Das Löschen des Feuers

Lasst uns mit dem Lauf durch das grüne Ödland anfangen,
durch die dämmerige Heimat,
lasst uns mit der Jagd auf das Opfertier anfangen
im Weizenchor, der sich einsingt.
Wir, die wir gesehen haben,
wie sich Waldschnepfen ins Feld ducken,
die wir ins Wasser gegangen sind,
um mit der gebräunten Haut sein
eisiges Toben zu streifen,
lasst uns anfangen.

Lasst uns mit dem Schwersten anfangen – mit dem Gesang
und dem Löschen des Feuers,
das in der Nacht näher rückt.
Lasst uns mit dem Flüstern der Namen anfangen
und zusammen den Wortschatz des Todes flechten.

Stehen und über die Nacht reden.
Stehen und auf die Stimmen der Hirten im Nebel lauschen,
die jede verlorene
Seele besingen.

(aus Serhij Zhadan, Zusammenkommen und reden,
in: Antenne. Gedichte. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Berlin 2020; Seite 24)

I.
Lasst uns mit dem Schwersten anfangen, über das uns keine Bescherung und kein Baum, keine Geschenke und keine Gänsekeulen hinwegtrösten. Lasst uns anfangen damit, dass heute nebenan, in unserem Haus, in unserer Stadt und unserem Land Menschen Weihnachten feiern wie am ersten Weihnachten. Unterwegs unter beschwerlichen Umständen, auf der Suche nach eine provisorischen Heimat, angewiesen auf freundliche Aufnahme, verbracht an die Ränder der Städte oder auf die Dörfer, wo kein Bus fährt und kein Hahn kräht.
Lasst uns mit dem Schwersten anfangen, mit den Doppelstockbetten in den Traglufthallen am Flughafen, mit all den unwirtlichen Orten und den Plastikstühlen, den Fluren mit der hilflosen Weihnachtsdekoration, mit den Bemühungen all der Menschen guten Willens, es schön zu machen für sie alle, besonders für die Kinder.

Lasst uns mit dem Schwersten anfangen, mit dem Ziehen im Herzen, mit der Vorstellung, es würde uns gehen wie ihnen. Und wir feierten Weihnachten nicht zuhause im warmen Zimmer, sondern Hunderte Kilometer von zuhause entfernt, immerhin in Sicherheit. Oder aber: Nicht in Sicherheit, sondern bei Luftalarm in einem zerbombten Wohnblock ohne Heizung und Strom, im Keller, im U-Bahn-Schacht.
Lasst uns mit dem Schwersten anfangen, mit dem Wissen, dass das mit dem Frieden auf Erden und den Menschen guten Willens eine zweitausend Jahre alte Sehnsucht ist. Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.
Wir halten die Erscheinung dieses Engels und seine Worte dem Wortschatz des Todes entgegen. Wir halten das Licht der Finsternis entgegen, die Freude der Angst, den Frieden auf Erden dem Krieg auf Erden, die Menschen des Wohlgefallens den Menschen des bösen Willens.

II.
Lasst uns mit dem Schwersten anfangen, mit der Sehnsucht. Wie jede gute Sehnsucht ist sie alt. Und wie jede gute Sehnsucht geprüft an einer ganz anderen Wirklichkeit. Lasst uns anfangen mit dem Lauf durch das grüne Ödland, durch die dämmerige Heimat, in der sie saßen, vor noch mehr als 2000 Jahren.

Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen
und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten,
dass sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können.
Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen
und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit.
Das sollen gnädige Regen sein, dass die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen
und das Land seinen Ertrag gibt, und sie sollen sicher auf ihrem Lande wohnen
und sollen erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen
und sie errettet habe aus der Hand derer, denen sie dienen mussten. (Hes 34, 25-27)


