlich ist wie ein neugeborenes Kind. Es sind die Frauen und unter ihnen besonders die Mütter, die diese Welt genau ansehen, sie tragen und nähren und sich dabei hingeben, mit all den Nachteilen, die sich daraus ergeben. Hingabe ist ein in mancher Hinsicht aus der Mode gekommenes Wort. Alle wollen selbst bestimmen. Niemand will sich mehr hingeben, weil es einen so schwach macht und gleichzeitig so anstrengend ist. Nur Jesus wollte es, aber der ist ja auch Gottes Sohn. Er sagt: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht (Joh 12, 24)

Wenn ich das Leiden am Leiden dieser Welt nicht mehr aushalten kann, dann gehe ich mit Jesaja wie in dieses Zimmer im Krankenhaus. Und mir öffnet sich die Tür zu einer anderen Welt. Ich bin nicht mehr auf dem Flur. Ich habe einen Parkplatz gefunden. Die Bäume blühen auf. Und ich werde dort angesehen, gehalten, einen Augenblick still und getröstet. Ein Anfang und ein Frieden. Und wenn ich wieder hinausgehe, nehme ich ihn mit.

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