Wo kommt diese Musik her? Vor fast genau zwei Wochen erst hat die Musik der Johannespassion von Johann Sebastian Bach diese Kirche erfüllt. Das Ende der Geschichte kennen wir. Und auch die Musik dazu ist einigen vielleicht im Ohr, besonders, noch vor dem berühmten Schlusschoral, das „Ruhet wohl“. Dazwischen ist eine ganze Menge geschehen, unter anderem eine Auferstehung, unter anderem Ostern. Aber der Soundtrack, der nach dem Willen von Johann Sebastian Bach im Kopf der beiden Freunde von Jesus spielt, der ist keine Ostermusik. Es ist kein allzu großer Unterschied zwischen „Ruhet wohl, ruhet wohl“ und dem „Bleib bei uns, bleib bei uns“, weder in der Tonart noch im Takt. Höchstens noch ein bisschen zitteriger hört es sich das „Bleib bei uns an“ an, etwas verunsichert, flehentlich. Diese beiden sind unterwegs, aber ob sie ein Ziel haben, was sie überhaupt dort in Emmaus wollen, das bleibt offen. Einfach mal raus, einfach weg aus Jerusalem, nach all den dramatischen Ereignissen Abstand gewinnen. Denn auch sie waren offenbar schon davon überzeugt, dass Abstand gewinnen eine gute Sache ist. Nur ob es ihnen gelingt, ist die Frage. Die Musik spricht eine andere Sprache. Sie erzählt, wie die Traurigkeit mit ihnen mitgeht, Schritt für Schritt. Es wird Abend, es wird draußen schon dunkel und bald, sehr bald, werden sie Mühe haben, den Weg noch vor sich zu sehen. Sie sind unterwegs, noch wie von dem einen Dunkel ins andere. Es ist ein dunkles Tal, durch das sie erst noch müssen. Aber ob sie schon wanderten in diesem finsteren Tal, einer ist bei ihnen und geht diesen Weg mit.
Ich habe die Geschichte von dem Spaziergang nach Emmaus schon immer geliebt, schon als Konfirmandin. Damals war der Soundtrack zu dieser Geschichte für mich ein Lied: „Ich möcht‘, dass einer mit mir geht“. Ein sogenanntes neues geistliches Lied, in Zeit und Qualität äonenweit entfernt von einer Bachkantate. Aber ich komme nun einmal vom Dorf. Ich hatte nichts anderes. Aber ich wollte das gleiche, was die beiden Freunde von Jesus wollten und Johann Sebastian Bach auch. Dass einer mit mir mitgeht, besonders, wenn es dunkel wird. Dass man es schafft durch die dunklen Täler. Denn dafür braucht man einen an der Seite, der es wie Jesus macht, der mit einem Schritt hält und den Mund. Der nicht so viele Fragen stellt, sondern erst einmal eine Strecke mit einem wandert. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Als Konfirmandinnen und Konfirmanden haben wir manchmal gekichert bei diesem Lied „Ich möcht‘, dass einer mit mir geht“, hihihi, damit könnte ja auch jeweils ein anderer oder eine andere als ausgerechnet Jesus gemeint sein. Wenn man 14 Jahre alt ist, denkt man an so etwas. Aber schon als Konfirmandin und Konfirmand weiß man intuitiv, was wichtig ist im Leben und man denkt viel darüber nach. Auch wenn man noch nicht genau weiß, wie sich das anfühlt. Nicht allein bleiben ist wichtig. Und ob du als Soundtrack dazu eine Bachkantate mit Chor und Orchester hörst oder singst oder ein mittelgutes Lied zur Gitarre, das ist nur ein gradueller Unterschied. Du bist bei mir. Das will ich sagen können, zu einem Menschen. Und erst recht dann, wenn Menschen mich verlassen oder wenn sie sterben, so wie Jesus in Jerusalem seine Freunde verlassen hat und gestorben ist und sie ihn begraben mussten und ihn beweinen. Dann will ich zu Gott sagen: Bleib bei mir.
