Grüne Zeit

Ein bisschen halbherzig haben sie den grünen Kunstrasen auf dem Bürgersteig schon ausgerollt. Das Hotel in der Straße hinter unserem Haus bereitet sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft vor. Vor zwei Jahren bei der EM hat das gut funktioniert mit Ausschank, Bratwurst und Fußball gucken und ich nehme an, das soll trotz ungünstigerer Übertragungszeiten in diesem Jahr wieder so werden. Sie haben ja nun schon ein bisschen Übung darin. Und ich gehe auf dem Weg zum Einkaufen in Turnschuhen über den künstlichen grünen Rasen und habe auch ein bisschen Übung, irgendwie in allem. Alles Ding hat seine Zeit. Jedes Jahr lässt mich das spüren, als Pfarrerin vielleicht besonders, denn ich muss hauptberuflich die christlichen Feste gestalten und mit Leben füllen. Advent, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und heute, zum Abschluss, Trinitatis. Ein merkwürdig abstraktes Fest ist das. Es hat keinerlei Bräuche ausgebildet. Niemand hat mir je ein „frohes Trinitatis“ gewünscht. Und ich müsste das als Theologin auch gleich korrigieren, denn wenn schon, dann bitte „Frohe Trinitatis“, frohe Dreieinigkeit.

Die Farbe dieses Festes ist grün und das ist die Farbe, die jetzt erst einmal bleibt. Das große Blühen ist vorbei. Den Flieder haben wir hinter uns und Narzissus und Tulipan sowieso. Grün ist die Farbe, die bleibt. Beim Kunstrasen auf jeden Fall, in den Parks und Gärten auch, wenn wir Glück haben und es nicht wieder so ein trockener Sommer wird, wie wir ihn schon einmal hatten. Wir werden im Park sitzen oder auf der Terrasse, auf der Decke oder dem Gartenstuhl. Wir werden ins Grüne fahren und in die Ferien. Deutschland wird wieder nicht Weltmeister werden und auch damit kommen wir zurecht. Wir haben Übung in allem und Übung darin, dass alles Ding seine Zeit hat.

Die, die jetzt kommt, heißt Trinitatiszeit, obwohl das kaum jemand weiß und sie ist grün. Und meine Frage ist: Wie fülle ich die Zeit, die jetzt kommt, mit Leben, nicht halbherzig, nicht künstlich, sondern echt? Das ist keine Frage bloß für das Kalender- oder Kirchenjahr, sondern eine für das Leben. Besonders dann, wenn alle Anfänge gemacht sind und die Feste gefeiert. Die Beziehungen eingegangen, die Kinder geboren, die Ziele erreicht, der Urlaub geplant. Wie lebt man im Grünen, wenn das große Blühen vorbei ist? Und wie komme ich von dem Gefühl von Kunstrasen weg, das diese Zeit im Leben haben kann?

Der Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt hatte in der Zeit seines Lebens andere Sorgen als ich sie habe. Ich habe im Rahmen dieser Predigtreihe schon mehrfach etwas zu den Umständen seines Lebens gesagt, zu seiner Lebenszeit, vom Dreißigjährigen Krieg geprägt, zu den persönlichen Verlusten, die er erleiden musste, zu den beruflichen Kämpfen, die er auszufechten hatte. Es ist gut möglich, dass er sich, anders als ich, nach einer ruhigen und grünen Zeit in seinem Leben regelrecht gesehnt hat, in der zur Abwechslung mal keine neue Katastrophe passierte, sondern einfach gar nichts.

Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Gut, dass wir es in dem Lied, um das es heute geht, mit dem poetischen Mittel der rhetorischen Frage zu tun haben. Solche Fragen sind eher Behauptungen als Tatsachen. Sie wollen Aufmerksamkeit erzeugen und die Angesprochenen von der eigenen Meinung überzeugen. Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihn nicht dankbar sein? Wenn das eine echte Frage sein sollte, dann hätte gerade Paul Gerhardt lauter gute Gründe gehabt, sie zu verneinen. Wie kann man Gott dankbar sein, wenn die Welt um einen herum, das persönliche Leben, die engste Familie, die berufliche Existenz immer wieder von Katastrophen erschüttert werden? Das ist keine rhetorische Frage, sondern eine echte. Aber Paul Gerhardt wartet nicht auf eine Antwort und erst recht nicht auf meine. Er dichtet beharrlich weiter: Denn ich seh‘ in allen Dingen, / wie so gut er’s mit mir meint. Und spätestens jetzt frage mich, ob das eine Art frommer Masochismus sein soll oder vielleicht doch Ironie.

