Die Schuld der Welt

„Dumpfe Märsche rollen durch das Land, das eintönige Wirbeln der Trommeln, Hörner, die zum Angriff blasen in das Gebrüll der todgeweihten Haufen, die da aufeinander losgehen; Röcheln und Wehklagen; das Prasseln der Flammen, die Dörfer und Städte verschlingen; das Jammern zu Tode gemarterter Frauen und Kinder“ (Ulla Hahn)

Die Erfahrung des Krieges bestimmt das Leben von Paul Gerhardt. Er kennt gar nichts anderes als den Krieg. Denn es ist ja Krieg, seit er ein Kind war. Seine Heimatstadt Gräfenhainichen in Sachsen lag genau im Durchzugsgebiet der verfeindeten kaiserlichen und schwedischen Heere. Sein Elternhaus wird später bis auf die Grundmauern abbrennen. Als er fünfzehn Jahre alt ist, verlässt Paul Gerhardt seine Heimatstadt. Eltern hat er da schon keine mehr, denn Mutter und Vater sind früh gestorben.

Man liest das alles so in der Biografie von Paul Gerhardt und muss einen Augenblick die Luft anhalten. Wie hat sich das angefühlt, ein fünfzehnjähriger Junge auf sich allein gestellt, um den herum der Krieg wütet? Alle Pläne für das Leben unmöglich gemacht oder jedenfalls stark eingeschränkt. Dazu die Angst, als Soldat in den Krieg zu müssen und sein Leben zu verlieren. Es gibt keinen richtigen Platz in der Welt für einen wie ihn, der sich für Theologie und Sprache und Dichtung interessiert. Denn es ist Krieg in Europa.

Keiner darf heute sagen: Das ist doch lange her. Der Dreißigjährige Krieg ist lange her. Aber hier bei uns sind heute junge Menschen zu Gast, nicht viel jünger oder älter, als es Paul Gerhardt damals war. Sie werden nachher in einen Bus steigen, der sie zurück nach Kyjiw bringt, zurück mitten in einen Krieg. Trommeln und Hörner gibt es heute nicht mehr, aber das Heulen des Luftalarms und die Einschläge der Bomben. Am Montag, als die Gruppe gerade angekommen war und ich ihr unsere Kirche gezeigt habe, wurde mir einen kleinen Augenblick schwindelig. Lauter junge Menschen mit Rucksack und Handy, vom Alter und Aussehen in nichts zu unterscheiden von meiner Tochter und ihren Klassenkameradinnen und -kameraden. Und die einen leben in Frieden und Sicherheit und die anderen müssen zurück in einen Krieg.

„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld / der Welt und ihrer Kinder“. Das Passionslied von Paul Gerhardt ist 1647 entstanden. Da lag der Dreißigjährige Krieg zwar in seinen letzten Zügen, aber was für ein Friede kam danach? „Der Friede traf verarmte Menschen in verarmten und bedrängten Städten; Bauern, deren Hütten verbrannt, deren Vieh vertrieben, deren Kinder und Frauen im Krieg verschollen, verdorben, gestorben waren. (…) Und wie mag es in den Köpfen und Herzen dieser geschundenen und verschreckten Menschen ausgesehen haben?“ (Ulla Hahn).

Der Gedanke, dass Jesu Leiden und Sterben etwas mit unserem Leben zu tun haben könnte, ist in den Jahrhunderten nach dem Dreißigjährigen Krieg immer unpopulärer geworden. Spätestens mit der Aufklärung wollte niemand mehr so recht glauben, was Paul Gerhardt in seinem Lied so anschaulich und lebendig ausmalt. Derart anschaulich sogar, dass im Evangelischen Gesangbuch eine besonders drastische Strophe lieber nicht abgedruckt worden ist. Es fließt viel Blut, Jesus wird wie ein Lamm geopfert, er muss sterben. Und er tut das alles für uns und auch noch aus Liebe und uns wird das etwas nützen.

Auf theologisch nennt man das die Lehre von der Stellvertretung. Schon ganz am Anfang des Christentums, bei Paulus, gibt es diesen Gedanken. Er schreibt: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (Röm 5, 8). Stellvertretendes Leiden, davon spricht man lieber nicht mehr. Das schreckt eher vom christlichen Glauben ab, als das es für ihn werben würde. Konfirmandinnen und Konfirmanden braucht man damit gar nicht erst zu kommen. Die sagen: „Mir hätte es doch auch gereicht, wenn Jesu ein paar Blinde und Aussätzige geheilt und den Rest seines Lebens Playstation gespielt und daneben ein bisschen gepredigt hätte. Mir ist es eigentlich sehr unangenehm, dass sich Jesus für mich so geopfert hat.“

„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld / der Welt und ihrer Kinder“. Einer nimmt Leiden auf sich, damit ich nicht für meine Schuld, mein Versagen verantwortlich gemacht werden muss. Einer nimmt mir das ab. Für mich ist es von diesem Gedanken nicht weit zu einem anderen Gedanken: Dass das, was gerade in der Ukraine geschieht, auch so etwas sein könnte wie ein stellvertretendes Leiden. Aber nicht irgendwann einmal in der Geschichte, sondern heute, live und jeden Abend in den Nachrichten zu sehen. Ein Land und seine Menschen leiden für uns unter einem Krieg, der über ihr Land gekommen ist, der ihre Gegenwart zerstört und ihre Zukunft. Sie leiden auch unter unserer Schuld, unserem politischen Versagen, unter den falschen Einschätzungen und dem unerträglichen Gerede deren, die auch nach vier Jahren erbarmungslosem Krieg noch glauben, es hätte irgendeinen Sinn, mit Putin zu verhandeln. Der muss wohl einer von diesen Menschen sein, die die Finsternis mehr lieben als das Licht und dessen Werke böse sind (Joh 3, 19). Niemand von uns kann den Menschen in der Ukraine ihre Leiden abnehmen. Es ist doch nicht auszuhalten: Zu wissen, dass sie, die heute für uns singen, noch heute dorthin zurückmüssen.

Ich denke an Paul Gerhardt, an den Fünfzehnjährigen, dem ein Krieg seine Zukunft zu zerstören droht. Er konnte etwas anfangen mit dem Gedanken, dass Jesus das alles auch kennt, das Leiden, das Sterben, die Ohnmacht. Er erzählt davon in seinem Passionslied, in seinem Leidenslied. Er verwandelt es in Sprache und er tut es in der festen Absicht, das alles auf direkt auf sich selbst zu beziehen: „Das soll und will ich mir zu nutz / zu allen Zeiten machen“.

Weil Paul Gerhardt das mit dem stellvertretenden Leiden ernst nimmt, bekommt er das Gefühl, nicht bloß auf sich gestellt zu sein und nicht allein in seinem Leiden. Das nützt ihm etwas für sein eigenes Leben. Und wenn wir es ihm nachmachen, verstehen wir vielleicht besser, wie das alles gleichzeitig sein kann und wie man aushalten kann, dass dies alles gleichzeitig ist. Weil Gott in Jesus bei allem dabei ist. Weil es auch heute und hier so ist, mit Euch, den ungefähr Fünfzehnjährigen aus Kyjiw: „Im Streite soll es sein mein Schutz / in Traurigkeit mein Lachen (…) in Durst soll‘s sein mein Wasserquell / in Einsamkeit mein Sprachgesell / zu Haus und auch auf Reisen“ (EG 83,6)

Zitate aus: Ulla Hahn, Jesus der Urvogel. Überlegungen zu Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“, in: Arbeitsstelle Gottesdienst 20 (2/2006), Hannover 2006, 46-49)

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