Noch wird andere Mühe geheischt zur Pflege des Weinstocks,
Und nie ruht vollendet das Werk. Ganz werde dir jährlich
Dreimal und viermal der Grund durchschnitten vom Pflug‘, und die Scholle
Stets mit gewendetem Karste zermalmt; auch vom Laube gereinigt
Ganz der Hain. So kehret des Landmanns kreisende Arbeit
Und in sich selbst rollt immer durch eigene Spuren das Jahr um.
(Vergil, Georgica II, 395ff.)
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. (Joh 15, 1f.)
Ahr, Baden, Franken, Hessische Bergstraße, Mittelrhein, Mosel, Nahe, Pfalz, Rheingau, Rheinhessen, Saale-Unstrut, Sachsen, Württemberg: Das sind die dreizehn deutschen Weinanbaugebiete in alphabetischer Reihenfolge. Sie liegen bis auf zwei im Südwesten von Deutschland. Ich dagegen komme aus dem Norden und lebe im Osten Deutschlands. Und wenn es heute wirklich um Weinstöcke geht, dann bin ich raus. Ich habe keine Ahnung davon, wie man das macht, Wein anbauen. Ich kenne mich ein bisschen mit Raps und Weizen aus, aber ich war nie in einem Weinberg. Ich müsste mir mühsam anlesen, was da so die Arbeitsschritte sind, im Wesentlichen unverändert seit der Zeit, als die Römer den Weinanbau an die Mosel gebracht haben und der römische Dichter Vergil in einem Lehrgedicht, der Georgica beschrieben hat, wie man es macht. Denn das mit den Weinstöcken geht bis zu einer bestimmten Grenze, die natürlich vom Klima abhängt, aber auch von den Römern. Nördlich und östlich der Elbe sind sie nie gewesen. Aber ich bin noch nie woanders gewesen als genau dort, nördlich und östlich der Elbe.
Das mit den Weinstöcken geht bis zu einer gewissen Grenze und dann geht es nicht weiter. Wir haben es heute nicht mit einer genauen, wenn auch poetischen Anleitung für eine gute Weinernte zu tun. Denn wir lesen nicht die Georgica von Vergil, sondern das Johannesevangelium aus der Bibel. Hier heißt der Weingärtner auf griechisch georgos, aber für uns heißt er Gott. Der Weinstock heißt Jesus. Und die Reben, die tragen alle unsere Namen, wie Reben eben Namen tragen: Riesling, Trollinger, Müller-Thurgau, Silvaner, Dornfelder. Und mit leichtem Grausen denken wir vielleicht daran, dass es wenig gibt, was schärfer ist als ein richtig gutes Winzermesser. Schon Vergil spricht von der schneidenden Hippe und der gezahnten Klinge. Und das ist genau, was mit wegnehmen und reinigen gemeint ist: Nämlich abschneiden und wegschmeißen und später verbrennen. Auch nach erfolgreicher Weinlese kann sich niemand die Wahrheit schöntrinken, dass das mit dem wahren Weinstock kein ganz so idyllisches Bild ist. Das mit den Weinstöcken geht bis zu einer gewissen Grenze. Und dann geht es weiter, im Johannesevangelium aus der Bibel.
Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. (Joh 15, 3f.)
Ihr seid schon rein. Ich beziehe das heute auf mich. Denn mein Name, Kathrin, kommt von griechisch katharos, rein. Erst einmal ist das nur ein Name, sehr beliebt in meinem Jahrgang, kein Grund, sich darauf etwas einzubilden. Aber heute ist der Sonntag, an dem es fast auf den Tag genau vierzig Jahre her ist, dass ich weit oben im Norden Deutschlands konfirmiert worden bin. Damals, muss ich heute sagen, als das noch alle taten. Auf meinem Konfirmationsbild sind alle Jugendlichen aus dem Jahrgang 1971 und 1972 zu sehen, die zur Kirchengemeinde gehörten. Es gab bei uns nicht einmal Katholiken. Jede und jeder ging zur Konfirmation. Manche hatten sogar diesen Spruch als Konfirmationsspruch: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Vielleicht, weil ein Weinstock abgebildet war auf dem Parament am Altar unserer Dorfkirche und man sich etwas vorstellen konnte dabei, sogar im Norden Deutschlands, wo man bestenfalls zwischen weiß und rot unterscheidet beim Wein und trocken höchstens die Kehle ist.
