Darum sollt ihr nicht sorgen

Was tun sie da unten, wenn man sie von oben betrachtet, aus der Vogelperspektive? Um diesen See herum ist normalerweise nichts. Nur eine Einöde mit wenigen Menschen. Aber heute ist es anders. Schon seit ein paar Tagen sammeln sich Menschen am Ufer des Sees und lagern sich auf den Hügeln. Es müssen inzwischen Tausende sein. Sie sind den Vögeln gar nicht unähnlich, die hier sonst Rast machen. Aber anders als die Vögel leben sie nicht in der Luft und von der Luft. Sie können sich auch nicht einfach erheben, um woanders nach Nahrung zu suchen. Wie behäbig doch so eine große Schar Menschen ist im Vergleich zu einem Vogelschwarm. Wie wenig Auf und Davon in ihnen ist. Und die Luft füllen sie auch nicht mit Gesang, sondern mit ihrem Reden, Streiten, Fragen, Seufzen, Lachen, Rufen, Schreien. Manchmal spricht nur einer von ihnen, etwas abgesondert von den anderen. Er steht dann am Hang, damit er besser zu hören ist.

Und dann wird es doch still an dem See, bis auf das Flüstern, mit dem sie einander seine Worte weitergeben und dem Zischen, mit dem die Kinder zur Ruhe gemahnt werden. In dem Moment, in dem sie zuhören, blicken manche um sich herum. Sie sehen an den Rändern der Felder die Blumen leuchten, den Mohn, die Malven, die Margeriten. Andere blicken nach oben, zum Himmel. Sie blinzeln gegen die Sonne. Und nur die sehr Aufmerksamen entdecken überhaupt, wer sie da von oben betrachtet. Wer da aufgestiegen ist vom Boden und über ihnen bleibt in einem endlosen Gesang: Die Vögel, die Lerchen zum Beispiel, wie glücklichen Punkte am Himmel. Sie singen unablässig, als wären sie allem Irdischen enthoben. Und der eine sagt zu den vielen unten am See: Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Seht die Blumen auf dem Feld. Sie arbeiten nicht, sie spinnen auch nicht. Was tut ihr eigentlich hier unten?

Ja, sie hätten da eine Antwort für ihn. Er müsste sich dafür aber bitte auch einmal umgucken. Denn so einfach ist das schließlich alles nicht. Sie machen sich Sorgen, völlig zu Recht. Was werden wir essen, was werden wir trinken? Hier an diesem See, auf diesen Feldern, ohne irgendeine Art von Außengastronomie? Womit werden wir uns kleiden? Wir haben ja nicht einmal Gepäck dabei. Du hast schön und leicht reden von den Blumen und von den Vögeln, Jesus. So schön und leicht ist das Leben doch nicht. Und wer keine Sorgen hat, der macht sich einfach welche. Das ist nicht schön. Aber es ist leicht.

Für alle, die sich Sorgen machen, schreibt Johann Sebastian Bach mitten in einem Sommer vor 300 Jahren in Leipzig eine Kantate. Sie ist eine Sommermusik. Und er konnte nicht ahnen, dass seine Musik noch 300 Jahre später die Kirchen, Straßen und Plätze seiner Stadt füllen wird. Und wir uns dieser Tage so fühlen, wie er es mit dieser Kantate beabsichtigt hat. Würde uns jetzt jemand von oben betrachten, aus der Vogelperspektive, dann wären wir zu sehen: Tausende Menschen, die sich sammeln. Besonders die Kirchen sind brechend voll. Und alle sind auf eine Art vollkommen sorglos, wie enthoben über die Sorgen ihres Alltags. Was sollen wir essen, was sollen wir trinken? Ach, es wird sich finden. Manchmal ist das nächste Konzert einfach wichtiger als ein ordentliches Mittagessen. Und trinken tun wir natürlich noch heute Abend auf dem Marktplatz. Womit werden wir uns kleiden? Ach, wir leben einfach aus dem Koffer. Denn wir sind ja froh, noch irgendwo eine Unterkunft gefunden zu haben oder sehr dankbar, hier in Leipzig zu leben. Vielleicht hat sogar jemand noch eine Karte für uns übrig?

Zum Bachfest im Juni, im Sommer kann man in Leipzig zehn Tage lang von Luft und Liebe zur Musik von Johann Sebastian Bach leben. Selbst das mit dem Wetter wird noch werden. Am nächsten Sonntag werden wir uns schon nach den erträglichen Temperaturen von heute zurücksehnen.

Und dann wird auch das sorgfältig gehütete Geheimnis der fünfzig beliebtesten Bachkantaten längst gelüftet sein. Ob die Nr. 187 irgendwo dabei ist, kann ich natürlich nicht sagen. Aber für mich gehört sie ganz weit nach oben. Denn viel Bekümmernis habe ich oft genug und Kreuzstäbe zu tragen auch. Dass Weinen, Klagen, Sorgen und Zagen zu meinem Leben gehören, mir mein Ende nahe ist und ich mit einem Fuß im Grabe stehe, das weiß ich zu jeder Jahreszeit. Ich armer Mensch, ich Sündenknecht.

