Durchsichtig

Das ist die Verwirrung mit uns, dass wir zugleich der Pharisäer sind und der Zöllner. (Sören Kierkegaard)

Unter den Linden entlang geht es zum Brandenburger Tor. Das ist der bessere Weg für die spektakuläre abendliche Ansicht. Denn im Westen geht die Sonne unter. Sie verschafft dem Tor eine majestätische Hintergrundbeleuchtung. Schwach leuchtet noch das Gold der Siegessäule im letzten Licht. Die Quadriga fährt auf mich zu, schemenhaft vor dem Abendhimmel, auch sie gekrönt von der Siegesgöttin Viktoria. Sie sollte den Einzug des Friedens in diese Stadt symbolisieren. Unter den Linden gehe ich entlang und denke: So viele Siege, aber so wenig Frieden. So ein großes Tor und die Mauer.

Zum 65. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August ist eine Installation vor dem Brandenburger Tor zu sehen. Gegenüber der echten Mauer wirkt sie harmlos, eher wie ein etwas größerer Paravent. Ich kann mich nur ganz ungefähr an die „echte“ Mauer erinnern. Ich habe sie nur ein einziges Mal selbst gesehen, im Sommer 1989. Als ich ein paar Jahre später wieder in Berlin war, war sie schon weg.

Die 30 Meter lange und drei Meter hohe Installation deute „die physische Präsenz der einstigen Grenzanlagen räumlich an“, sagen die Veranstalter. Das ist sehr zurückhaltend formuliert, angesichts der echten Mauer, die Berlin in Ost und West teilte und an der mindestens 140 Menschen starben. Und angesichts der innerdeutschen Grenze, an der noch viel mehr Menschen ihre Sehnsucht nach Freiheit mit ihrem Leben bezahlten. Die Installation deutet alles dies nur an. Sie ist nicht aus Beton, sondern aus einer feinen wabenartigen Aluminiumstruktur. Auf den ersten Blick verstellt sie den Blick auf das Tor und versperrt die Sicht hindurch. Doch wenn man ganz genau geradeaus blickt, dann eröffnet diese Art von Mauer andere Perspektiven. Was undurchdringlich schien, wird plötzlich durchsichtig. Vor allem dann, wenn man von Westen nach Osten blickt, wegen des Standorts der einstigen Grenzanlagen. Aber auch vom Osten aus sind Durchblicke auf die Straße des 17. Juni möglich, tief hinein in den Westen. Eine Mauer, die mir den Blick gleichzeitig versperrt und öffnet.

So eine Installation würde ich gerne auch um die Geschichte von dem Pharisäer und dem Zöllner herum errichten. Eine Mauer, die mir den Blick gleichzeitig versperrt und öffnet. Und die mir neue Perspektiven auf eine Geschichte ermöglicht, die ich viel zu gut zu kennen glaube. Denn diese Geschichte leidet an ihrer scheinbaren Durchsichtigkeit. Sie hat mit dazu beigetragen, dass „Pharisäer“ bis zum heutigen Tag als Synonym für einen heuchlerischen, scheinheiligen und selbstgerechten Menschen verwendet wird. Jesus hatte seine Konflikte mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Das ist oft genug im Neuen Testament zu lesen. Und wie es oft ist: Die, mit denen man die heftigsten Konflikte hat, sind zugleich auch die, denen man besonders nahe ist. Auch dafür finden sich genug Beispiele in der Bibel.

Wie Jesus selbst bemühten sich die Pharisäer um die Heiligung ihres alltäglichen Lebens. Sie fragten, gar nicht anders als Jesus, danach, was das denn konkret bedeuten könnte: Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Und sie waren bereit, für ihren Glauben mehr zu tun als nur das Nötigste. „Ich faste zweimal in der Woche“ – statt einmal, wie es üblich war. „Ich gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme“ – zur Sicherheit, falls diese Abgabe nicht schon wie eigentlich vorgeschrieben geleistet wurde. Dieser Blick auf den Pharisäer zeigt ihn mir als einen Menschen, der mir ein Vorbild sein könnte. Denn sein Glaube findet nicht nur im Gottesdienst statt, sondern in seinem Alltag. So ein großes Tor zu einem Leben mit Gott. Und wir stellen als christliche Kirche über Jahrtausende eine Mauer davor, die unseren Blick vollkommen verzerrt hat, mit einem antijudaistischen und antisemitischen Seitenblick auf die Pharisäer und Schriftgelehrten.

Der Pharisäer ist ein guter und gottesfürchtiger Mensch. Er möchte in einer Beziehung zu Gott leben. Er geht in den Tempel, um zu beten. Und als er dort steht und beten will, passiert ihm, was einem an der Installation am Brandenburger Tor auch passiert: Sobald man nicht mehr ganz geradeaus in eine Richtung blickt, verschwimmt das Bild sofort. Es wird erst unscharf. Und dann verschließt es sich ganz.