Wie es mit dem Bleiben und dem Fruchtbringen für die anderen gekommen ist, das weiß ich nicht. Ich kann es nur für mich sagen. Ich bin geblieben. Und ich habe im Laufe dieser vierzig Jahre seit meiner Konfirmation erfahren, dass Bleiben etwas anderes meint als ein anspruchsloses, bequemes Abhängen am Weinstock. Dass der Weingärtner, der georgos namens Gott manchmal ein scharfes Messer ansetzt und gereinigt werden alles andere als angenehm ist. Auch dann nicht, wenn man Kathrin heißt, was von katharos kommt.
Bei Jesus bleiben hört sich nur dann einfach an, wenn man vierzehn ist und vom Dorf kommt und nicht viel weiß von der Welt und vom Leben. Wenn man es aufs Gymnasium geschafft und vielleicht sogar Latein und etwas von Vergil gelernt hat und dass man über Landwirtschaft auch Gedichte schreiben kann. Dann würde man bestätigt darin, dass Landwirtschaft nur auf den ersten Blick idyllisch ist: Noch wird andere Mühe geheischt zur Pflege des Weinstocks / Und nie ruht vollendet das Werk. Ganz werde dir jährlich / Dreimal und viermal der Grund durchschnitten vom Pflug. (Vergil, Georgica II, 395ff.).
Es wird ja seinen Grund haben, dass in dem kurzen Bibeltext über den Weinstock und die Reben insgesamt sieben Mal das Wort „bleiben“ vorkommt. Weil es zum einen etwas Selbstverständliches ist. Denn es gibt keine Reben ohne Weinstock und sie haben gar keine andere Möglichkeit als zu bleiben. Und weil Bleiben zum anderen etwas sehr Anspruchsvolles ist: Nie ruht vollendet das Werk, immer wieder wird der Grund durchschnitten vom Pflug, vom scharfen Winzermesser ganz zu schweigen. Bei Gott und Jesus bleiben, während gleichzeitig im Leben doch manches durchschnitten oder abgeschnitten wird, von den Wünschen, den Träumen und der Sehnsucht. Vielleicht nicht jährlich, aber doch drei- oder viermal im Leben. Wenn man die Frucht einfach nicht sehen kann, sondern nur die andere Mühe, die man hat, wenn man alles, was einem widerfährt, auch noch in Verbindung mit Gott bringen muss.
Ich habe meine eigene Geschichte mit dem Bleiben bei Gott und bei Jesus. Sie dauert heute fast auf den Tag genau vierzig Jahre. Es war kein Spaziergang, sondern über manche Strecken so ähnlich wie die vierzig Jahre, die das Volk Israel in der Wüste zugebracht hat. Von dem Land, in das sie kommen sollen, wissen sie nichts. Zwischendurch kommen ein einziges Mal Kundschafter von dort zurück. Sie bringen eine Weintraube mit, so groß, dass sie von zwei Männern getragen werden muss: Eine Frucht der Fülle. Und das zu wissen, reicht ihnen dann für den ganzen langen Weg, der noch vor ihnen liegt. Ohne dass davon der Weg weniger mühsam wird, als er ist. Ich habe meine eigene Geschichte mit dem Bleiben in den letzten vierzig Jahren. Ihr habt eure eigene Geschichte mit dem Bleiben. In sich selbst rollt immer mit eigenen Spuren das Jahr um. Und uns allen wird gesagt:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Joh 15, 5.7f.)
Das mit dem Weinstock geht nur bis zu einer gewissen Grenze. Aber es betrifft uns alle gemeinsam. Wir sind die Reben und unser individuelles Bleiben bei Gott und bei Jesus entscheidet tatsächlich über die Zukunft der christlichen Kirche. Schon Jesus rechnet damit, dass nicht alle bei ihm bleiben werden, damals, als er sich selbst den Weinstock nannte, kurz vor dem Abschied von seinen Freunden. Und sie siebenmal bat, bei ihm zu bleiben.
Ich war noch nie an Ahr oder Mosel, in der Pfalz oder im Rheingau. Ich bin immer nördlich und östlich der Elbe geblieben, vierzig Jahre lang. Und jetzt weiß ich etwas vom Bleiben und auch vom Gereinigt-werden. Mir ist nicht alles widerfahren, worum ich gebeten habe, aber viel davon. Und manchmal kann ich die Früchte schon sehen. Weintrauben aus einem bisher noch gar nicht erfassten Anbaugebiet, nördlich der Elbe.

