Gib dich zufrieden

Und Tobit rief seinen Sohn und sagte zu ihm: Mein Kind, rüste dich für den Weg und zieh hin mit deinem Bruder. Der Gott, der im Himmel wohnt, bewahre euch und bringe euch wohlbehalten zu mir zurück. Und sein Engel begleite euch mit seinem Schutz, mein Kind. Da ging Tobias hinaus, um seines Weges zu ziehen, und er küsste seinen Vater und seine Mutter; und Tobit sprach zu ihm: Reise wohlbehalten. Und seine Mutter weinte und sagte zu Tobit: Warum hast du mein Kind weggeschickt? Ist er nicht unsere Stütze, wenn er bei uns aus und ein geht? Doch Tobit sprach zu ihr: Sorge dich nicht! Wohlbehalten wird unser Kind dahinziehen und wohlbehalten wird es zu uns zurückkehren. Deine Augen werden es sehen an dem Tage, an dem es wohlbehalten zu dir zurückkehrt. Sorge dich nicht um die beiden und fürchte dich nicht, meine Schwester. Denn ein guter Engel wird ihn begleiten, und seine Reise wird gelingen, und er wird wohlbehalten zurückkehren. Und sie hörte auf zu weinen. (Tob 5, 17f.21-f.6,1)


Es ist eine völlig unbekannte, aber sehr rührende Episode aus der Bibel: Hanna und Tobit sind ein altes und armes Ehepaar. Sie schicken ihren einzigen Sohn Tobias in die Fremde. Es geht um eine geschäftliche Angelegenheit, die der Vater nicht mehr selbst erledigen kann, weil er nicht nur alt, sondern obendrein auch noch erblindet ist. Und es kommt, wie es manchmal kommt: In ihrer Angst und Sorge fängt die Mutter einen Streit mit dem Vater an. Ob das denn wirklich sein musste. Ob es nicht auch einen anderen Weg gegeben hätte.

Die grenzenlose Zuversicht ihres Mannes in dieser Angelegenheit bringt die beiden eher auseinander als zusammen. Deine Augen werden es sehen, an dem Tage, an dem er wohlbehalten zu dir zurückkehrt. Das klingt schon beinahe ironisch, denn der blinde Tobit wird es schließlich nicht mit eigenen Augen sehen können. Seine Frau schon. Aber selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Oder die, die wie Tobit das Glück haben, vor der Abreise einen Engel beauftragen zu können. Dieser Engel wird den Sohn begleiten und beschützen wird – was Tobit aber leider seiner Frau verschweigt. Trotzdem, erst einmal gibt sich Hanna, die Mutter des Tobias zufrieden. Sie hört auf zu weinen. Sie wird stille.

Diese Geschichte muss jeden rühren, der die Sorge um einen geliebten Menschen kennt. Mir kommt sie gerade besonders nahe, in der Zeit meines Lebens, in der meine Kinder ihre eigenen Wege gehen und ich sie gehen lassen muss. So gut es geht, bin ich darauf vorbereitet. Das, was ich tun kann, habe ich getan. Und bleibe zuhause zurück mit der guten alten Bekannten aller Eltern: Der Sorge. Die macht nämlich gar keine Anstalten, das Haus zu verlassen, nur weil die Kinder es tun. Im Gegenteil, sie scheint mit ihnen größer geworden zu sein. Vorbei die Zeiten, wo ich Einiges und meistens recht Praktisches dafür tun konnte, dass meine Kinder wohlbehalten sind und bleiben, anstatt es nur für sie zu hoffen.

Gib dich zufrieden und sei stille! Das ist der Rat, den Paul Gerhardt aus der rührenden Geschichte von Hanna und Tobit und ihrem Sohn Tobias ableitet. Sorge dich nicht, hab keine Angst, wenn in deinem Leben Dinge kommen, die du nicht der Hand hast. Wenn die Zeiten vorbei sind, in denen du deine geliebten Menschen fest an der Hand halten konntest. Wenn das Gefühl kommt, plötzlich gar nichts mehr in der Hand zu haben. Wenn du loslassen musst.

In diese Lücke, in diese Leere hinein spricht eine Stimme, geduldige fünfzehn Strophen lang. Eine Stimme, die für alle sorgt, die sich Sorgen machen und die sagt: Wie dir‘s und andern oft ergehe / ist ihm wahrlich nicht verborgen; / er sieht und kennet aus der Höhe / der betrübten herzen Sorgen. / Er zählt den Lauf der heißen Tränen / und fasst zuhauf alle unser Sehnen. / Gib dich zufrieden! (EG 371, 3)

Was für eine gute Seelsorgerin ist diese Stimme. Ihr passieren die Fehler nicht, die schlechte Seelsorgerinnen und Seelsorger manchmal machen. Keine Spur von „Stell dich mal nicht so an“ und „Da müssen wir alle durch“. Sondern die geduldige Wiederholung dessen, was man sich in Sorge und Angst eben nicht selbst sagen kann: Gott sieht dein betrübtes Herz und deine Tränen, worüber auch immer du sie weinst.

