Achim Zimmermann zugeeignet
Am Ende kommt die Ruhe. Das ist doch so. Der Tag endet im Feierabend. Die Wo-che endet im Wochenende. Das Leben endet im Ruhestand. Was für ein wunderbares zusammengesetztes Wort eigentlich: Ein Stand der Ruhe. Aber der Ruhestand, worin endet der dann eigentlich? Man mag kaum an das denken, was nach dem Ruhestand kommt, geschweige denn, es aussprechen. Auch ansonsten rationale Menschen schieben solche Gedanken gerne irrational weit von sich. Denn das macht einen ganz unruhig, daran zu denken. Und deswegen haben wir wahrscheinlich das beliebte Wort vom „Unruhestand“ erfunden, dieses Wort, das uns ein bisschen die Schenkel klopft, mit dem man wunderbar kokettieren kann. Wir schmunzeln über diejenigen, die nach dem Ende ihrer beruflichen Tätigkeit mehr zu tun haben als vorher. Bis wir selbst in diesen Stand geraten. Am Ende kommt die Ruhe, der Ruhestand. Am Ende steht die Ruhe und irgendwann wird sie ewig. Und das ist dann auch wieder nicht richtig, sondern furchtbar beunruhigend.
Es ist der besondere Vorzug der Musik von Johann Sebastian Bach und zugleich ihr Risiko und ihre Nebenwirkung: Aufgrund ihrer Heimat in der Barockzeit hat sie kei-ne Berührungsängste zu der Frage, was nach dem Ruhestand denn kommt. Im Gegenteil, sie ist sehr intensiv mit den Themen von Tod und Vergänglichkeit beschäftigt. Denn das sind eigentlich die einzigen Themen barocker Lyrik. Es ist der Nachklang einer Zeit, die von Tod und Sterben in nicht enden wollenden Jahrzehnten des Krieges in Europa geprägt war. Zeiten, in denen niemand ein Problem mit einem Ruhestand hatte, weil die meisten ihn gar nicht erreichten. Es gibt Barockdichter wie Paul Gerhardt, denen es gelingt, inmitten dieser Erfahrungen zuversichtlich zu bleiben und Verse zu dichten, die bis heute trösten.
Aber die meisten Vertreter barocker Lyrik geben sich geradezu hemmungslos der Beschäftigung mit Tod und Vergänglichkeit hin. So auch Georg Christian Lehms, von dem der Text dieser Kantate stammt. Ein klassisches Barockdichterleben hat Lehms gelebt. Es hat ihn aus Liegnitz im Herzen der schlesischen Dichterschule in den Wirren seiner Zeit über Leipzig bis nach Darmstadt verschlagen, wo er 1717 im Alter von nur 33 Jahren – wir ahnen es schon – an Schwindsucht gestorben ist. Er hat nur kurze Zeit eine feste Anstellung als Bibliothekar und Hofdichter genießen können und natürlich keinen Ruhestand erlebt. Es ist leicht, sich vorzustellen, wie er, womöglich schon von Hustenanfällen und Schwächegefühl geplagt, Verse schreibt wie: Mir ekelt mehr zu leben / drum nimm mich, Jesu hin! / Mir graut vor allen Sünden / lass mich dies Wohnhaus finden / wo selbst ich ruhig bin.
Auch Johann Sebastian Bach hat seine Erfahrungen mit Tod und Vergänglichkeit gemacht. Auch mitten im Sommer und mitten im Leben, auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs als Thomaskantor in Leipzig. Er selbst hatte mit neun Jahren schon beide Eltern verloren. Und als er im Sommer 1726 diesen Text von Georg Christian Lehms vertont, hat er bereits eine Ehefrau und vier seiner Kinder begraben, das letzte erst wenige Wochen zuvor, das erste Kind mit seiner zweiten Frau, ein kleines Mädchen. In die Verse von Lehms kann er einstimmen. Und auch in die Verse über Hass und Neid, Fluch und Feindschaft in einer Stadt, in der man ihm von Anfang an nicht besonders freundlich begegnet ist und jeder etwas an ihm auszusetzen findet. Bis zum Ruhestand dies alles noch ertragen? Manchmal ekelt ihn dieser Ge-danke regelrecht.
Ich glaube, ab und zu hat Johann Sebastian Bach deswegen einfach nur für sich komponiert. Eine richtige Kantate im Gottesdienst muss natürlich sein. Sonst beschweren sich hinterher wieder alle, wie üblich. Da nimmt er für diesen Sonntag einfach eine von jemand anders, mit der schon alle irgendwie zufrieden sein werden.
Aber diese, die zweite und zusätzliche an diesem Sonntag, die ist allein für ihn. Da muss er keine Rücksicht nehmen auf die Besetzungsmöglichkeiten, auf die Begabung der Instrumentalisten, auf seine Thomaner, die auch nicht immer so singen, wie sie singen sollen. Die dürfen nach der ersten Kantate gehen. Und er wird nur diesen Altisten dabehalten, der bald schon aus dem Thomanerchor herausgewachsen sein wird und dessen Stimme er einfach liebt. Dazu wenige Streicher, die Oboe natürlich. An die Orgel setzt er sich selbst. Dann muss er sich auch nicht über unfähige Organisten ärgern.
