Draußen und drinnen

Sie sind draußen. 350000 Menschen haben im vergangenen Jahr die evangelische Kirche verlassen. Immer Mitte März werden die aktuellen Mitgliederzahlen der evangelischen und katholischen Kirche veröffentlicht. Und passenderweise geschieht das genau in der Passionszeit. 350000 Menschen, das sind ziemlich genau alle Einwohnerinnen und Einwohner des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Und das sind nicht einfach Zahlen, sondern 350000 Menschen. Sie alle haben einen gar nicht mal so unaufwendigen Termin beim Amtsgericht wahrgenommen und eine Gebühr von 30€ bezahlt, um die Kirche zu verlassen. Jede und jeder einzelne von ihnen ist danach aus der Tür irgendeines Gerichtsgebäudes in Deutschland auf die Straße getreten, mit welchen Gefühlen auch immer: Erleichterung, es hinter sich gebracht zu haben, Trotz, es einfach getan zu haben, Genugtuung wegen schlechter Erfahrungen mit der Kirche, Scham vielleicht, weil die Kirche das eine ist, aber Gott ja trotzdem alles sieht und der Glaube eigentlich nichts Schlechtes ist. Wie auch immer es sein mag: Jetzt sind sie jedenfalls draußen.
Und wir sind drinnen. Die meisten von uns, nehme ich an. Weil es uns wichtig ist: Weil wir es uns gar nicht anders vorstellen können. Weil es sich so gehört. Weil wir gute Erfahrungen gemacht haben. Weil wir etwas gesucht und gefunden haben. So viele Gründe gibt es dafür, in der Kirche zu sein wie Menschen, die heute in dieser Kirche sind. Und jedes Jahr im März kommen Zahlen, die uns nachdenken lassen über draußen und drinnen. Und heute kommen noch Worte aus dem Hebräerbrief über draußen und drinnen dazu:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13, 12-14)

Es waren die Menschen draußen, an die diese Worte gerichtet waren. Zur Anfangszeit des Christentums bedeutete „in der Kirche sein“, zu einer kleinen gesellschaftlichen Randgruppe von Menschen zu gehören. Von der gesellschaftlichen Mehrheit wurden sie als irgendwie fehlgeleitete Spinner abgetan. Ihr Glaube an den Gekreuzigten war Anlass zu Hohn und Spott. Die erste überlieferte Darstellung des gekreuzigten Jesus ist das sogenannte „Spottkruzifix“. Es wurde noch ein paar Jahrzehnte nach der Entstehung des Hebräerbriefs in die Wand einer Bildungsanstalt geritzt. Junge Männer machten sich damit über ihren Mitschüler Alexamenos lustig, der an den gekreuzigten Jesus glaubt. Und seine Schmach, den Spott über diese unrühmliche Art zu sterben, den erlebten auch die ersten Christinnen und Christen in den ersten Jahrhunderten der Geschichte der christlichen Kirche. Sie waren draußen.
Und erst viel später, als das Christentum die neue Staatsreligion geworden war, da waren dann sie es, die drinnen waren. Eine kleine dauerhafte Störung begleitet seitdem den christlichen Glauben: Ein grundsätzliches Problem mit dem Draußen und Drinnen. Gerade können wir als christliche Kirchen die Entwicklung von der Mehrheit hin zur Minderheit live mitverfolgen. Und möglicherweise taucht damit eine uralte Angst wieder auf: Draußen zu sein, am Rand der Gesellschaft, ohne Bedeutung, ohne Einfluss. Und die Worte aus dem Hebräerbrief, die Worte aus der Vergangenheit der christlichen Kirche, werden heute wieder zu dem, was sie schon einmal gewesen sind: Worte gegen die Angst vor der Zukunft, gegen die Schmach, eine Minderheit zu sein, gegen den Spott, an so etwas Merkwürdiges wie einen gekreuzigten Gott zu glauben.

Jesus ist draußen vor dem Tor gekreuzigt worden. Der Ort seiner Hinrichtung befand sich außerhalb der Mauern der Stadt Jerusalem. So war es üblich. Aus der Geschichte seines Leidens und Sterbens kennen wir den Weg, den er bis dorthin gehen musste, jeden einzelnen Schritt beinahe, alle Vorgänge, die sich bei der Kreuzigung abgespielt haben, das grausame Handwerk einer Hinrichtung nach römischen Recht.
Und wir wissen auch, dass nur wenige seiner Jüngerinnen und Jünger ihn auf diesem letzten Weg begleitet haben. Viele sind gar nicht erst mit herausgekommen aus der Stadt. Von sehr wenigen wird in den Evangelien erzählt, dass sie nahe bei Jesus, unter dem Kreuz stehen. Es sind die, von denen wohl jeder hofft, dass sie am Ende mit dabei sind, die engste Familie, die besten Freunde. Aber die meisten bleiben in einigem Abstand. „Von ferne sahen sie zu“, heißt es übereinstimmend in der Bibel. Und irgendwann kam der Zeitpunkt, als auch noch die letzten gehen mussten. Als selbst die römischen Soldaten endlich ihren Feierabend machen konnten und den toten Jesus am Kreuz zurückließen.
Was für ein Trost kann aus diesem einsamen Tod da draußen kommen? Manche, vor allem Theologen, haben schon lange gemeint, man sollte diese ganze Sache mit der Kreuzigung nicht immer so in den Mittelpunkt stellen. Es sei doch einfach eine schreckliche Geschichte, verstörend und wenig einladend zum christlichen Glauben. Aber für mich tritt jetzt, in der Zeit der vielen Krisen hervor, welche Kraft in dem Bild des verlassenen Gekreuzigten steckt. Und dass es kein Zufall, keine selbstquälerische Ideologie oder eine spezielle Form von Masochismus ist, die uns dazu bringt, gerade dieses Bild in unterschiedlicher Gestalt in fast unseren Kirchen und in unseren Gottesdiensten präsent zu haben. Denn Jesus kann das, was so schwer ist: Angst und Verlassenheit aushalten. Er stirbt draußen vor dem Tor, verlassen von Menschen, verlassen von Gott. Und deswegen sind wir nicht allein, niemand von uns. Ängstlich und verlassen, wie alleine da draußen muss sich niemand fühlen. Jesus ist doch da. Und der Platz der Menschen, die zu ihm gehören wollen, der ist deswegen auch draußen, am Rand der Stadt, der Gesellschaft, der Welt. Und nicht in einem kirchlichen Drinnen, in dem wir uns hauptsächlich mit uns selbst beschäftigen.

Hinausgehen zu Jesus vor das Lager, seine Schmach mittragen. Es aushalten, dass wir als Christinnen und Christen aus dem Drinnen wieder in das Draußen wechseln. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt. Auch das sind Worte, die einem eher Angst machen können. Aber sie werden auf einmal zu einem anderen Trost. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Aber gerade deswegen haben wir Zukunft. Im Schmerz der Veränderung und der Trennung von dem, was einmal gewesen ist, liegt immer ein Anfang, im Leben jedes Menschen und auch im Leben der Kirche. Die Sehnsucht danach ist wie die Sehnsucht nach dem Frühling. Den kann niemand zwingen. Er lässt sich Zeit und lässt uns warten. Aber er ist schon zu sehen, er entfaltet sich in kleinen hellen Blüten mitten in dem alten Laub des Vorjahrs. Es ist ja erst März. Aber wir sind schon draußen.

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