Und was fast am wichtigsten ist: Diese gute Seelsorgerin steht nicht mit bloß professioneller Anteilnahme dabei, wie eine, die niemals selbst von Sorge und Angst betroffen sei: …fasst zuhauf all unser Sehnen. Das alles betrifft sie auch. Diese tröstende Stimme nimmt sich nicht heraus aus der Gemeinschaft der Trostbedürftigen, sondern mit hinein.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass auch Paul Gerhardt sehr trostbedürftig gewesen ist. Er musste die Erfahrung machen, die Dinge nicht mehr in der Hand haben. Sorgen kannte er genug. In der Zeit, in der dieses Lied entstand, hatte er in seinem Pfarramt heftige Auseinandersetzungen durchzustehen. Als streng lutherischer Pfarrer wurde Paul Gerhardt nach Jahren ergebnisloser Versuche der Vermittlung zwischen der lutherischen und der reformierten Konfession im Februar 1666 durch den reformierten Kurfürsten Friedrich Wilhelm seines Amtes enthoben. Vor fast auf den Tag genau 360 Jahren, am 31. Januar 1666 hatte er die Unterschrift unter ein Toleranzedikt des Kurfürsten verweigert. Ein Einkommen hatte danach erst einmal nicht mehr. Und vor dem Hintergrund dieser echten existenziellen Angst klingen die Strophen 7 bis 10 seines Liedes noch einmal ganz anders. Wir singen sie jetzt:

(EG 371, 7 – 10)

Was langsam schleicht, fasst man gewisser / und was verzieht, ist desto süßer. Gib dich zufrieden! Hanna und Tobit haben sie gemacht, die Erfahrung, loslassen zu müssen und die Dinge aus der Hand zu geben. Ihre Geschichte verschweigt auch nicht, dass sie zwischendurch drauf und dran waren, die Hoffnung aufzugeben, dass ihr Sohn Tobias wohlbehalten zu ihnen zurückkehren würde. Denn was wussten sie schon davon, was mit ihm war, irgendwo in der Fremde, in einem Land, das sie nicht kannten und in das sie niemals kommen würden.

Die beiden sind in dieser Sorge dem Vater ähnlich, von dem Jesus später erzählt hat. Der hat sich genau diese Art von Sorgen um seinen jüngeren Sohn gemacht. Sehr zu Recht, wie wir wissen. Denn wir wissen ja einiges über Geld verprassen und über Schweinetröge. Hannas und Tobits Sohn Tobias wird, so erzählt es die Geschichte, immerhin von seinem eigenen Engel begleitet. Aber Engel, das sind flatterhafte, nicht zu fassende Wesen. Und passen sie überhaupt darauf auf, dass der Junge immer genug zu essen hat?

Paul Gerhardt, ohne Einkommen in dieser Zeit, hat vielleicht auch diese sehr bodenständige elterliche Sorge im Blick gehabt. Und sich an den verlorenen Sohn erinnert, der seinen Bauch mit den Schoten zu füllen begehrte, die die Säue fraßen. Denn in der 8. Strophe heißt es in der originalen Fassung statt „dein Begehr und Notdurft stillen“ „deinen Bauch zur Notdurft stillen“.

Die Jahre der Sorge um den fernen Sohn sind weder Hanna und Tobit noch dem Vater in der Geschichte von Jesus erspart geblieben. Und in beiden Geschichten wird wahr, was Paul Gerhardt in Dichtung gefasst hat: Was langsam schleicht, fasst man gewisser / und was verzieht, ist desto süßer.

Es lohnt sich, im Buch Tobit die Geschichte des Wiedersehens beider Eltern mit ihrem verloren geglaubten Sohn nachzulesen: Denn das ist fast noch schöner beschrieben als das an sich ja schwer zu überbietende Ende der Geschichte vom verlorenen Sohn. Es hat so lange gedauert bis zum Wiedersehen, bis zur ersten Umarmung nach langer Zeit. Aber dann ist es umso schöner.

Gib dich zufrieden und sei stille! Beinahe wie ein Mantra werden diese Worte in den fünfzehn Strophen des Liedes wiederholt. Sie sind sehr geeignet für alle Lebenslagen mit ungewissem Ausgang, für die Zeiten, in denen man die Dinge aus der Hand geben muss. In denen man sich so schwach und blind wie Tobit fühlt, weil einem ein Blick in die Zukunft einfach nicht möglich ist. Der Glaube an Gott schließt die Ungewissheit nicht aus. Er schließt sie ein. Solange sie dauert, ist der Frieden wohl nicht in den äußeren Dingen zu suchen. Sondern nur in uns selbst.

Amen

(Bild: epd-Bild/Jens Schlüter)

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