Der Zöllner „stand ferne“ von dem Pharisäer. Es bleibt uns überlassen, wie wir uns das vorstellen wollen, ob der Zöllner sich seinen Platz im Tempel irgendwo an der Seite gesucht hat oder lieber gleich ganz weit hinten. Jedenfalls nicht vorne und in der Mitte oder gar in den ersten Reihen, wo in jeder Kirche die sitzen, die dazu gehören, die es ernst meinen. Und die sich manchmal selbst wichtig nehmen.

Ich mit meinem berufsbedingten Stammplatz in der ersten Reihe nehme mich davon nicht aus. Ich mache mir nicht vor, hier vor euch als eine Zöllnerin zu stehen, die sich ständig an die Brust schlägt und um ihre eigene Unzulänglichkeit weiß. Denn ich weiß genau, was für ein schönes Gefühl es ist, in der ersten Reihe zu sitzen und alle hinter sich zu haben und dann auch noch nach vorne zu gehen oder nach oben auf die Kanzel und dort Wichtiges zu tun und Bedeutungsvolles zu sagen. Ich hoffe immer, dass ich es schaffe, dabei den Blick geradeaus, in Richtung auf Gott nicht zu verlieren. Denn das einzige Problem des Pharisäers ist der Seitenblick auf alle anderen. Dann verschwimmt, worum es im Gottesdienst und vor allem beim Gebet eigentlich geht: Um meine eigene Beziehung zu Gott. Und nicht um Gottes Beziehung zu allen anderen.

„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute“. Mit diesem Satz kippt alles. Der Pharisäer meint ihn auch nicht allgemein, bezogen auf alle, die hier gerade nicht im Tempel sind. Der Pharisäer meint auch diesen Satz konkret, bezogen auf den Zöllner, an dem er beim Hereinkommen vielleicht vorbeigekommen ist. Er hat ihn hinten oder an der Seite stehen sehen und sich gefragt, was der wohl hier will. Ein Zöllner, genauer gesagt, ein Steuerpächter, einer, der mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitet. Ein Gewinner eines Unrechtssystems, der einen eigenen Gewinn daraus zieht, der sich dabei gar nicht an das Gebot der Nächstenliebe halten kann, weil er notorisch lügen und irgendwie auch stehlen muss und vielleicht längst anderen Göttern dient. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute“. Solche Seitenblicke sind sehr bequem. Man braucht nicht einmal den Kopf bewegen dafür. Und das bisschen Verzerrung und Unschärfe nimmt man dabei gerne in Kauf.

Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner ist durchsichtig und undurchsichtig zugleich. Wie bei der Installation am Brandenburger Tor kommt alles auf meinen eigenen Standpunkt an. 65 Jahre nach dem Bau der Mauer und knapp 40 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die physische Präsenz der Grenzanlagen in Deutschland beinahe vollständig verschwunden. Schulklassen und Besucherinnen aus dem Ausland muss man sorgfältig erläutern, wo genau diese Mauer in Berlin eigentlich gestanden hat. Aus der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist streckenweise ein schöner Wanderweg, ein grünes Band geworden. Die Sonne geht noch immer im Osten auf und im Westen unter. Aber zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands gibt es längst so etwas wie eine dauerhafte Installation mit neuen Undurchdringlichkeiten und Durchsichtigkeiten, mit Verzerrungen und Unschärfen, mit verächtlichen Seitenblicken auf die jeweils anderen. Und vor allem mit viel Dankbarkeit auf beiden Seiten, nicht so zu sein wie die anderen Leute. Der Blick auf den Westen aus dem Osten, der Blick aus dem Osten auf den Westen ist irgendwie verstellt. So ein großes Tor war das Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. So ein Sieg über Unrecht und Unterdrückung war die Friedliche Revolution. Und so wenig gesellschaftlichen Frieden gibt es heute in diesem Land, dass die Verächter der Freiheit und der Demokratie schon wieder große Erfolge zu feiern hoffen.

Was ich üben konnte an diesem Abend am Brandenburger Tor: Nach dem Pharisäer in mir suchen mit der Frage, was der Glaube an Gott in meinem Alltag zu tun hat. Aber das mit den Seitenblicken auf die anderen Leute lassen, besonders mit den verächtlichen. Und auch den Zöllner in mir finden, meine kleinen schäbigen Gewinne aus dem Sich-Anpassen und mein Wissen darum. Wirklich nur geradeaus blicken, durch die feinen wabenartigen Strukturen meines Lebens zu Gott. Damit es mir durchsichtig wird. Damit mein Blick klar bleibt.

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