In den letzten Wochen habe ich einen dieser berühmten „Dachbodenfunde“ gemacht. In einer Abseite des alten Hauses auf dem kleinen Bauernhof, von dem ich stamme, habe ich eine große Truhe geöffnet und bin tiefer als jemals zuvor in die Geschichte meiner Familie eingetaucht. Die Truhe war schon immer da. Was darin war, wusste ich aber nicht. Ich habe Erinnerungen aus einer Zeit lange vor mir gefunden, drei bis vier Generationen zurück zu meinen Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern. Man sagt, das sei in etwa die Spanne, die man als Mensch in der Erinnerung noch erreichen kann und sie reicht etwas über einhundert Jahre. Sie alle, von denen ich nur Namen wusste, wurden lebendig in den Fotos und zum Teil schon sehr vergilbten Briefen und Papieren, die ich fand.
Meiner Familie ist es im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise gut ergangen. Meine beiden Großväter sind aus dem Krieg zurückgekommen. Wir sind keine Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Die kleine Bauernstelle hat dafür gesorgt, dass auch während des Krieges immer etwas zu essen auf dem Tisch war. Und Bomben sind dort oben im Norden Deutschlands überhaupt keine gefallen. Aber in den Briefen und persönlichen Dokumenten ist zu spüren, was der Krieg selbst noch mit denen macht, die er verschont. Im Jahr 1934 hatten meine Urgroßeltern die Siedlerstelle übernommen. Es gibt ein Foto davon, wie sie kurz danach vor der Scheune stehen, der Hofbesitzer und der älteste Sohn und Erbe mit den zwei kräftigen Ackerpferden, die Ehefrau und Mutter mit einer Schar Hühner zu ihren Füßen. Ein erheblicher Aufwand, dieses Foto zu machen, ein Bild für ihre Hoffnungen. Nur fünf Jahre später waren dann schon beide Söhne im Krieg, der eine in Frankreich, der andere in Russland. Und von der sorgfältig geplanten Zukunft gab es nichts, worauf man noch bauen konnte. Es gab nur noch Dinge, die man hoffen musste: Dass die Söhne zurückkommen. Dass das Leben weitergeht.
Von den Menschen auf dem Foto habe ich nur noch meinen Großvater gekannt, den ältesten Sohn, der den ganzen Krieg mitgemacht hat und von heute aus betrachtet sehr viel Glück hatte: Wegen einer Granatsplitterverletzung am Unterschenkel musste er nicht an die Front. Er kam dann zurück nach Hause, zu seinen Eltern und der Frau, die er mitten im Krieg geheiratet hatte und zu seinem kleinen Sohn, meinem Vater, der anders als viele andere Kinder seiner Generation dann einen Vater hatte. Das ist meine eigene, ganz persönliche Geschichte. Sie ist nicht besonders dramatisch. Aber sie wird es doch, wenn ich an die Sorgen und die Angst denke, die diese Menschen, die meine Familie sind, damals gehabt haben.
Das berührendste Erinnerungsstück, das ich in der Truhe gefunden habe, ist ein Gruß zum Muttertag. Er ist aus einem Stück Birkenrinde gemacht. Mein Großvater hat sie sorgfältig geglättet und dann in zarten Farben, wohl mit einem Buntstift, Blumen darauf gemalt. „Zum steten Gedenken, sendet dir liebe Mutter, Dein Sohn Otto“ steht darauf, in wunderschöner sorgfältiger Schrift. Irgendwo in Russland wird er das gebastelt haben, da, wo man keine Postkarten zum Muttertag kaufen konnte. Vielleicht haben das alle Männer gemacht. Sie hatten ja alle eine Mutter und die Feldpost hat den Gruß dann zu ihr nach Hause gebracht. Und die Hoffnung, die sich hinter dem kurzen Gruß versteckt: Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes und es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, spricht der Herr, und deine Kinder sollen wieder in ihre Heimat kommen. (Jer 31. 16)
Eine Hoffnung aus dem Buch des Propheten Jeremia, ungefähr 2500 Jahre alt. Und ich merke: Dass Hoffnungen alt werden, das gibt es nicht. Sie bleiben die gleichen, seit Menschen leben und vor allem, seit sie erleben, wie der Krieg in ihr Leben eindringt. Das kleine Leben, das wir haben, die Menschen, mit denen wir leben, die Heimat, die wir haben, die Existenz, die wir uns aufbauen, das alles kann ein Krieg zerstören, von einem Tag auf den anderen. Und es dauert 81 Jahre oder hundert Jahre, bis die Spuren des Krieges langsam aus den Familiengeschichten verschwinden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bewahrt unendlich viele dieser Spuren, für Menschen, die wie ich irgendwann auf die Geschichte ihrer Familie stoßen und viel bitterer als ich erfahren haben, wie der Krieg das Leben des Sohnes, des Ehemannes, des Vaters zerstört hat. Die manchmal nicht einmal ein Grab wissen, an dem ihre Trauer einen Ort haben könnte.
So unendlich langsam verschwinden die Spuren, die ein Krieg hinterlässt. Es dauert länger, als Papier vergilbt und Fotos verblassen. Zum steten Gedenken, Dein Sohn Otto schreibt mein Großvater, der eigentlich sehr viel Glück gehabt hat, auf eine weiße Birkenrinde. Sie hat die Zeiten besser überstanden als jedes Stück Papier. In stetem Gedenken daran, was jeder Krieg mit den Menschen macht, denke ich heute an ihn. Und an seinen Kameraden, den es getroffen hat und dem er nur noch versprechen konnte, seiner Frau die Nachricht von seinem Tod zu überbringen. Ich denke an ihn und daran, was ein Krieg mit meiner eigenen Familie machen würde, mit meinen Kindern und mir, mit unseren Hoffnungen und Wünschen und dem Leben, das wir leben oder uns erst noch aufbauen wollen.
Ich denke an die Menschen aus der Ukraine, an die Soldaten in den Schützengräben von heute, die auch alle eine Mutter haben, an die sie am Muttertag denken. Am nächsten Sonntag ist es soweit, etwas mehr als 80 Jahre, nachdem die kleine Karte aus Birkenrinde in einem kleinen Dorf in Norddeutschland ankam. Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern werden die Zähne stumpf, dieses Sprichwort kennt schon der Prophet Jeremia. Und er weiß genau, wovon er spricht. Davon, dass die Last der Geschichte auch die tragen müssen, die sie gar nicht oder nicht mehr zu verantworten haben. Und dass das nicht so sein soll, um Gottes Willen nicht, sondern dass jede und jeder seine eigene Verantwortung erkennen und tragen muss. Zum steten Gedenken.