Was schreibt oder komponiert, was spielt oder singt man, wenn man es nur für sich selbst tut? Die Dichter finden ihren Trost in ihren Worten, die Komponisten in ihrer Musik. Und alle tun es, weil es ihr Beruf ist und sie tun es für sich selbst. Sie bergen sich darin: Lass mich dies Wohnhaus finden / wo selbst ich ruhig bin.
Es könnte sein, dass die ganze Sache mit dem Ruhestand ein falsches Konzept ist, ein gefährdetes noch dazu. Weil jeder von uns weiß, dass der Tod nicht immer Rücksicht auf die gesetzliche Regelaltersgrenze nimmt oder auf die Pläne, die man für die Zeit nach ihrem Erreichen noch hatte. Und es besser wäre, zu tun, was man liebt und zu lieben, was man tut, was auch immer es sei.
Johann Sebastian hat in Georg Christian so etwas wie einen Seelenverwandten gefunden. Als er seine Worte in Musik verwandelt, ist Georg Christian schon fast zehn Jahre tot, obwohl er nahezu gleichaltrig mit ihm war. Du schiebst besser nichts auf, denkt sich Johann Sebastian, und wartest nicht auf die Ruhe irgendwann am Ende. Du musst sie jetzt finden, mitten im Leben, in seinem Sommer, nicht erst in seinem Herbst oder Winter. Und deswegen beginnt Johann Sebastian gleich am Anfang mit der Ruhe. Er schreibt seinem Altisten eine Arie. Denn wir halten uns hier nicht weiter mit langen Vorspielen auf. Wir setzen direkt ein mit der Ruhe, mit einer Melodie, gar nicht vergnügt eigentlich, aber beliebt und vielleicht eine der schönsten, die wir von ihm haben. Ein bisschen entrückt, enthoben und fern von allem Alltäglichen. Johann Sebastian setzt einfach an den Anfang, was wir glauben, erst irgendwann am Ende zu erreichen. Denn die Ruhe ist da, mitten im Leben. Sie wohnt in deinem Herzen, in der Eintracht mit dir selbst.
Das, was nach der Eingangsarie kommt, muss man mit dieser inneren Ruhe anhören und so, als hätte man ständig diese erste Melodie im Ohr. Die Welt, das Sündenhaus / bricht nur in Höllenlieder aus. Gerechter Gott, wie weit ist doch der Menschen von dir entfernet. Ist das nun Barockdichtung oder doch Beschreibung unserer Gegenwart? Johann Se-bastians Musik fängt ein wenig an zu wackeln angesichts dieser bodenlosen Zeitdiag-nosen. Seiner Welt und unserer ist der Generalbass abhanden gekommen. Und dann klingt die Welt so, wie in der zweiten Arie, zitternd und wankend und voller Disso-nanzen. Verzweifelte Violinen, plötzlich in eine tragende Rolle gezwungen. Während die Orgel einfach macht, was sie will, anstatt zu tun, was sie soll. Man fragt sich manchmal: Ist das eigentlich falsch gesungen oder soll das so?
Diese Welt kann einem leidtun. Und sie tut auch Gott leid, all die verkehrten Herzen, all die Münder voller Gift und Feindschaft, das Nächstentreten statt der Nächstenliebe. Es gibt nur einen Weg da raus, einen Weg heraus dem Sündenhaus in eine ruhige Wohnung für das Herz und die Seele. Und das ist der Weg, den Jesus in der Berg-predigt beschreibt und den schon zu seiner Zeit alle für unmöglich erklärt haben: Der bessere Weg, die bessere Gerechtigkeit, das „Mehr als nötig“ und das „Ich mache den Anfang“.
Die Ruhe ist nämlich kein Stand. Sie ist eine Bewegung, vor allem eine Bewegung hin zu dir selbst. Irgendwann weißt du es doch: Das Leben ist kurz und deine Zeit ist kostbar. Und deinen Bruder änderst du nicht, die verkehrten Herzen, die Münder voll Gift und Feindschaft. Aber du kannst trotzdem auf ihn zugehen. Denn Ruhe findest du nicht, wenn sich die anderen geändert haben. Und auch nicht erst am Ende, wenn alle Kämpfe gekämpft sind und alles ausgefochten ist. Ruhe findest du nur in dir selbst. Behalte die Melodie vom Anfang im Ohr. Summe sie vor dich hin, wenn morgen früh wieder der Rat der Stadt Leipzig mit diesem und jenem bei dir ankommt. Oder wenn du den Generalbass deines Lebens gerade nicht mehr hören kannst. Tu, was du liebst. Lieb, was du tust. Bleib nicht stehen. Bewege dich. Und bitte: Lass mich dies Wohnhaus finden / wo selbst ich ruhig bin.

