Dies ist ein Liebeslied

Paul Gerhardt hat ihn angeblickt, jedes Mal, wenn er am Altar der Kirche in Mittenwalde stand. Genau auf Augenhöhe, in der Predella, dem Unterbau des Altars, ist dort bis heute ein Gemälde zu sehen. Eine Abbildung des Schweißtuchs der Veronika. Der Legende nach steht Veronika am Rand des Weges, als Jesus zum Kreuz getrieben wird. Sie reicht ihm ein Tuch, mit dem er sich Blut und Schweiß und Tränen wenigstens noch einmal abwischen kann. Als ein vollkommenes Bild seines Gesichts soll dies alles auf dem Tuch zurückgeblieben sein, wie eine schmerzhafte Kopie seines Leidens. Dieses Bild hatte Paul Gerhardt vor Augen, in jedem Gottesdienst, den er in Mittenwalde gefeiert hat, in den seltsam intimen Momenten, in denen sich der Pfarrer von der Gemeinde weg dem Altar zuwendet und dasteht, die Gemeinde im Rücken, allein vor Gott und allein mit Gott.

Das Gemälde zeigt Jesus als einen gequälten und verzweifelten Menschen. Im Schmerz sind seine Brauen zusammengezogen, Blutstropfen von den Verletzungen durch die Dornenkrone mischen sich auf seinen Wangen mit seinen Tränen. Die Augen schwimmen darin, sein Blick droht zu brechen. Der Mund ist leicht geöffnet, so als würde er gleich richtig anfangen zu weinen oder leise um Hilfe zu bitten.
Paul Gerhardt stand dort in Mittenwalde als Pfarrer am Altar und konnte nicht anders, als immer direkt in dieses Gesicht zu blicken. Nie wieder war er ihm so nah. Und die vielen Augenblicke sind für ihn zu einem einzigen Anblick geworden: Das Gesicht Jesu, sein Haupt voll Blut und Wunden. Am Ende seiner Zeit in Mittenwalde nimmt er all seine stillen Momente mit dem leidenden Jesus und macht ein Lied daraus. Wie kein anderes Lied fängt es den Augenblick des Anblicks ein.

Einmal im Jahr, am Karfreitag, stehen wir auch vor diesem Bild und können nicht anders, als hinzusehen. Zu einem ganzen Tag gedehnt wird heute der Augenblick dieses Anblicks, die Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu, von Blut und Schweiß und Tränen. Der intime Moment des Sterbens, in die Öffentlichkeit gezerrt: Auch die Passionsgeschichte erzählt davon, wie sich die Lust am Zuschauen zu unterschiedlichen Teilen mit echter Betroffenheit mischt. Und einmal im Jahr stehen wir davor und schauen zu und beobachten uns selbst bei unseren Versuchen, es nicht zu sehr an uns heranzulassen.
Oder bei unseren Versuchen, es doch an uns heranzulassen. Damit wir wenigstens etwas fühlen, mitfühlen, wenn es schon nicht zu verstehen ist. Beim Fühlen hilft die Melodie des Liedes. Sie gehört ursprünglich zu einem Liebeslied, eines von denen, die damals jede und jeder kannte und gleich mitsummen konnte: Mein Gmüt ist mir verwirret, von einer Jungfrau zart. Nicht mehr unsere Sprache, aber in der Sache zeitlos. Wie jedes Liebeslied besingt es einen anderen intimen Moment im Leben, den zwischen Liebenden. Denn nur den Liebenden ist es erlaubt, ganz im Anblick des anderen zu versinken und den Blick zu halten, bis es nicht mehr auszuhalten ist.

Dies ist aber kein Liebeslied, sondern ein Passionslied, unterlegt mit der Melodie eines Liebesliedes. Das hat Paul Gerhardt so gemacht, damit wir wenigstens fühlen, wenn wir schon nicht verstehen. Wie wir auch die Liebe nicht verstehen können, wenn sie uns geschieht. Oder schlimmer, wenn uns die Liebe nicht geschieht. Wenn sie selbst zur Passion wird.
Was wir verstehen sollen: Dies alles, Blut, Schweiß, Tränen und Tod, ist für uns geschehen und aus Liebe zu uns. Denn Gott war in Christus und versöhnte in Christus die Welt mit sich und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung (2. Kor 5, 19) schreibt Paulus an seine Gemeinde in Korinth. Er schreibt an Menschen, die sich damals genau wie wir heute abmühten mit diesem Gedanken. Was hat dieses Kreuz, das die römischen Soldaten mit geübten Handgriffen auf Golgatha aufrichteten, mit der Liebe Gottes zu tun?

