Eine Fahrt durch die endlosen Wälder im Nordosten Polens. In der Nähe der Stadt, die früher Rastenburg hieß und heute Ketrzyn. Auf der rechten Seite der Straße plötzlich ein großer Parkplatz und die Einfahrt zu einer der Haupt-Sehenswürdigkeiten der Region. Über 200000 Besucher im Jahr kommen zur Wolfsschanze, dem ehemaligen Hauptquartier Adolf Hitler im damaligen Ostpreußen. Das erste Gefühl bei meinem Besuch ist der Eindruck vollkommener Abgelegenheit. Und wie weit entfernt von allem muss dieser Ort gelegen haben, damals, vor 82 Jahren, als die Straßen wohl kaum so gut ausgebaut waren wie heute?
Hier ist der Ort. Von der Baracke im Wald des Führerhauptquartiers sind nur die Fundamente übriggeblieben. Die Druckwelle der Explosion hat sie fast zerstört. Hätte das Attentat in einem der Bunker stattgefunden, hätte wohl niemand überlebt. Aber so hat es vor allem die leichten Holzwände zerrissen. Fetzen von Karten und Papier flogen durch die Kraft des Sprengstoffs aus den offenen Fenstern.
Denn es war ja Juli. Es war heiß. Auf den Stirnen der Männer, die sich über den Tisch beugen, stehen kleine Schweißtropfen. Schweiß auch den Rücken hinunter unter der Uniform, hoch bis zum Hals, eng durch das Koppel in der Mitte. Er wolle sich frisch machen, vor der Besprechung noch rasch sein Hemd wechseln. Das war der Vorwand, unter dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg sich zurückziehen konnte, um den Zünder scharf zu machen. Nur einen statt zwei, weil es so schnell gehen musste und er mit seiner einen Hand nur ungelenk hantieren konnte. Als Stauffenberg nach der Detonation eilig durch die Sperrkreise davonfuhr, war er sicher, dass niemand das Attentat überlebt hatte. Er konnte nicht wissen, dass die leichte Holzbaracke mit den offenen Fenstern ein besserer Schutz gewesen war als all die gewaltigen Bunker rundherum.
Hier ist der Ort und dies war die Zeit: Der 20. Juli 1944. Kurz vorher soll einer der Mitverschwörer gesagt haben[1]: Das Attentat musste „erfolgen, koste es was es wolle(…) Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Dass es so ist, darüber sind wir uns heute einig. Aber es dauerte fast ein Menschenleben, bis nicht mehr von der „ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherisch dummer Offiziere“ die Rede war. Hitler selbst hatte die Verschwörer so bezeichnet.
In den Gesichtern der Männer vom 20. Juli sehe ich heute das andere Deutschland im Dritten Reich. Ich kenne das, was man von einem Leben kennen kann nach achtzig Jahren, über ein Menschenalter hinweg. Ich lese ihre Briefe, in denen sie zu sehen sind als Ehemänner und als Väter, so liebevoll und zart. Sie kommen mir nah. Ich bin dankbar, dass es sie gegeben hat und dass sie da waren. Zu dieser Zeit, an diesem Ort.
Heute ist er nicht mehr schwer zu finden, der Ort, an dem gehandelt wurde. Und doch suchen wir ihn. In jedem Menschenalter aufs Neue. Wir haben ihn schon immer gesucht, schon von Anfang an, als es noch gar keine Kirche gab. Nur die frühen Gemeinden, weit verstreut im Land. Als Briefe geschrieben wurden, mit der Hand. Als einer schrieb: Weiter, liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen. (2. Thess 3, 1-2a)
Es hört sich so an, als habe sich nichts verändert durch alle Menschenzeiten hindurch. Das Wort Gottes ist kein Selbstläufer. Es muss sich seinen Ort und seine Zeit suchen. Manchmal kommt es an, so wie bei denen im Widerstand. Dann kann es wirken. Das ist nicht selbstverständlich. Sie müssen dafür beten, dass es geschieht. Aber wenn es geschieht, wenn es seinen Ort und seine Zeit gefunden hat, dann verdrängt es alles andere. Das, was falsch und böse ist.
