Gelungen

Der Sommer ist auf seiner Höhe angekommen. Und wir essen Johannisbeerkuchen auf dem Balkon, richtig gut gelungen, saftig und sauer die Früchte darin, mit Baiser obendrauf, knusprig und süß. Eigentlich nur ein Stück Kuchen, aber uneigentlich hat es den Geschmack von Jahr und von Leben. Es ist sauer und süß zugleich, das Jahr und das Leben, bis hierher. Wenn es gut gegangen ist, mit all der Arbeit und Mühe, dann bleibt das Saure und das Süße ausgewogen und köstlich. Dann ist es gelungen.

Heute ist der Tag Johannes des Täufers. In seiner Art ist er ein ausgewogener Mensch. Er lebt in der trockenen Wüste, aber er steht im strömenden Fluss, um Menschen zu taufen. Wir hören, dass er sich von Heuschrecken ernährt hat. Das möchten wir uns nicht einmal vorstellen im Mund und „knusprig“ wäre ein sehr verharmlosendes Wort dafür. Aber dazu aß er auch noch wilden Honig, beinahe brennend süß auf der Zunge. Beides zusammen hat ihm seine Kraft gegeben. Und das ist tatsächlich Eiweiß und Zucker, in den Heuschrecken und dem Honig, wenn auch nicht gerade als Baiser. Wo etwas ausgewogen ist, da wird es köstlich, da ist die Kraft da, weiterzumachen. Und heute ist ein Tag, um kurz innehalten und dieses nun schon halbe Jahr auf seine Ausgewogenheit zu überprüfen, auf den Geschmack, das es hinterlässt.

Wir essen Johannisbeerkuchen auf dem Balkon und genießen den Moment und dann ist er vorbei, denn es soll noch woanders hingehen und es ist einiges zusammenzusuchen und einzupacken. Die großen Kinder wollen das. Und wie es so ist, wenn große Kinder nach Hause kommen: Wir finden uns neu ein in unsere alten Rollen. Es fallen Sätze, lange nicht mehr ausgesprochen, die anfangen mit „Haben wir noch?“ und „Darf ich das?“ Kammern und Zwischenböden werden durchsucht, um die Campingausrüstung zu ergänzen und den Proviant. Sie tun, was die Aufgabe aller Kinder ist, egal welchen Alters: Sich nehmen und bekommen, was sie brauchen und dann gehen, hinaus in ihr Leben. Und die Aufgabe ihrer Eltern ist, zu verstehen, dass dies dann wohl die Ausgewogenheit des Lebens ist. Denn wir waren auch einmal so jung und fuhren auf Festivals oder gingen campen und plünderten vorher ein wenig unser Zuhause. Aus Nehmen und Geben ist das Leben gemacht. Und es braucht bis zu einer gewissen Höhe, um das zu erkennen.

Es gibt einen, der war gut darin: Johannes der Täufer, dieser auf seine Art ausgewogene Mensch. Denn er erkennt, wann es Zeit ist für die andere Art von Nehmen und Geben: Für den Moment, sich zurückzunehmen und einem anderen den Raum zu geben. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen (Joh 3, 30). Johannes gelingt, was schwer ist: Von sich absehen, jemand anderen groß werden lassen. Es ist eine Freude, wie sie Eltern haben, so köstlich nach all der Mühe und Arbeit. Es ist wie die Freude aller, die dabeistehen und sich mitfreuen, wie auf einer Hochzeit. Denn er ist die die Höhe des Jahres und die Höhe des Lebens: Jeder Moment, in dem uns das gelingt.

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