Alles neu

In den vergangenen Tagen habe ich sie mehrfach angewendet: Die Methode „großer blauer Müllsack“. Zwischen den Jahren überkommt mich nämlich, was selten ist, ein großer Drang, Dinge aufzuräumen. Zuvörderst die Wohnung nach ausgiebigen Feierlichkeiten, näherhin darin die Küche. Und das geht alles besonders gut mit der Methode, alles einfach in einen großen, blauen Müllsack zu stopfen, völlig ohne Rücksicht auf Wiederverwertung, Weiterverwendung oder gar Mülltrennung. Ich fege durch die Wohnung und muss nicht einmal mehr sehen, was in diesem Müllsack alles gelandet ist. Und zögere deswegen auch keinen Moment, ihn unbarmherzig in der großen grauen Tonne zu versenken. Siehe, ich mache jetzt alles anders. Ich räume jetzt auf. Siehe, ich mache alles neu.

Ist sie so gemeint, die Jahreslosung für das neue Jahr? Spricht Gott: „Siehe, ich mache alles neu“, um dann mit der Methode „großer blauer Müllsack“ auch durch mein Leben zu fegen? Da würde ich aber protestieren, wenn einer so durch mein Leben ginge, ohne Rücksicht auf Wiederverwertung oder Weiterverwendung. Und mich verhalten, wie es meine Kinder seinerzeit getan haben, als ich die Methode „großer blauer Müllsack“ noch auf ihre Kinderzimmer anwenden konnte. Heulend in dem Sack herumwühlen, weinen, „das war doch noch gut“ und wenn es nicht gut war, dann war es „doch so schön“. Alles neu? Das kann auch wehtun. Denn wir hängen an so vielem, was alt ist und fragen nicht, ob es wirklich noch gut ist oder wirklich so schön.

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Und ich möchte danebenstehen und genau kontrollieren, was hier neu wird. Es gibt schon Dinge, die sich verändern sollen, aber welche das sind, bleibt bitte unter unserer Kontrolle. Und vieles müsste auch gar nicht völlig neu werden, sondern bloß ein bisschen besser. Die Ordnung in der Wohnung, die Organisation bei der Arbeit, der Zufriedenheitsgrad in der Beziehung, meinetwegen auch das Körpergewicht nach den Feiertagen. Und schon beim Reden darüber spüre ich, wie sich das Neue davonmachen wird, im neuen Jahr. Nicht sehr viel länger dauert das als die Frist, in der es noch ok ist, sich ein neues Jahr zu wünschen. Nie altert ein Jahr so schnell wie in seinen ersten Tagen und Wochen.

Wie gut, dass nicht wir es sind, die sprechen: Siehe, wir machen alles neu! Wie gut, dass Gott es sagt. Und zwar zuerst zu Menschen, die ganz andere Probleme hatten als eine unordentliche Wohnung, unglückliche Beziehungen oder gar ein paar Kilos zu viel. Die Offenbarung des Johannes, aus der die Jahreslosung stammt, richtet sich an Menschen, die unter der Unterdrückung und Verfolgung durch den römischen Staat litten, die wegen ihres Glaubens bedrängt wurden und ohnmächtig in politischen Verhältnissen leben mussten, an denen sie nichts ändern konnten. Aus dieser Erfahrung, nichts machen zu können, kommen die großen Fantasien und Bilder im Buch der Offenbarung, vom Sieg über das Böse und die Bösen. Und natürlich auch die Bilder vom Gericht über die, die Böses getan haben.
Wie leicht man sich so etwas vorstellen kann, zeigt sich sogar an meinem vergleichsweise harmlosen Beispiel: Gott, durch die Welt fegend mit einem großen blauen Müllsack, in den hineingestopft wird, was nicht gut ist und nicht schön. Und irgendwo eine sehr große, sehr graue Tonne, um alle und alles darin zu versenken. Das tut mir schon gut, wenn ich nur darüber rede. Und ich wünsche es mir für das neue Jahr, aus tiefstem Herzen.

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Und sagt damit: Ein bisschen neu, das gibt es mit mir nicht. Ich sehe einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr (Off 21,1). Es sind die letzten Worte in der Bibel über die allerletzten Dinge, die passieren werden. Und es sind die schönsten Bilder, die wir von Gott haben. Das am Ende Gott kommt und durch unsere Leben fegt. Und uns tröstet, wie einen seine Mutter tröstet, und abwischen wird alle Tränen von unseren Augen, und der der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen (Off, 21,4). Und alles ist neu.

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