Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Allerheiligsten sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag. Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte.
Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass man auf die Abteilungen geachtet hätte. Und alle Leviten, die Sänger waren, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
Wir erinnern uns. Es ist erst sechs Jahre her. Und wir haben unsere Sehnsucht gespürt. Nach unseren Kirchen, ihren Bänken, nach unseren Plätzen, nach dem Sonnenlicht in den Fernstern, nach den Lesungen, den Gebeten, der Predigt. Danach, das Gesangbuch aufzuschlagen und die Orgel im Rücken und im Ohr zu haben und nach diesem einen Moment nach dem Vorspiel zum Lied, wenn wir alle einstimmen. Und nach dem Segen, nach den Worten, die sich niemand selber sagen kann. Als unser Religionsbetrieb gestört war und unsere Routinen durchbrochen, als es uns verboten war, Gottesdienst zu feiern, da erst haben wir gespürt, wie er uns fehlt. Und wir wollen uns gar nicht an die mühsamen Wege zurück in die sogenannte Normalität erinnern.
Es ist sechs Jahre her. Wir erinnern uns: Es war der eine Sonntag, an dem wir auf einmal frei hatten. Es war eines von den vielen auf einmal dienstfreien Wochenenden nacheinander. Unter normalen Umständen hätten wir sie uns gerne in unsere Dienstvereinbarungen schreiben lassen oder als Quartalssonntag eingefordert. Und nun, da wir sie hatten, da wollten wir sie auf einmal nicht mehr. Wir spürten, was disruptive Veränderung bedeutet, wenn sie nicht nur theoretisch gedacht wird, sondern sich tatsächlich ereignet. Die Kirchen schlossen wir ab und ließen Jesus am Kreuz da drinnen bis auf weiteres allein. Als wir den Trost der Gemeinschaft am meisten brauchten, bekamen wir ihn nicht. Nicht einmal zu dritt durften wir uns versammeln. Und schon gar nicht mit jemanden aus einem anderen Haushalt.
Wie die Frühlingsblumen wuchsen sie unter uns auf, die unzähligen Versuche, unter uns so plötzlich Vereinzelten gottesdienstliche Gemeinschaft zu säen. Ein wildes Blühen aus Andachten und Gottesdiensten im Internet, Gottesdiensten zum Mitnehmen und am Küchentisch, Gottesdiensten per Mail und per Post. So viel Kreativität und Liebe und oft so wenig Perfektion. Aber wie bei jeder echten Liebe voll Bereitschaft, sich komplett lächerlich zu machen.
Ich erinnere mich: Ein Trost in dieser Zeit war mir die Geschichte von der Einweihung des Tempels in Jerusalem. Einer von den Predigttexten, aus denen lange Stangen ragen, die man deswegen gerne als „sperrig“ bezeichnet. Obwohl er, in Bachs Stadt darf das nicht unerwähnt bleiben, die Einsetzungsworte der Kirchenmusik enthält, als Bach selbst zu dieser Stelle notierte: „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.“
Die Einweihung des Tempels in Jerusalem ist Religionsbetrieb auf höchstem Niveau. Nach Jahren der Wanderung durch die Wüste soll jetzt die Bundeslade in das Allerheiligste des Tempels überführt werden. Auch für Gott sind damit die Jahre der Wanderschaft vorbei. Dafür muss alles perfekt sein. Anwesend sind die höchsten politischen Repräsentanten, reichlich geistliches Personal, es gibt kostbare liturgische Geräte und Gewänder, vielstimmigen Gesang und Instrumente.
Ein merkwürdiger Gegensatz zu der schlichten hölzernen Lade mit ihren sperrigen langen Stangen, die irgendwie nicht recht in den neuen Tempel hineinpassen will. An diesen Stangen hatten sie die Lade mit sich getragen, immer abwechselnd auf ihrem jahrzehntelangen Weg durch die Wüste. Manchmal haben innerlich geflucht dabei und sich im gleichen Moment erschrocken erinnert, dass sie „den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen“ sollen. Das stand ja auch ausdrücklich auf den Tafeln in der Lade. Abdrücke auf den Schultern hat sie hinterlassen und Schwielen an den Händen, obwohl die Lade nicht schwer war. So wenig, wie die Tafeln schwer waren und die Zehn Gebote nicht schwer waren. Eigentlich.
Mit der Lade haben sie ihren sperrigen Gott jahrzehntelang durch die Wüste getragen. Und jetzt bringen sie die Lade hinein und schließen die Türen und dann feiern sie Gottesdienst im neuen Tempel. Sie nehmen einen geordneten Religionsbetrieb auf. Aber die Priester, sonst perfekt choreographiert, geraten sofort in eine heilige Unordnung. Als hätten sie das Heiligtum sehr plötzlich verlassen wollen, mit einer Art von schlechtem Gewissen. Weil es sich anfühlt, als hätten sie Gott eingesperrt in diesem Tempel? Und als dann alles soweit ist, als der Gottesdienst beginnt und sich die Stimmen und Instrumente der Leviten und der Priester erheben zum dem großen Lob Gottes, da kommt Gott. Er kommt als Wolke, so, wie sie ihn aus der Wüste kennen. Er lässt sich nicht einsperren und schon gar nicht aussperren. Und unterbricht den Gottesdienst und den Religionsbetrieb. Die Priester können nicht zum Dienst hinzutreten wegen der Wolke. Denn Gott ist schon da. Die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.
Jede Störung, auch die eines Religionsbetriebs, ist eine Veränderung und eine Unterbrechung. Disruption tut weh. Aber manche Wunden verheilen auch verdächtig schnell. Es gibt viele Gemeinden, die froh wären, wenn sie die beim Ausbruch der Pandemie erlaubte Mindestteilnehmerzahl heute regelmäßig erreichen würden. Und auch dort, wo alles perfekt inszeniert, von höchster Qualität und sogar gut besucht ist, stellt sich nicht automatisch ein Gefühl der Gegenwart Gottes ein.
Zu allen Zeiten, vor sechs Jahren und heute und wahrscheinlich immer, ist die Geschichte von der leicht missglückten Tempeleinweihung ein Trost. Denn sie sagt: Gott ist ein sperriger Gott. Gott bewegt sich gerne auch außerhalb der Liturgie und des Heiligtums. Es scheint Gott ganz recht zu sein, in die Welt hineinzuragen und durch die Welt getragen zu werden, besonders auf endlos scheinenden Umwegen und durch Wüsten. Gott mag es, dass wir Abdrücke auf den Schultern von ihm bekommen und Schwielen an den Händen. Wenn einfach tun, was auf den Tafeln steht. Und Gottesdienst feiern.
Amen

