„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ Was gibt es da zu suchen, lieber Paul Gerhardt? Die ersten Strophen seines wohl berühmtesten Liedes sind ein einziges Loblied auf die Schöpfung, auf die liebe Sommerzeit, von der wir am bevorstehenden langen Wochenende einen Vorgeschmack bekommen werden. Der Gärten Zier, der Schmuck, den sich noch der kümmerlichste Straßenbaum mit leuchtendem Grün anlegt, das frische hohe Gras mit gelbem Löwenzahn auf dem Mittelstreifen der mehrspurigen Straße, der Kaffee in der Sonne. Selbst bei mir im Hof gurren Tauben und Berlin ist in diesen Tagen amtlich bestätigt die Nachtigallenhauptstadt Europas mit ungefähr 1500 Brutpaaren und süßestem nächtlichen Gesang in allen Parks.
Was gibt es da also zu suchen? Es ist doch alles vor Augen, in den Ohren, auf der Haut. Die Schönheit dieser Welt ist eine erfahrbare Realität. Dafür muss man nicht einmal in den Urlaub fahren. Der Mai wird kommen und uns besuchen, wo wir gerade sind.
Aber jede und jeder von uns kennt auch die anderen Erfahrungen: Dass die Schönheit draußen nicht automatisch zur einer gehobenen Stimmung innen in mir führt. Auch unter blühenden Bäumen kann man traurig sein oder sogar regelrecht fliehen wollen vor all dem strahlenden Sonnenschein und den anderen Menschen, die den anscheinend so unbeschwert genießen können. Unsere Kirche ist auch ein Ort der Zuflucht für alle, die Außen und Innen nicht immer so gut in Einklang bringen können. Das zeigen die vielen berührenden Bitten, die wir hier sammeln und aus denen so oft eine große Not spricht.
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ Mit einer Aufforderung an das eigene Herz beginnt das berühmte Sommerlied von Paul Gerhardt. Mit dem eigenen Herzen reden, das ist typisch für die Zeit, in der Paul Gerhardt gelebt und gedichtet hat. Aber diese Art, mit dem eigenen Herzen zu sprechen, ist noch viel älter. Sie findet sich schon in den Psalmen der Bibel. Das Ich kann sich selbst gegenübertreten, auch ein bisschen Abstand von sich gewinnen, nicht in sich selbst gefangen bleiben. Dieses redende Ich spricht sich selbst an und weiß gleichzeitig, dass es eben nicht allein auf der Welt ist. Dies alles um dich herum, all die Schönheit und die Freude, das hat jemand gemacht, damit du es siehst und dich daran freust. Und wenn du in die die Freude gerade nicht finden kannst, dann schau über dich hinaus, Augen, Ohren, Haut und Hände hast du ja bekommen von dem Gott, der auch dich gemacht hat.
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ Das berühmte Lied von Paul Gerhardt führt uns Menschen aus uns heraus und von uns weg. Nachweislich ist es so, dass das Vitamin D, das wir kleinen Wunderwerke aus der Sonne auf unserer Haut produzieren können, auch die Stimmung hebt. Das Lied lenkt uns ins Außen, aber ohne uns zu zwingen, unser Inneres zu vergessen. „Mach in mir deinem Geiste Raum“ singen wir nämlich gleich auch noch. Führ mich aus mir heraus und schaffe damit Platz für etwas Neues, Platz, wo etwas wachsen kann. Der Sommer der Gnade, der Liebe und Zuwendung Gottes zu uns, der findet nämlich in uns selbst statt, sogar unabhängig davon, ob der Mai nur strahlend oder doch verregnet sein wird. Löwenzahn und Nachtigall sind in unser Herz gepflanzt, haben in uns ihr Brutgebiet. „Geh aus, mein Herz“, singe ich, und schaue nach außen und nach innen. Und finde die Freude.

