„Es ist sicher am besten, mit dem Anfang zu beginnen. Der fand auf dem Marktplatz statt, als die Kirchenglocken gerade neun geschlagen hatten. Die Rucksäcke trugen wir auf dem Rücken, und an den Füßen trugen wir kräftige Schuhe, Und dann marschierten wir die staubige Straße entlang und tauften uns feierlich Ritter der Landstraße.“ (Andersen, 47)
Es ist sicher am besten, mit dem Anfang zu beginnen. Im Sommer 1925 bricht die 17-jährige Astrid Lindgren nach ihrem bestandenen Abitur mit fünf Freundinnen zu einer langen Wanderung durch Südschweden auf. Dass und auf welche Weise aus der 17-Jährigen mit dem Rucksack einmal die bekannteste Kinderbuchautorin der Welt werden würde, ist im Sommer 1925 noch nicht abzusehen. Doch auf dieser Wanderung begegnet Astrid Lindgren einer Lebensweisheit, die sie immer begleiten sollte. Ein Satz, der ihr ins Herz fiel, der dort Wurzeln schlug und Früchte brachte: „Dieser Tag, ein Leben“.
Zum ersten Mal las Astrid Lindgren diese Worte an der Wand der Eingangshalle des Anwesens der schwedischen Schriftstellerin Ellen Key. Auf ihrer Wanderung hatten die sechs jungen Mädchen beschlossen, auf gut Glück die damals berühmte Autorin zu besuchen. Schließlich waren sie nicht nur auf einer sommerlichen Wanderung durch Schweden unterwegs, sondern auch auf dem Weg in ein eigenes Leben – und dabei bestimmt auf der Suche nach Vorbildern, besonders weiblichen. Ellen Key trat für die Rechte von Frauen und besonders für die Rechte und Bedürfnisse von Kindern im gerade beginnenden 20. Jahrhundert ein. Doch wie so oft: Aus der Nähe betrachtet, wirken große Vorbilder oft enttäuschend alltäglich. Und schlimmer noch: Kaum hatten sie das Haus betreten, biss der Hund von Ellen Key eines der Mädchen. Gestört vom plötzlichen Tumult im Haus, kam die Hausherrin eilig die Treppe herunter, noch unzureichend bekleidet. Sie herrschte Astrid Lindgren an, ihr doch gefälligst beim Zuknöpfen ihres Unterrocks behilflich zu sein. Ich stelle mir die junge Astrid in dieser absurden Situation vor: Der bissige Hund, ihre aufgeregten Freundinnen, die berühmte Schriftstellerin im Unterrock – und darüber erhaben an der Wand die Worte: „Dieser Tag, ein Leben“. Die Wandergruppe verließ das Haus von Ellen Key dann bald wieder. Aber diesen Satz, den hat Astrid mitgenommen.
Sie wusste damals nicht, dass es sich um ein Zitat des schwedischen Philosophen Thomas Thorild handelt. Thorild gilt als der erste schwedische Feminist. Im Jahr 1793 erschien seine Schrift „Über die natürliche Erhabenheit des weiblichen Geschlechts“. Darin klagte er die Folgen des Patriarchats und sprach von „Hosen-Majestät“ und „Rock-Sklaverei“. Seine vorromantische Lebensphilosophie zielte darauf ab: Erlebe jeden einzelnen Augenblick möglichst intensiv, emotional und unkonventionell. Darum der Satz: „Dieser Tag, ein Leben“. Jeder Tag birgt ein ganzes Leben, das es zu entdecken, zu spüren, auszukosten gilt. Thomas Thorild war der Meinung: Es gibt keine unvollkommenen Tage, die man einfach beiseiteschieben kann. Er schreibt in seinem Tagebuch: „Dieser Tag ist ein Leben! (…) er ist dazu bestimmt, ganz genossen zu werden, er ist eine Hauptsache.“ Thorild nimmt damit die philosophische Idee des carpe diem auf, bis heute als Spruch an der Wand oder anderswo sehr beliebt. Thorild verzichtet aber darauf, diese Aufforderung mit der Angst vor der Sterblichkeit zu verbinden, im Sinne eines memento mori – „bedenke, dass du sterblich bist!“. Er ist viel lebensbejahender und konzentriert sich ganz auf die Fülle des Augenblicks. Und damit ist er nicht weit entfernt von biblischer Weisheit, wie sie sich zum Beispiel im Buch des Predigers findet: „Da merkte ich, dass es nicht Besseres gibt als fröhlich zu sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da ist und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Prediger 3, 12f.)