In der Baracke im Wald war einer zur rechten Zeit am rechten Ort. Und doch war es, als sei die falsche Zeit gewesen und der falsche Ort. Es war ja Juli und so heiß, dass die Besprechungen aus dem stickigen Bunker in die luftige Baracke verlegt worden waren. Die Lagebesprechung wurde eine halbe Stunde vorverlegt, weil ein befreundeter Diktator seinen Besuch angekündigt hatte. Die halbe Stunde fehlte Stauffenberg, um beide Päckchen Sprengstoff mit Zündern zu versehen. Die Tasche mit der Bombe wurde von irgendjemandem aus der unmittelbaren Nähe Hitlers weggeschoben. Der Mann neben Hitler starb. Hitler selbst wurde nur leicht verletzt. Stauffenberg war noch im Flugzeug unterwegs, als er längst in Berlin hätte sein müssen, um den Umsturz in Gang zu setzen. Es war ein Fehler, dass er gleichzeitig der Attentäter und der organisatorische Kopf des Staatsstreichs sein sollte oder wollte. War es doch die falsche Zeit und der falsche Ort?
Das Wort Gottes ist kein Selbstläufer. Es muss sich seine Zeit und seinen Ort suchen und es sucht sich seine Menschen. Und es kann dabei so aussehen, als blieben ausgerechnet die falschen und bösen Menschen an ihrem Ort. Und es dauert so lange, bis wir von ihnen erlöst werden. Es dauerte ein Menschenalter lang, bis wir die ehren können, die getan haben, was richtig war. Bei allen Zweifeln und aller Schuld, die sie auf sich nahmen. Und die war ihnen selbst wohl am allermeisten bewusst. Vor achtzig Jahren zur rechten Zeit am rechten Ort. Und sie wurden noch in der Nacht erschossen vor einem schnell aufgeschütteten Sandhaufen im Bendlerblock, im Licht von Autoscheinwerfern.
Denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. (2. Thess 3, 2b-3)
Das Wort Gottes sucht sich seine Menschen. Es braucht uns. Unseren Mut und unsere Tatkraft. Und es kommt dabei nicht darauf an, ob man mit seinem Mut und seiner Tatkraft in der Mehrheit ist. Zehn Gerechte würden ausreichen, um eine ganze Stadt zu retten. So erzählt es die Geschichte von Sodom und Gomorrha, der Stadt, die wie wir wissen, dann doch untergegangen ist. Weil sich keine zehn Gerechten fanden? Zehn Menschen, denke ich, die würde ich schon zusammenbekommen, wenn es darauf ankäme. Wen könnte ich fragen, mit wem mich zusammenschließen? Ich würde sie mir suchen müssen. Und darauf vertrauen: Gott sucht sich seine Menschen. Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu.
Gottes Wort sucht sich seine Zeit und seinen Ort. Gott sucht sich seine Menschen. Daran hat sich nichts verändert durch alle Menschenzeiten hindurch. Ich sehe auf das, was vor achtzig Jahren geschehen ist. Ich sehe in die Gesichter der Männer vom 20. Juli. Ich weiß, dass sie nicht von Anfang an alles richtig gemacht haben. Und sie hatten ganz andere Vorstellungen als wir, von dem, was nach einem gelungenen Attentat auf Hitler hätte kommen sollte. Trotz ihrer Fehler und ihrer Schwächen: Das, was richtig und was gut ist, das sehe ich in ihnen. Sie wollten Deutschland erlösen von den falschen und bösen Menschen. Auch wenn ihre Pläne gescheitert sind und sie ihr Leben verloren haben und der Krieg und das Morden weiterging.
Heute ist er nicht mehr schwer zu finden, der Ort. Die Baracke im Wald und das, was von ihr übriggeblieben ist. Wir wissen, wo das ist. Und wir suchen weiter, den Ort und die Zeit. In jedem Menschenalter aufs Neue.
Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.
Amen.
[1] Henning von Tresckow

