Ein Duft

Es gibt eine Überzeugungskraft des Duftes, die stärker ist als Worte, Augenschein, Gefühl und Wille. Die Überzeugungskraft des Duftes ist nicht abzuwehren, sie geht in uns hinein wie die Atemluft in unsere Lungen, sie erfüllt uns, füllt uns vollkommen aus, es gibt kein Mittel gegen sie.

Mit jedem Atemzug wird er stärker, der Duft. Auch wer noch ins Gespräch vertieft war und das Hereinkommen der Frau gar nicht mitbekommen hat, bemerkt, das etwas geschehen ist. Auf einmal ist der Raum erfüllt von Duft.

Hier, im Hause Simons des Aussätzigen, hat es lange Zeit ganz anders gerochen. Kaum, dass etwas frische Luft herein kam, denn die Tür hat sich sehr selten geöffnet. Wer kommt schon gerne zu einem zu Besuch, der an Aussatz leidet? Und wer geht schon gerne aus dem Haus, gezeichnet von dieser Krankheit? Dumpf und stickig war es hier, über und unter allen anderen Gerüchen eines Hauses der Geruch von Krankheit, von Salben und Verbänden. Eine Luft, manchmal wie in einem Grab. Ein Hauch von Tod.

Heute ist es anders. Oft ist die Tür geöffnet worden und wieder geschlossen, bis alle zusammen waren. Sie bringen die Luft von draußen mit. Sie sind ja Gäste heute Abend und kommen ohne den Staub und Schweiß des Tages. Das Essen verbreitet seinen Duft. Einige Gäste stecken erst einmal genießerisch ihre Nase in den Kelch, in dem der Wein funkelt, bevor sie den ersten Schluck trinken. Es wird ein schöner Abend werden.

Und dann ist im Raum auf einmal dieser Duft, der alle anderen Gerüche, auch die Düfte und die Wohlgerüche dieses Abends, in den Hintergrund treten lässt.

Der Duft war so himmlisch gut, dass ihnen schlagartig das Wasser in die Augen trat. Das Parfum war herrlich. Dieses Parfum war kein Parfum, wie man es bisher kannte. Das war ein völlig neuartiges Ding, das eine ganze Welt aus sich erschaffen konnte, eine zauberhafte, reiche Welt, und man vergaß mit einem Schlag die Ekelhaftigkeiten um sich her und fühlte sich so reich, so wohl, so frei, so gut…

Ein Duft, der alles andere vergessen lässt. Einen Moment lang haben sie sich ihm hingegeben, aber nur so lange, wie es dauerte, bis sie die Situation erfasst haben. Die Frau, die hereingetreten ist zu Jesus, das kleine Fläschchen zerbrochen und den gesamten Inhalt über seinen Kopf gegossen hat. Schon als die ersten Tropfen auf den Tisch und auf den Boden fallen, haben sie sich wieder in der Gewalt, begreifen, was da gerade geschehen ist. Was so duftet, muss von woanders her kommen, scheint aus einer anderen Welt zu stammen. Ein Duft, der mit dem Alltag und seinen Ekelhaftigkeiten nichts zu tun hat. Ein Öl, unverfälscht und kostbar. Ein reiner Luxus.

Sie müssen sich regelrecht selbst zur Ordnung rufen. So geht es doch wohl nicht. Die Welt ist eben nicht zauberhaft und reich, ganz im Gegenteil. Im Fläschchen wäre das Öl besser aufgehoben gewesen, als vorsichtig transportierte Kostbarkeit, verkauft an jemanden, für den Geld keine Rolle spielt, der für ein Fläschchen Öl ausgeben kann, wofür andere ein Jahr lang zu arbeiten haben. Und mit dem Erlös hätte viel Gutes geschehen können, Hilfe und Unterstützung für die, die eben nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen und von denen es leider so viele gibt.

