Wiederaufbau

Am vergangenen Dienstag, dem 1. September, hat in der Ukraine die Schule wieder begonnen. Es gab einen kurzen Bericht darüber in der Tagesschau. Ein Mädchen wurde gezeigt, in traditioneller Kleidung und schön herausgeputzt. Sie hieß Katja. Heute sollte ihr erster Tag in der fünften Klasse sein. Doch sie konnte sich mit ihren Klassenkameradinnen und -kameraden nur vor der Schule versammeln. Im Hintergrund war ein zerstörtes Gebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben zu sehen. Katjas Schule wurde wie über 4000 ukrainische Schulen von den gezielten russischen Angriffen zerstört. Nach der Feier sind sie deswegen alle wieder nach Hause gegangen. Der Unterricht kann nur online stattfinden. Eine Schule sei doch mehr als nur ein Gebäude, sagte Katja. Hier würden sie sich treffen, zum Lernen, aber eben auch für alles andere, was man so in der Schule macht. Katja hat geweint, als sie davon erzählt. Und mir sind auch die Tränen gekommen, da vor dem Fernseher. Es ist schwer auszuhalten, dass wir zusehen, wie einer ganzen Generation ukrainischer Kinder und Jugendlicher eine unbeschwerte Kindheit und eine sichere Zukunft genommen wird. Und ein ganz normales Leben mit Lieblingsfächern und Doppelstunden Mathe, mit Frühstückpausen, über den Lehrer lästern und jemanden aus der Parallelklasse gut finden.

Ich habe das am 1. September 2026 im Fernsehen gesehen. Vor 87 Jahren, am 1. September 1939, hat mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen. Und ich habe darüber schon sehr viel gelesen und Berichte darüber gesehen und als Pfarrerin viele Menschen begleitet, die im Zweiten Weltkrieg und danach Kinder und Jugendliche waren. Sie alle sind jetzt sehr alt. Viele von ihnen habe ich schon beerdigt. Und ohne Ausnahme habe ich mir erzählen lassen müssen, dass und wie dieser Krieg ihre Leben geprägt, beschädigt und manchmal ganz zerstört hat. Viele haben dabei geweint. Und wie lange der Zweite Weltkrieg weitergewirkt hat, das begreifen wir erst heute, über 80 Jahre nach seinem Ende wirklich.

Diejenigen, die die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ins Leben gerufen haben, haben sich das schon in den 1960er Jahren klar gemacht. Und folgende Generationen, so viele junge Menschen hatten durch dieses Engagement die Chance, zum Beispiel in der Begleitung von Überlebenden des Holocaust genau das zu begreifen: Dass kein Krieg zu Ende ist, nur weil die Waffen endlich schweigen.

Paul Gerhardt konnte ein Lied davon singen, wie es ist, in einem vom Krieg zerstörten Land zu leben. Sein Leben war von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert geprägt. Das Wort Trauma hat seinerzeit noch niemand verwendet. Aber dieser nicht enden wollende Krieg war ein Trauma für ganz Europa. Auch Paul Gerhardts persönliche Erfahrungen waren traumatisch. Sein Weg, sie zu verarbeiten, war, ein Lied daraus zu machen. Wir haben es mit der Melodie eines anderen Liedes gesungen. Sie könnte nicht passender gewählt sein: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“.

Paul Gerhardts Lied klammert sich auch noch an ein anderes Lied, an Psalm 85 aus der Bibel. Er musste sich vielleicht Worte leihen, weil er sonst Gefahr lief, ganz und gar zu verstummen. Man merkt es daran, wie eng er sich beim Dichten an den ursprünglichen Text des Psalms hält. Gleichzeitig tut er, was man mit den Psalmen tun darf und soll: Sie auf sich selbst anwenden, auf seine eigene Zeit und Situation. Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle ihre Sünde bedeckt hast (Psalm 85, 1) heißt es in Psalm 85. Aus den Gefangenen Jakobs, aus dem Volk Israel wird in seinem Lied „des gefangnen Volkes Band“. Jedes Land, das unter dem Krieg und seinen Folgen leidet, kann in dieses Lied einstimmen, über alle Zeiten hinweg. Dieses Lied singt davon, dass es doch auch einmal wieder anders werden muss als es war und ist. Es singt sich aus der Vergangenheit und der Gegenwart heraus, hinein in die Zukunft.

Ach, dass ich hören sollt‘ das Wort, erschallen bald auf Erden / das Frieden sollt an allem Ort, wo Christen wohnen, werden! singt Paul Gerhardt. Es fällt mir nicht schwer, in dieses Ach einzustimmen, abends vor den Bildern aus der Tagesschau aus der Ukraine und den vielen anderen Kriegsgebieten dieser Welt. Aber es fällt mir auch nicht schwer, in das Ach einzustimmen, wenn ich an die Orte denke, wo Christen wohnen, an die christlichen Gemeinden. Weil ich genau weiß, wie es mit dem Frieden innerhalb der christlichen Gemeinden oft bestellt ist. So ist auch unsere Gemeinde in ihrer Vergangenheit und Gegenwart von allem möglichen geprägt worden, aber nicht unbedingt vom Frieden untereinander. Ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung ist unsere Kirche. Sie hat den Zweiten Weltkrieg so schwer verletzt überlebt. Und sie mahnt nicht nur alle anderen, sondern zuerst uns.

Das Lied von Paul Gerhardt singt von der Zukunft. Es singt von dem, was nach des Krieges Schluss, der Waffen Ruh und alles Unglücks Ende (EG 283,3) kommt. Nach jedem Krieg ist das die mühsame Zeit des Wiederaufbaus: Damals in Jerusalem, als die Menschen aus dem Exil in ihre zerstörte Heimat zurückkehrten. Nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und in ganz Europa, auch beim Neubau dieser Kirche. Und irgendwann, nach dem Ende des Krieges in der Ukraine, wird auch Katjas Schule wiederaufgebaut werden.

Aber in der Zeit bis dahin will ich nicht nur mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher sitzen und Ach seufzen, auch nicht heute abend, wenn die Ergebnisse der Wahl in Sachsen-Anhalt klar sein werden. Der gesellschaftliche und politische Friede in unserem Land ist längst schon zerstört, ob die AfD nun eine Mehrheit erzielt oder nicht. Und die mühsame Arbeit des Wiederaufbaus beginnt nicht irgendwann in der Zukunft. Sie beginnt heute.

Paul Gerhardt hat in seinem Lied eine schlichte Antwort darauf, was in solchen Zeiten gebraucht wird: Wenn wir nur fromm sind, wird sich Gott / schon wieder zu uns wenden. Güte, Treue, Gerechtigkeit, Frieden sollen unter uns zu erkennen sein. Und weil das immer so große Worte sind, mache ich sie mir klein und frage: Wo bin ich gut, treu, gerecht und friedlich? Das muss ich zuerst mit mir selbst sein. Und dann sofort mit allen anderen. Damit der Wiederaufbau heute beginnt und mit uns. Dass Friede sollt an allem Ort, wo Christen wohnen, werden.

(Foto: Kindernothilfe)

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