Paul Gerhardt dehnt den Augenblick des Anblicks aus. Er blickt drei lange Strophen lang dem gekreuzigten Jesus ins Gesicht, bis er darin endlich erkennt, was das Kreuz mit der Liebe zu tun hat. Er blickt Jesus an, bis Jesus zurückblickt. Und erkennt, wie Gott uns Menschen ansieht: Mit dem Blick der Liebe, trotz unserer Schwächen und unseren unendlichen Möglichkeiten, einander und Gott etwas schuldig zu bleiben. Mit dem Blick der Liebe auch auf die hässlichen Seiten unserer menschlichen Existenz.
Ganz eng zieht Paul Gerhardt dafür seine Reime zusammen in der vierten Strophe seines Liedes. Er reimt über Kreuz, was am Kreuz geschieht. Und nicht nur die Worte selbst reimen sich, sondern auch der Inhalt der Worte. Lange vorher hat Paulus auch schon versucht, das mit dem Kreuz irgendwie überkreuz auszudrücken: Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf das wir in ihm die Gerechtigkeit würden. (2. Kor 5, 21)
Mit einiger Mühe kann man das vielleicht verstehen. Aber fühlen kann ich es besser, wenn ich an Paul Gerhardt denke, wie er da vor dem Altar in Mittenwalde steht, allein vor Gott und mit Gott. Und allein mit der Frage, die sich natürlich auch Pfarrer in intimen Momenten stellen. Auch wenn sie von Berufs wegen vorgeben müssen, dies alles zu verstehen: Was das Haupt voll Blut und Wunden mit irgendeiner Art von Liebe zu tun hat. Sehr lange muss Paul Gerhardt auf diese Frage starren und in das Gesicht von Jesus, bis sich die Antwort zeigt. Bis er fühlt, was er vorher nur verstanden hat: Nun, was du Herr erduldet, ist alles meine Last; / ich hab es selbst verschuldet, / was du getragen hast. Nur die Liebe Gottes schafft es, dass Ich und Du so miteinander verschmelzen. Und dann reimen wir Armen uns plötzlich auf Gottes Erbarmen mit uns. Und das Kreuz reimt sich auf Liebe.

Dies ist kein Liebeslied. Dies ist ein Liebeslied. Wer es singt, gerät in die Geschichte hinein, um die es heute geht. Die Liebe erträgt alles und duldet alles, das hat Paulus auch irgendwo geschrieben. Und in unseren besten Momenten spüren wir, das das stimmt. Dann, wenn wir es schaffen, da zu bleiben, obwohl wir lieber weglaufen würden.
Ich will hier bei dir stehen / verachte mich doch nicht; / von dir will ich nicht gehen / wenn dir dein Herze bricht (EG 85, 6). Die Liebe macht, dass wir dableiben können und aushalten. Am Ende, als alle anderen schon längst weggelaufen waren, da standen bei Jesus unter dem Kreuz noch fünf Menschen: Seine Mutter, seine Tante und zwei andere Frauen, die in irgendeiner Weise zu ihm gehörten und sein bester Freund. Alle Arten von Liebe standen unter dem Kreuz: Die Liebe einer Mutter, die Liebe eines Freundes, vielleicht auch eine unausgesprochene Liebe und eine unerwiderte. Alle Arten von Liebe halten aus und bleiben.
Paul Gerhardt steht vor dem Altar in Mittenwalde und gleichzeitig steht er unter dem Kreuz. Und er bringt uns dazu, darüber nachzudenken, welche Arten von Liebe bei uns sein werden, wenn unser Herze bricht. Wer wird uns dann fassen und halten, uns trösten, wie einen Menschen seine Mutter tröstet? Es gibt die eine Liebe, die bleibt. Und sie ist in dem Haupt voll Blut und Wunden zu sehen. Wenn ich einmal soll scheiden / so scheide nicht von mir (EG 85, 9)

Am Ende der Geschichte dieses Tages steht noch ein anderes Bild, eigentlich auch nur eine Legende, wie die von Veronika. Am Ende nehmen sie Jesus vom Kreuz ab. Das wird in der Passionsgeschichte nur eilig und nebenbei erzählt. Diese Szene ist auch auf dem Altar in Mittenwalde zu sehen, direkt über dem Haupt voll Blut und Wunden, aber weiter ausgemalt. Dort hat Maria ihren toten Sohn noch einmal auf dem Schoß.
Am Ende, wenn die Geschichte mit all den Männern als eine Geschichte von Männern fertig erzählt ist, kommen die Frauen doch noch dazu, leise und jenseits aller offiziellen Berichte. Veronika stellt sich an die Straße und gibt Jesus ein Tuch, mit dem er sich das Gesicht abwischen kann, so wie es die Mütter zu allen Zeiten mit ihren Kindern machen. Und Maria ist da, um ihren toten Sohn noch einmal auf den Schoß zu nehmen. Das ewige Bild einer Liebe, stark wie der Tod, die alles erträgt und duldet. In seinen stillen Momenten, in den Augenblicken des Anblicks hat Paul Gerhardt das allen verstanden und zu einem Lied gemacht. Dies ist kein Liebeslied. Dies ist ein Liebeslied.

(Bild: Predella des Altars in Mittenwalde, Rechte Cranach Digital Archives)

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