Der Frieden trägt Früchte

Vom Weizen steht da nur ein hölzernes Eimerchen voll. Denn an die Zeiten, als es noch viele Säcke voll davon gab, kann sich hier niemand mehr erinnern. Immerhin hat dieser Weizen Zeit gehabt, aufzugehen, zu wachsen und zu reifen. Es gab keine Soldaten mehr, die über die Felder ritten, quer durchs Getreide oder schlimmer noch, die die reifen Felder ansteckten oder sich den Weizen aus dem Versteck auf dem Scheunenboden gleich in die Satteltaschen schaufeln ließen.

Es liegen auch Äpfel da. Sie haben endlich genug Zeit gehabt, um rot zu werden und wurden nicht wie früher schon unreif vom Baum geschlagen, weil dem Hunger auch unreife Äpfel schmecken. Und so groß, wie die Kartoffeln in dem Korb dort vorne sind, hat man sie Jahrzehnte lang nicht gesehen. Sie wurden sonst immer lange vor der Zeit aus der Erde geholt, auch um des Hungers willen. Oder der Angst, dass die Soldaten auch sie ausgraben und mitnehmen werden. Auf dem Altar die Sträuße, wenig Blumen und viel buntes Laub, aber doch ein Zeichen, dass es jetzt wieder Gärten gibt und Menschen, die etwas darin pflanzen können, nicht nur zum Nutzen, sondern einfach nur zur Freude.

Der Frieden trägt Früchte. Man kann das sehen an dem Erntedankaltar irgendwann in den Jahren nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, in der Kirche in Mittenwalde, wo Paul Gerhardt seine erste richtige Pfarrstelle angetreten hat. Es bleibt ein dürftiger Schmuck, den die wenigen hundert überlebenden Menschen in dem kleinen Ort zum Erntedankfest in die Kirche bringen können. Von den ehemals 245 Häusern der kleinen Ackerbürgerstadt stehen nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch 45. Aber es ist etwas da. Es konnte etwas in Ruhe wachsen und reifen. Und vielleicht dürfen die Ärmsten von Mittenwalde nach dem Gottesdienst etwas davon mit nach Hause nehmen, zwei Hände voll Weizen, drei Äpfel, ein paar Kartoffeln. Und das ist dann ja fast schon ein Festmahl, ein Vorgeschmack auf das Leben, dass sie alle hier erwartet, wenn die Felder wieder bestellt und die Häuser wieder aufgebaut sein werden, mit Gärten davor und Apfelbäumen dahinter.

Auch für Paul Gehardt sind die Jahre in Mittenwalde, wo er seit 1651 Pfarrer ist, eine Erntezeit. Jetzt endlich ist er angekommen. Nach den Wirren des Krieges hat er eine richtige Anstellung gefunden. Er ist ordinierter Pfarrer und sogar gleich in eine Leitungsfunktion als Propst gekommen. Und jetzt ist auch für ihn die Zeit, zusammenzutragen, was in den Jahren zuvor an Gedichten in ihm gereift ist. Er schreibt endlich einmal ordentlich ab, was schon da ist. Und er dichtet neu, was noch fehlt in seiner Sammlung, ein Lied für das Erntedankfest zum Beispiel, das sie hier in Mittenwalde schon immer gerne gefeiert haben. Wie überall dort, wo Menschen noch eng verbunden sind mit der Erde, auf der sie leben. Weil sie den Weizen grün keimen sehen in der kalten, schwarzen Erde und den Apfelbaum darin wurzeln. Weil sie die erdigen Kartoffeln mit eigenen Händen aufsammeln und den Blumensamen sorgfältig in den Boden drücken und mit etwas Erde bedecken.

Paul Gerhardt nimmt den Rhythmus der Worte für sein Erntedankgedicht aus dem großen Versprechen vom Anfang, aus dem Versprechen, das Gott gegeben hat, nachdem schon einmal eine ganze Welt untergangen war:

Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen, denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Gen 8, 21f.).

