Schafe zählen

Ein goldener Tritt und ein giftiger Zahn. Niemand darf sich von der wolligen Idylle täuschen lassen, die das Bild einer Schafherde auf einem Deich oder auf einer weiten Grünfläche bietet. Schafe sind sehr effektive Landschaftspfleger. Ihr Tritt beseitigt Unebenheiten wie Maulwurfshügel und kleinere Löcher. Schädliche Nagetiere wie Mäuse, Bisamratten oder Nutrias werden durch die Anwesenheit der Schafe zum Beispiel auf Deichen vergrämt. Dabei sind Schafe klein und leicht genug, um nicht alles zu zertreten. Im Gegenteil, da, wo Schafe sind, wird die Grasnarbe fester und widerstandsfähiger. Und sie sind meistens viele. Fressen tun sie allerdings nur, was ihnen schmeckt und das auch bis auf die Wurzel. So blökend und harmlos, wie sie daherkommen, sind sie dann eben doch nicht. Schafe zählen, um einzuschlafen? Lieber nicht. Denn die kleinen, scharfen Klauen dieser Paarhufer haben es in sich.

Dieses Wissen um den goldenen Tritt der Schafe, das brauche ich unbedingt. Denn dann komme ich besser zurecht auch mit den anderen Bildern von Schafen in meinem Kopf. Besonders mit dem Bild von Christus als dem Lamm Gottes. In jedem Gottesdienst, in dem wir Abendmahl feiern, singen wir das „Agnus Dei“, „Christe, du Lamm Gottes“. Und die Bilder, die man davon in den Kopf bekommt, das sind die eines hilflosen Lamms. Am besten hat es auch noch die Beine zusammengebunden bekommen, líegt hilflos und gefesselt da und zappelt höchstens noch ein bisschen mitleiderregend herum. Die christliche Bildtradition und die Texte der meisten Passionslieder sind voll davon. Um im Paul-Gerhardt-Jahr eines der prominentesten Beispiele zu zitieren: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder / es geht und büßet in Geduld die Sünden aller Sünder / es geht dahin, wird matt und krank / begibt sich auf die Würgebank, entsaget allen Freuden, / es nimmet an Schmach, Hohn und Spott / Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: „Ich wills gern leiden“ (EG 83)

Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott Übel erträgt und Unrecht leidet. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, ist dies Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen (1. Petr 2, 19-21)

Es wäre praktischer für sie, wenn sie gerne leiden würden, die Christinnen und Christen im ersten Jahrhundert nach Christus. Denn leiden tun sie sowieso, unter dem Gefühl, einer unbedeutenden Minderheit anzugehören, unter der Verfolgung durch die Behörden, unter der Verächtlichmachung ihres Glaubens an einen gekreuzigten Gott. Sie erleiden Schmach, Hohn und Spott, einige auch Wunden, Striemen, Kreuz und Tod. So wie Petrus, in dessen Namen Briefe geschrieben werden, als derjenige, an dem sich die ersten Christinnen und Christen orientieren sollten. Und der, so wird es erzählt, am Ende nicht nur gekreuzigt wurde, sondern auch noch kopfüber am Holz hing. Und Angst haben sie eigentlich alle, die ganze Zeit. Da wäre es wirklich einfacher für sie, wenn sie gerne leiden würden, auch, wenn sie sich überhaupt nichts zuschulden kommen lassen. Und sie sich hierhin und dorthin treiben ließen, wo man sie gerade haben will, wie die Schafe, folgsam, sanft und ohne große Gegenwehr. Das Vorbild Jesu erscheint auf einmal fragwürdig und seine Fußstapfen viel zu groß.

Beide Begriffe, der des Vorbildes und der der Fußstapfen, haben etwas miteinander gemeinsam. Bei den Fußstapfen ist es klar: Wenn ich sie sehe, wie sie sich jemandes Fußspuren in die Oberfläche vor mir eingegraben haben, dann weiß ich, dass mir da jemand vorausgegangen ist. Das griechische Wort für Vorbild, hypogrammos, meint so etwas wie eine Vorzeichnung oder eine Vorlage. Man benutzte so etwas im Unterricht. Damit Kinder das Schreiben lernten, zeichneten sie Buchstaben nach dieser Vorlage nach oder pausten sie auf ihr eigenes Papier durch.
Einer macht es vor. Wir machen es nach. Und im Fall von Jesus ist das Vorbild, die Vorlage, die Spur das Leiden. Für die Geschichte seiner Passion, seines Leidens gibt es auch ein Vorbild, eine Spur, gelegt durch das Buch des Propheten Jesaja in dem Bild von dem leidenden Knecht Gottes.


Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. (Jes 53, 4-7)

Niemand weiß, wer er genau war. Ein Knecht Gottes, sagt man, einer, der leiden muss, weil er mit Gott zu tun hat. Eine dunkle Spur ist das, tiefe Fußstapfen, in denen man stecken bleiben kann. Sie zieht sich durch die Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen. Es gibt für das Leiden keinen Grund und auf die Frage nach dem Warum? gibt es keine Antwort. Immer wieder wird man daran scheitern und es nicht verstehen können, warum guten Menschen Böses widerfährt, wenn Gott es doch angeblich gut mit uns meint. Den „Fels des Atheismus“ hat man die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gott und dem Leiden genannt. Und das ist ein Fels, der sich manchmal stabiler erweist als der Fels, auf dem die christliche Kirche gebaut ist.

Der Brief, um den es heute geht, wurde im Namen von Petrus geschrieben, was auf griechisch „Fels“ bedeutet. Aber wir wissen gerade aus der Geschichte von Jesu Leiden und Sterben, wie es mit der Felsenhaftigkeit von Petrus ausgesehen hat. Petrus hat sich Jesus nicht zum Vorbild genommen. Er wollte jedenfalls nicht leiden und nicht den gleichen Weg wie Jesus gehen, wie ein Lamm zur Schlachtbank. Er hat geleugnet, Jesus überhaupt zu kennen und ist weggelaufen, als es darauf ankam. Wenn wir anfangen von Fußstapfen zu sprechen, dann waren sie Petrus auf jeden Fall zu groß. So hat es angefangen mit der christlichen Kirche. Bis heute sitzt auf einem Stuhl in Rom einer, der sich als der Nachfolger Petri bezeichnet, der Papst. Und man darf fragen, wie weit die christliche Kirche in den zwei Jahrtausenden ihrer Existenz mit dem Vorbild und den Fußstapfen Jesu wirklich gekommen ist.
Dass sie immer auf der Seite derer war, die leiden, dass sie selbst gelitten und geduldet hat, weil sie das Gute getan hat, das gab es zum Glück in ihrer Geschichte auch. Aber es war eher die Ausnahme und nicht die Regel. Wie oft ist die christliche Kirche weggelaufen, wenn es darauf ankam?

Zu der Zeit, als dieser Brief im Namen von Petrus geschrieben wurde, war es noch so, dass die Christinnen und Christen eine unbedeutende, verfolgte und verächtlich gemachte Minderheit im römischen Reich waren. Es war zu erwarten, dass jede und jeder, der Jesus nachfolgen wollte, mit Leiden zu rechnen hatte. Und genau damit waren sie Jesus auf der Spur. Darum geht es bei dem Vorbild und den Fußstapfen. Es war einer vor euch da, der hat das alles auch erlebt. Und auch vor ihm gab es schon einen, den leidenden Gottesknecht, der solche Erfahrungen schon gemacht hat, der für ihn die Spur gelegt hat. Auch wer mit Gott zu tun hat, kann dem Leiden nicht ausweichen. Niemand muss es extra suchen, denn das Christentum ist von der Idee her keine masochistische Religion. Aber wenn das Leiden kommt, dann haben wir schon eine Spur, wie wir damit umgehen können. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen (1. Petr 2, 25).

Ein goldener Tritt. Schafe sind für ihre Fähigkeit zur Landschaftspflege geschätzt. Und auch die Herde der Schafe, zu der wir uns zählen, hat ihre Fähigkeiten bei einer anderen Art von Landschaftspflege. Der Verzicht auf Vergeltung führt ins Leiden und Dulden. Das war bei Jesus so und das wäre, wenn wir seinem Vorbild wirklich folgen würden, auch bei uns so. In der großen Landschaft der Welt sehen wir, wohin wir mit der Vergeltung als Taktik kommen. Aber ür die kleine Landschaft um mich herum kann ich es mir vornehmen. Eine Herde werden zusammen mit anderen, klein und leicht bleiben. Wir sehen wollig und harmlos aus, aber wir wissen, dass die Welt keine Idylle ist. Und dann goldene Tritte, wo immer es geht, bis sich die Liebe verdichtet und widerstandsfähig wird, ein Deich gegen all den Hass und die Vergeltung die uns zu überspülen drohen. Denn Schafe zählen.

Nach oben scrollen