Mit der Wirklichkeit hat dieser Duft jedenfalls nichts zu tun, denn die riecht anders, nach Blut und Schweiß und Tränen. Wenig und kostbar die Gelegenheiten, zu denen man das einmal vergessen kann, mit schlechtem Gewissen, immer in dem Wissen, dass man gerade das nicht darf.

Aber jetzt ist es anders. Jetzt darf der Duft den Raum erfüllen und alles andere vergessen lassen. Jesus weiß schon jetzt, dass es für ihn bald nur noch Blut und Schweiß und Tränen geben wird auf dem Weg hinaus vor die Stadt. Jesus weiß, dass der Tod auf ihn wartet und das Grab. Ein Grab außerdem, in dem kein Wohlgeruch von Öl und Salben mehr den Geruch des Todes überdecken kann, weil keine Zeit mehr sein wird für eine Salbung, wenn sie hastig seine Leiche fortschaffen müssen. Von denen, die mit ihm am Tisch sitzen, hat das noch keiner erkannt, außer der Frau.

Sie weiß es, sie weiß um Blut und Schweiß und Tränen, um Tod und Grab, die auf Jesus warten. Und sie weiß, dass dem Tod und dem Grab nichts entgegen zu setzen ist als die Liebe. Eine Liebe, die stark ist wie der Tod, eine Liebe, von der lange vor ihr eine andere Frau gesungen hat. Die Frau aus dem Hohen Lied, genauso namenlos wie sie und genauso unvergesslich.

Es riechen deine Salben köstlich, so singt diese Frau im Hohen Lied, dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe. Und sie singt weiter: Als der König sich herwandte, gab meine Narde ihren Duft. Das geschieht jetzt wieder, hier, im Haus Simons des Aussätzigen, weil eine Frau weiß, wer Jesus wirklich ist, weil sie ihn erkannt hat.

Alle, die da mit am Tisch sitzen, sehen auch etwas in Jesus. Sie sehen das in ihm, was sie selbst sich am meisten wünschen. Sie sehen in Jesus den Revolutionär, der die Herrschaft der Besatzungsmacht brechen wird. Sie sehen einen Propheten, der die Umkehrung der Verhältnisse ankündigt, der Sozialkritik übt und für Gerechtigkeit eintritt. Sie sehen einen religiösen Führer, der den Muff von tausend Jahren abschütteln kann. Sie sehen die Welt, wie sie nun einmal ist. Sie sehen das Blut, den Schweiß und die Tränen darin und wünschen sich, dass es anders wird, endlich, durch Jesus. Sie können die Ekelhaftigkeiten der Welt nicht vergessen und sich diesem Duft einfach hingeben.

Aber das wäre jetzt, in diesem Moment, das einzig Richtige. Das macht Jesus ihnen unmissverständlich klar. Den Ekelhaftigkeiten der Welt werdet ihr nicht auf Dauer entfliehen können, das muss jetzt nicht eure Sorge sein. Arme habt ihr allezeit bei euch, vielleicht schon, wenn ihr dieses Haus verlasst und vor die Tür tretet hier in Betanien, im Haus der Armut.

Aber ich werde schon bald nicht mehr bei euch sein. Und dann werdet ihr euch diesen einen Moment zurückwünschen. Dann würdet ihr viel dafür geben, es noch einmal erleben zu können, diesen Abend mit mir, rund um den Tisch. Es ist dieser Duft, der eine Spur in euch, in Kopf und Herz hinterlassen kann, stärker als alle anderen Sinneseindrücke, wichtiger als alles, was ihr von mir gesehen habt, einprägsamer als alles, was ich gesagt habe, unvergesslich und kostbar. Es ist dieser Moment, auf den es ankommt. Ihr müsst alles andere vergessen, damit ihr euch einmal erinnern könnt, wie es war, als ich

mit dem Inhalt dieses Fläschchens über und über besprenkelt und mit einem Mal von Schönheit übergossen war wie von strahlendem Feuer