Gottes Versprechen ist ehrlicher als die meisten Versprechen. Es nimmt nämlich nichts weg von der Wirklichkeit der Welt und der Finsternis in den Herzen der Menschen. Diese Finsternis hatten die Menschen in Mittenwalde und in ganz Europa jahrzehntelang erfahren. Und obwohl es auch während des Dreißigjährigen Krieges zuverlässig Tag und Nacht wurde und Sommer und Winter, obwohl es Frost und Hitze gab, gab es an den meisten Orten weder Saat noch Ernte. Aber nicht um Gottes, sondern um der Menschen willen, die den Krieg beständig dem Frieden vorzogen.

Der Frieden trägt Früchte, auch in dem Gedicht von Paul Gerhardt. Und jetzt, wo Saat und Ernte endlich wieder dazugehören und die Welt anfängt, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, achtet Paul Gerhardt sorgfältig darauf, dass sie es auch bleibt. Die Worte aus der Bibel sprechen in einem Zweiertakt und sie beschreiben ein Gleichgewicht in Gegensätzen: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Weil er die menschlichen Herzen in seinem bisherigen Leben zu Genüge kennen gelernt hat, fürchtet sich Paul Gerhardt davor, dass seine Welt wieder aus dem Takt kommen und ins Ungleichgewicht geraten könnte. Den Zweiertakt hält er deswegen konsequent durch. Er durchzieht sein ganzes Gedicht, alle achtzehn Strophen lang. Aber aus den Gegensätzen werden bei ihm Gleichsetzungen: Herz und Mund, Brunnen und Quelle, Heil und Gutes, Tau und Regen, Kälte und Frost, Öl und Most, Leben und Geblüt. Bis auf die eine, einzige Ausnahme, den Dreiklang: Den güldnen, werten, edlen Fried / in unsrem Vaterland (EG 324, 6).

Der Frieden trägt nämlich seine Früchte, das Miteinander der Menschen und nicht der Krieg und das Gegeneinander der Menschen. Das war Ende des 17. Jahrhunderts den Menschen in Mittenwalde wie in ganz Europa überdeutlich vor Augen, zum Erntedankfest und an jedem Tag des Jahres, im Sommer wie im Winter.

Und es sollte auch uns vor Augen sein, in unserem Vaterland: Wie kostbar der güldne, werte, edle Frieden ist. Und der Tag, von dem an Ost und West keine unüberwindlichen Gegensätze mehr sein sollten, sondern wieder in ein Gleichgewicht geraten. Vor 36 Jahren haben wir diesen Tag, den 3. Oktober, als neuen Nationalfeiertag zum ersten Mal richtig gefeiert. Weil auch wir erst einmal ein wenig Zeit gebraucht haben, uns nach der einen berühmten Nacht im November zu sammeln und zu finden, weil Verträge ausgehandelt und unterschrieben werden mussten. Ob es nun Zufall oder Fügung war: Unser Nationalfeiertag liegt nun immer in der Nähe des Erntedankfestes. Und er ist und bleibt ein Grund, dankbar zu sein.

Gerade jetzt, wo dieser güldne, werte, edle Fried, die Einigkeit, das Recht und die Freiheit in unserem Land und in ganz Europa so gefährdet sind wie lange Zeit nicht mehr. Weil das Dichten und Trachten der menschlichen Herzen böse ist, sagt die Bibel und ich halte das für eine sehr realistische Einschätzung Gottes. Aber ich selbst habe doch auch miterlebt, dass es auch anders sein kann. Dass irgendwann ein Tag kommt oder auch eine Nacht. mitten im November, an dem Frieden und Freiheit über Gewalt und Zwang siegen. Dass auch die Geschichte ihre Jahreszeiten hat, aber wir im Unterschied zu dem Wechsel von Sommer und Winter und Tag und Nacht dem Wechsel von Krieg und Frieden nicht einfach nur zusehen müssen. Vor allem um unserer Kinder und unserer Enkel willen, um der nächsten Generationen willen, die das gleiche Recht auf ein Leben in Frieden und Freiheit haben, wie wir es genießen konnten. Damit sie in Ruhe wachsen und reifen können, so wie wir. Denn nur der Frieden trägt Früchte.

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