Drei Worte sind schon ein Gebet. Bleib bei mir. Bleib bei uns. Und alles, was noch dazu kommt, in der Kantate und im Leben, das sind nur Entfaltungen dieses Gebets. Dass wir itzt vor deinem Thron / eine Bitte niederlegen: / Bleib, ach bleibe unser Licht, / weil die Finsternis einbricht. So entfaltet sich das in der Sprache des Barock in der Alt-Arie. Und der Sopran singt weiter. Die Stimme singt sich und uns weg von den persönlichen Dunkelheiten zu den Dunkelheiten der Welt. Und wenn der Bass dann übernimmt, ist das immer noch barocke Sprache, aber auch unsere Gegenwart: Es hat die Dunkelheit / an vielen Orten überhand genommen. / Woher ist aber dieses kommen? / Bloß daher, weil sowohl die Kleinen als die Großen / nicht in Gerechtigkeit / vor dir, o Gott, gewandelt. Da ist gar nichts mehr barock, sondern es ist ein nüchterner Erklärungsversuch, warum die Welt so ist, wie sie ist. Auf dem Weg nach Emmaus ist noch vollkommen offen, wie das mit Jesus weitergeht. Wanderprediger gab es damals viele. Umgekommen sind sicher einige davon. Aber weitergegangen ist nur die Geschichte von Jesus.
Der Weg von Jerusalem nach Emmaus ist zehn Kilometer weit und über 2000 Jahre lang. Ich glaube, dass Jesus diesen ganzen endlosen Weg mit uns gegangen ist, der wirklich kein Spaziergang war und ist. Jesus war bei uns, aber eben auf seine Art, als einer, der Schritt hält und den Mund und nur manchmal Fragen stellt, aber dann die richtigen. Es geht weiter nach Ostern. Und falls jemand noch nicht weiß, was mit der ganzen Zeit seither anzufangen wäre, mit diesem sich endlos dehnenden Tag danach, dem schon Jahrtausende andauernden zweiten Ostertag: Sich fragen, was Jesus dazu sagen würde. Etwas von Jesus lernen.
Seinen Freunden auf dem Weg nach Emmaus erklärt Jesus die Schrift, angefangen bei Mose und den Propheten. Und er erklärt uns etwas, bei dem wir auf eine Art immer wie Konfirmandinnen und Konfirmanden bleiben: Was es mit Gottes Gesetz und Gottes Gerechtigkeit auf sich hat. Er führet uns auf rechter Straße um seines Namens willen. Und diese rechte Straße ist, nur um etwaige Missverständnisse auszuschließen, nicht der Weg nach rechts. Es ist der Weg der Liebe zu Gott und zu den Nächsten. Es ist, als würde einer das Licht anmachen in den Dunkelheiten der Welt, besonders da, wo die Dunkelheit überhand nimmt.
Wo kommt die Musik her, wo das Licht, woher ein anderer Klang in dieser Welt, ein anderer Glanz über dieser Welt? Johann Sebastian, der begnadete Komponist, war auch ein begnadeter Wiederverwender seiner eigenen musikalischen Ideen. Am Karfreitag des Jahres 1725 hatte er eine zweite Fassung seiner Johannespassion aufgeführt und sich also mit ihr noch einmal eingehend beschäftigt. Ob deswegen der Eingangschor der Kantate, die er danach für den Ostermontag komponierte, so ähnlich klingt wie das „Ruhet wohl“? Was er mit seiner Musik sagen wollte, ist vielleicht: Die Geschichte Jesu geht weiter. Sie endet nicht mit den heiligen Gebeinen in einem Grab. Sondern Jesus kommt wieder auf die Füße und geht mit uns, um uns den Weg aus der Dunkelheit ins Licht zu zeigen. Das Motiv der Tenor-Arie voller Licht stammt auch aus der zweiten Fassung der Johannespassion. Lass das Licht / deines Worts helle scheinen und dich jederzeit treu meinen. Bleib bei uns, Jesus. Und lass uns bei dir bleiben.
(Bild von Janet Brooks-Gerloff im Kreuzgang der Abtei Kornelimünster)