Die Frau, sie sieht schon jetzt, hier im haus Simons des Aussätzigen, die Schönheit und den Glanz, der zu Jesus gehört. Denn diese Frau hat Augen, die eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit sehen können. Augen, die in Jesus von Nazareth den König der Könige erkennen. Augen, die sich nicht täuschen lassen von dem wenig königlichen Einzug in die Stadt, auf dem Rücken eines Esels, weit eher die Karikatur eines Herrschaftsantritts als eine entschlossene Machtübernahme. Und deshalb tut sie an ihm, was in Israel an einem König getan werden muss.

Sie salbt sein Haupt mit Öl, ohne Zögern und so entschlossen und verschwenderisch, wie es alleine diesem König angemessen ist. Ein Jahreslohn, der da zerfließt, sie weiß es und es kümmert sie nicht, denn sie weiß, genau wie die Frau, die das Hohe Lied singt:  Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen.

Im Angesicht der Liebe zerfließt alle Berechnung. Das weiß die Frau und das ist von ihr zu lernen und damit etwas vom Wesen der Liebe selbst. Und noch mehr lehrt sie alle, die da mit am Tisch sitzen. Im Angesicht der Liebe zählt der eine Moment des Erkennens und nicht eine distanzierte Analyse der Situation. Im Angesicht der Liebe gibt es nur das eine, was man tun kann und von dem man weiß, dass es das Richtige ist, ohne Rücksicht auf andere und auch auf sich selbst, ohne Angst vor den Schmerzen, die vielleicht damit verbunden sein werden. Im Angesicht der Liebe muss man alles andere vergessen, damit man sich an die Liebe einmal erinnern kann, später.

Es ist diese Liebe und Hingabe, die die Frau in Jesus erkennt, die ihm eigen ist und ihn auf einen Weg voller Blut und Schweiß und Tränen führen wird. Deswegen ist in höchstem Maße angemessen, was die Frau tut.

Der Mehrwert ihrer Liebe, der über dreihundert Silbergroschen noch weit hinaus geht, wird noch einmal deutlich werden nur wenig später, als sich einer dreißig Silbergroschen in die Hand zählen lässt. Einer, der im Verrat den Weg der Liebe verlassen hat, der so den Weg bereitet für den Tod und das Grab und sich das noch nicht einmal anständig bezahlen lässt. Die Ekelhaftigkeiten der Welt werden viel schneller wieder gegenwärtig sein, als es sich die Gäste am Tisch überhaupt vorstellen können. Die Gefahr besteht nicht darin, dass sie irgendetwas vergessen. Die Gefahr besteht darin, dass sie sich nicht werden erinnern können.

Gegen das Vergessen, für das Erinnern tut die Frau, was sie tut. Zu seinem Gedächtnis und zu ihrem Gedächtnis, zum Gedächtnis aller. Denn nur ein Duft hinterlässt eine Spur im Kopf und im Herzen zugleich. Für einen Moment erfüllt ein Duft den Raum und wie jeder Duft ist er flüchtig und schon morgen früh nur noch ein Hauch.

Morgen schon ist der Tag des Verrats und der Gefangennahme, der Tag, an dem sie Jesus im Stich lassen und ihn verleugnen. Morgen schon wird auf den Kopf, von dem jetzt das Öl herabfließt, eine Dornenkrone gedrückt werden. Aber jetzt ist nichts als ein Duft um ihn. Niemand wird ihn vergessen. Und sie.

Anmerkung: Die nicht-biblischen Zitate stammen aus dem Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind (Zürich 1985, S. 107f., S. 111f. und S. 318f.) und wurden dem Duktus der Predigt angepasst, kleinere Veränderungen und Auslassungen sind nicht gekennzeichnet.

Das Bild stammt von Frederick Sandys, Mary Magdalene (1859)

Nach oben scrollen