Musik 2: „Prosit bei Tag und Nacht“, vom Album „Liebe, Schnaps, Tod – Hannes Wader singt Bellman„
„Dieser Tag, ein Leben“. Mit diesem Satz im Gepäck wandert es sich gut durch das sommerliche Schweden. Was die junge Astrid Lindgren noch nicht wusste: Nur ein Jahr später würde sich ihr Leben grundlegend geändert haben. Denn es kam der Tag, an dem sie feststellte, dass sie schwanger war. Sie erwartete ein Kind von dem sehr viel älteren Chefredakteur der Vimmerby Tidningen – ein Skandal in einer schwedischen Kleinstadt der 1920er Jahre. In dieser Situation war sie weitgehend auf sich allein gestellt. Sie musste ihren Sohn heimlich entbinden und ihn die ersten Jahre in einer Pflegefamilie unterbringen. Dieses Lebensschicksal Astrid Lindgrens war lange Zeit unbekannt. Es ist aber in vielen ihrer Bücher zu spüren, in denen neben aller Heiterkeit auch viele einsame Kinder vorkommen. Es ist nicht alles Bullerbü bei Astrid Lindgren.
Musik 3: Idas sommarvisa
„Dieser Tag, ein Leben“. Manchmal dauert es Jahrzehnte, bis ein kostbar gewordener Satz es aus den Vorräten des Herzens wieder hinaus in die Welt schafft. Im Jahr 1964 schrieb Astrid Lindgren einen Roman über den unvergesslichen Aufenthalt der Familie Melchersson auf der Insel Saltkrokan. Der Ferienaufenthalt der Familie Melchersson, mit dem Vater Melcher, der erwachsenen Tochter Malin und ihren Brüdern Johann, Niklas und Pelle auf einer steinigen Schäreninsel vor Stockholm wird zu einem modernen Gleichnis. Es erzählt von der Schönheit der Natur, von der Liebe zu den Tieren und von der Zuneigung und Güte der Menschen. Die Geschichte verschweigt aber auch nicht die andere, kältere und dunklere Seite des Lebens. Sie ist da, wie eine kühle Unterströmung in der sommerwarmen Ostsee. Die Kinder der Familie Melchersson haben keine Mutter mehr, geliebte Tiere sterben und Menschen sind unsympathisch oder egoistisch. Und die Idylle im alten Schreinerhaus ist gefährdet, weil sein Verkauf droht. Heute würden wir das Gentrifizierung nennen.
„Im Allgemeinen aber war alles schön, und der ganze Sommer eine einzige lange Wonne. Pelle fing schon an, sich vor dem grässlichen Tag zu graulen, da sie wieder in die Stadt zurückmussten. Er besaß einen alten Kamm mit ebenso vielen Zähnen, wie der Sommer Tage hatte. Jeden Morgen brach er einen Zahn ab, und er sah voller Besorgnis, wie die Zahnreihe Stück für Stück kürzer wurde. Sein Vater entdeckte den Kamm eines Morgens, als sie beim Frühstück saßen, und er nahm ihn an sich und warf ihn weg.“ (Ferien auf Saltkrokan, 91) Das geschieht an einem 18. Juli, dem einzigen Tag im ganzen Buch, der mit einem Datum bezeichnet ist. Und es ist dieser 18. Juli, an dem Astrids Satz wieder auftaucht. Fast 40 Jahre, nachdem er ihr zum ersten Mal begegnet war.