Worte, dem Wortschatz des Todes entgegengehalten, aus einer Zeit, in der Israel alles widerfahren ist, was gerade in den Nachrichten zu sehen ist. Ein Volk, bedroht von fremden Mächten mit überlegenen militärischen Möglichkeiten. Ein Land, besetzt und ausgebeutet, der Ernte seiner Felder beraubt.
Nicht zum ersten Mal widerfährt das Israel: Es hat sich wiederholt im Lauf der Geschichte. Nicht zum ersten Mal widerfährt das der Ukraine. Es hat sich wiederholt im Lauf der Geschichte. Über neunzig Jahre liegt der Holodomor zurück, das große Aushungern eines ganzen Volkes, als der Weizenchor verstummte. Über achtzig Jahre liegt der Einmarsch der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg zurück. Seit etwas über dreißig Jahren erst gibt es die Unabhängigkeit der Ukraine. Vor wenigen Jahren wurde die Krim annektiert. Und heute vor fast vier Jahren war der Beginn des russischen Angriffskriegs.
Sich nicht mehr ängstlich ducken müssen wie die Waldschnepfe vor den Nachbarn, nicht immer gestreift werden von dem eisigen Toben territorialer Interessen der anderen. Sicher in der Steppe wohnen. In den Wäldern schlafen können. Im Lauf der Jahre und des Lebens leben. Saat und Ernte, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht, diese Ordnung vom Anfang nicht immer wieder grausam durcheinandergebracht. Und gnädige Regen statt Bombenhagel. Sie sollen sicher auf ihrem Lande wohnen. Mehr wollen sie doch nicht, in der Ukraine, in allen Ländern, wo Krieg ist. Eine Sehnsucht, so alt und einfach wie alle Sehnsucht.

III.
Lasst uns mit dem Schwersten anfangen, mit dem Gesang und dem Löschen des Feuers, das in der Nacht näher rückt. Dieser Gesang hat begonnen, an dem Abend und in der Nacht, in der wir uns jetzt befinden und die wir heilig nennen. Er weht zu uns herüber von den Feldern bei Bethlehem. Aus diesem Land in der Welt, das wir auch heilig nennen und in dem noch nie Frieden geherrscht hat. Der Gesang weht durch 2000 Jahre und mehr, durch neunzig und achtzig Jahre, durch wenige Jahre und Monate. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens, singen die Engel. Und sie singen das nicht, weil es so ist, sondern weil es so sein soll.

Weil in dieser Nacht in diesem Land der geboren wird, der uns vorgemacht hat, wie das geht: Gott die Ehre geben. Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft. Und den Nächsten wie sich selbst. Mit Jesus hat es angefangen. Er hat ernst gemacht damit, mit einem Frieden wie dem Löschen eines Feuers, mit dem Verzicht auf Macht und Gewalt. Die ewigen schwelenden Konflikte austreten, anstatt sie immer wieder neu anzufachen. Frieden auf Erden ist, wenn Menschen sicher in ihren Ländern wohnen können und niemand sie unterdrückt, weder von außen noch von innen.
Mit Jesus hat es angefangen. Und natürlich ist er damit vorerst gescheitert. Niemand wollte das hören, das mit der Feindesliebe und dem Wange-Hinhalten. Und niemand macht das. Aber immer dann, wenn die Feuer näher rücken, so wie in diesem Jahr, dann sprechen wir doch wieder darüber. Leider meistens zu spät und wir zerstreiten uns auch noch dabei. Dabei ist es so alt und so einfach: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.
Wir halten die Erscheinung dieses Engels in der Nacht, als Jesus geboren wurde und seine Worte über den Feldern um Bethlehem dem Wortschatz des Todes entgegen. Wir halten seit dieser Nacht das Licht der Finsternis entgegen, die Freude der Angst, den Frieden auf Erden dem Krieg auf Erden, die Menschen des Wohlgefallens den Menschen des bösen Willens.

IV.
Lass uns mit dem Gesang anfangen. Und dann stehen und über die Nacht reden und auf die Stimmen der Hirten im Nebel lauschen. Die das alles auch nicht glauben konnten. Und trotzdem losgegangen sind, eilend. Und ein Kind fanden, in einer Krippe liegend. Die es gesehen und das Wort ausgebreitet haben, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Das Wort und den Gesang.

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