Aber jetzt, auf der Höhe des Sommers, wenn die Tage immer noch länger werden, möchte ich mir darüber keine Sorgen machen. Wenigstens zehn Tage lang nicht, beim Bachfest. Und heute erklingt die passende Musik dazu. Denn dies ist der seltene Fall einer Kantate, deren Text ganz ohne Sünde, Not und Tod auskommt. Sie beginnt mit einem Lobgesang auf die Schöpfung. Und schon gleich am Anfang haben wir etwas von der Schönheit des Wartens gelernt. Es wartet alles auf dich. Und wir warten mit, in dem ausgedehnten instrumentalen Anfangsteil, bevor dann endlich und so köstlich zuverlässig der Chor einsetzt.

In diesem Warten ist die gleiche Schönheit, wie sie jetzt auch Berg, Hügel, Tal und Felder jetzt haben. Noch sind sie grün, aber bald sind sie schon reif. Denn der Weizen wächset mit Gewalt und die Lerchen schwingen sich darüber in die Luft. In der Zuverlässigkeit der Schöpfung ist die Güte des Schöpfers zu spüren. Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Das Warten ist fruchtbar statt furchtbar. Es wird schön und leicht mit dieser Musik.

Und gleich wird Jesus zu uns allen sprechen, heute vertreten durch den Bass. Und er wir es uns sagen, mehrmals, damit wir es auch hören: Darum sollt ihr nicht sorgen. Seht die Blumen. Seht die Vögel. Denn was tun wir hier unten, wenn man uns von oben betrachtet, aus der Vogelperspektive? Wir machen uns Sorgen, aber nicht immer um das Richtige. Auf keinen Fall sollen wir uns nur darum sorgen, was wir essen, was wir trinken oder womit wir uns kleiden. Natürlich braucht jeder Mensch ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und zu trinken, etwas anzuziehen. Und das Geld dafür muss irgendwo herkommen. Aber man darf keinen Lebensinhalt aus all dem machen. Denn dann ist es mit der Schönheit und Leichtigkeit schnell vorbei. Das Leben wird so viel leichter, wenn ich mir klarmache, was am Ende wirklich wichtig ist und was alles nicht. Es gibt genug andere Kantaten von Johann Sebastian Bach, die uns bei Bedarf darin erinnern. Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?

Und wie die Lerche wird sich dann der Sopran emporschwingen, umflattert und getragen von der Oboe wie einer Vogelstimme. Wir werden vielleicht die Augen schließen, weil das so schön ist und so leicht klingt. Und dann sehen wir diesen glücklichen Punkt am Himmel. Und suchen auf Erden danach, in uns selbst, in unserem Leben.

Was tun sie da unten, wenn man sie von oben betrachtet, aus der Vogelperspektive? Sie waren wieder auseinandergelaufen, nachdem sie Jesus zugehört hatten und dem, was er über die Blumen und die Vögel und das Sorgen gesagt hat. Vielleicht haben sie nach dem glücklichen Punkt in ihrem Leben gesucht, da wo die Sorgen aufhören, wo es schön und leicht wird. Aber es ist nicht immer Sommer, genau wie auch nicht immer Bachfest ist. Die Menschen haben sich deswegen noch einmal gesammelt, wieder zu Tausenden, weil sie noch Fragen an Jesus hatten zum Thema Sorgen, genauso wie wir. Und Jesus lässt sie warten, drei Tage lang. Vielleicht, damit sie lernen, das Warten fruchtbar sein kann. Oder damit sie Zeit genug haben, sich noch einmal umzuschauen und aufzublicken, Blumen und Vögel, wir kennen das schon. Aber dann zeigt er ihnen das, was da ist, was er für sie hat. Und es sind bloß sieben Brote und einige Fische. Und 4000 Menschen werden von Jesus lernen, dass das zwar nach wenig aussieht, aber mehr als genug ist.

Und das ist die andere Sache, die ich unbedingt von Jesus lernen möchte, neben der Suche nach den glücklichen Punkten im Himmel und auf Erden: Was wenig aussieht, ist mehr als genug. Es reicht für alle. Es bleibt etwas übrig. Und das zeigt Jesus nicht nur den 4000 auf den grünen Hügeln an einem See, weit entfernt von uns. Er zeigt es uns, heute. Wir leben in einem der reichsten Länder dieser Erde, aber lassen alles nach sehr wenig aussehen. Als hätten wir ernsthaften Grund zur Sorge um Essen und Trinken und Kleidung. Als bliebe nichts übrig für die, die nicht für sich sorgen können. Was tun wir eigentlich hier unten? Ich wünsche mir einen anderen Chor, einen anderen Ton über unserem Land. Tausende Stimmen und ein Gesang, der sich über alle Sorgen hebt: Wir danken sehr und bitten ihn, / dass er uns geb‘ des Geistes Sinn, / dass wir solches recht versteh’n /stets in sein‘ Geboten geh’n.

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