„‚Dieser Tag ein Leben. Deswegen habe ich ja gerade Pelles Kamm fortgeworfen.‘ ‚Steht in dem Buch, dass du meinen Kamm wegschmeißen solltest?‘, fragte Pelle erstaunt. ‚Hier steht ‚Dieser Tag ein Leben‘ – und das bedeutet, man soll gerade an diesem Tage so leben, als hätte man nur diesen einen. Man soll auf jeden einzigen Augenblick achtgeben und spüren, dass man wirklich lebt.‘ ‚Und da findest du, ich soll mich hinstellen und abwaschen‘, sagte Niklas vorwurfsvoll zu Malin.“ (Ferien auf Saltkrokan, 93)
An diesem 18. Juli, diesem Tag, der ein Leben ist, passieren viele verschiedene Dinge. Zwar kommen keine bissigen Hunde vorbei, aber dafür stechlustige Wespen, die es besonders auf Melcher Melchersson abgesehen haben. Seine große Tochter Malin ist fest entschlossen, bei einem Ausflug mit dem sportlichen Krister diesem Tag auf romantische Weise gerecht zu werden. Sie wird aber bald einsehen, dass die Anwesenheit eines Mannes allein noch keine Seligkeit bedeutet. „Konnte es etwas Seligeres geben, als so in der Sonne zu liegen und den fliegenden Vögeln zuzuschauen und dem Schwappen der Dünung gegen die Felsen zu lauschen? Natürlich, ohne Krister wäre die Seligkeit vielleicht größer gewesen, denn sein Geschwafel übertönte das leichte Geplätscher der Wellen.“ (Ferien auf Saltkrokan, 101)
Das sind Mitte der 1960er Jahre recht unkonventionelle Äußerungen für ein junges Mädchen. Sie nehmen schon etwas vorweg von den bevorstehenden gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit. Und Malins Vater taugt auch nicht gerade zum Vorbild praktisch begabter Männlichkeit. Am Bau einer Wasserrinne scheitert er ebenso kläglich wie in dem Bemühen, in Abwesenheit von Malin die Rolle des Ernährers der Familie auszufüllen. Die Barsche, die er selbst fängt und zubereitet, sind ungenießbar versalzen. Aber zum Glück lädt die freundliche Familie Grankquist die Melcherssons spontan zum Abendessen ein.
„Dieser Tag, ein Leben – und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Heulen und Zähneklappern gewesen, dachte Melcher bei sich. Nun aber kam der Abend mit Frieden und Klarheit, und Melcher hatte sich alle seine Dummheiten wieder verziehen. Das Leben war doch eine schlau erdachte Einrichtung mit seinem ständigen Wechsel, im einen Augenblick Heulen und Zähneklappern, im nächsten die höchste Wonne und alle erdenklichen Köstlichkeiten wie frisch geräucherter Bückling, Butter und neue Kartoffeln. (…) ‚Ja, meine Freunde‘, sagte Melcher, ‚es ist ganz so, wie ich immer sage: dieser Tag, ein Leben!‘“ (Ferien auf Saltkrokan, 112)
Musik 4: Var pa Saltkrakan
„Dieser Tag, ein Leben“. Der schwedische Philosoph Thomas Thorild würde mit einer gewissen Befriedigung darauf blicken, was seine Tochter im Geiste, Astrid Lindgren, aus seinem Gedanken gemacht hat. Gleichberechtigt und selbstständig war sie als Frau sowieso – und ziemlich immun gegen das Geschwafel der Männer. Astrid Lindgren weckt Kindern wie in Erwachsenen die Sehnsucht nach einem Leben, das intensiv ist, emotional, unkonventionell – an jedem einzelnen Tag. „Dieser Tag, ein Leben.“ Die Worte, die das junge Mädchen Astrid Lindgren einst im Haus von Ellen Key an der Wand geschrieben las, sind ihr zur Weisheit für ihr ganzes langes Leben geworden. Es ist sicher am besten, mit dem Anfang zu beginnen und diese Worte dann mitzunehmen, durch den Frühling und Sommer des Lebens bis hinein in seinen Herbst und Winter. So, wie es Astrid Lindgren selbst getan hat. Sie sagt: „Ich lebe einfach drauflos. Ich bin der Ansicht, dass die Gegenwart so interessant und so voller Inhalte ist, dass ich eigentlich keine Zeit habe, mich davor zu fürchten, wie es später sein wird. Ich lasse jedem Tag seinen eigenen Schmerz. Ich finde, man sollte jeden Tag so behandeln, als wäre er der einzige, den man hat. ‚Dieser Tag, ein Leben.‘“(Andersen, 410, Interview von 1967)