Aber dann sind wir beim Refrain jeder einzelnen Strophe dieses Liedes: Alles Ding hat seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. Das sind Worte des Trostes, die viel älter sind als die Worte von Paul Gerhardt. Er hat sie aus dem Buch des Predigers, aus der Sammlung von Weisheiten vor allem über das Leben und gar nicht so sehr über den Glauben. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde, so fängt das berühmteste Kapitel daraus an. Und es geht dann gleich weiter: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit. Falls irgendjemand daran zweifeln sollte, dass in diesem Buch die ganz großen Fragen gestellt werden. Der Prediger macht es wie Paul Gerhardt oder Paul Gerhardt macht es wie der Prediger: Er stellt die Fragen. Um die Antworten geht es nicht. Und den Trost muss man suchen. Bis man ihn findet: Alles Ding hat seine Zeit. Oder einfacher gesagt: Das Leben geht weiter.

Ein Satz des Trostes, aber einer, den man auf gar keinen Fall zu anderen sagen darf, besonders dann nicht, wenn sie gerade von einer Katastrophe getroffen worden sind. Er ist ein Satz über den Trost, den man suchen muss und der kein „Alles wieder gut“-Trost sein wird, sondern ein harter und sehr nüchterner Trost. Wer wüsste darüber besser Bescheid als Paul Gerhardt, wie das ist, wenn das Leben weitergeht. Wenn man schon als Jugendlicher keine Eltern mehr hat, wenn die Folgen eines Krieges einem die Zukunft verbauen, wenn einem von fünf Kindern vier sterben, wenn man seine Anstellung und seinen guten Ruf verliert. Wenn man bekommen hat, was sich niemand für sein Leben wünscht: Übung in den Katastrophen. Alles Ding hat seine Zeit / Gottes Lieb in Ewigkeit. Das Leben geht weiter, sagt einer zu sich selbst. Und das Wunder besteht darin, dass sich das trotz allem auf Gottes Liebe reimt. Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Die rhetorischen Fragen von Paul Gerhardt werden zu echten Fragen an uns und unser Leben. Sie lehren mich, genau hinzusehen und zu erkennen, welche Katastrophen im Leben künstlich sind und welche echt. Sie lehren mich, dankbar zu sein für die ruhigen und grünen Zeiten im Leben, nicht nur halbherzig, sondern richtig.

Wie lebe ich mein Leben in diesen grünen Zeiten, wie fülle ich es? Ich möchte das abstrakte Fest Trinitatis gerne feiern können und es mit Leben füllen. Auch dabei hilft mir Paul Gerhardt, diesmal als gut ausgebildeter lutherischer Theologe. Selbst beim Liederdichten geht er noch streng systematisch vor. Nach der Aufforderung mit der rhetorischen Frage geht er in den Strophen 2, 3 und 4 durch, was er persönlich Gott als Schöpfer, Gott in Jesus Christus und Gott als Heiligem Geist zu verdanken hat. Dies alles könnte man in die strengen lateinischen Begriffe der lutherischen Orthodoxie fassen und es gibt keinen Zweifel daran, dass Paul Gerhardt sie nach seinem Studium unter anderem in Wittenberg alle perfekt beherrscht: De creatione, de providentia, de gratia, de spiritu sancto. Aber wenn er vom Theologen zum Dichter wird, dann will er die Begriffe nicht abstrakt lassen, sondern sie mit Leben füllen. Er hat sicher selbst gemerkt, wie weit der Weg von einem Wissen über Gott zu einer Erfahrung mit Gott ist: Dass Gott mich geschaffen hat und mir das Leben gibt, das ich hab /und noch diese Stunde treibe. Wie die Liebe Gottes in Jesus Christus zu mir kommt und mich erlöst: Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer / nein er gibt ihn für mich hin. Und was der Heilige Geist in meinem Leben bewirkt, dass er mir mein Herz erfülle / mit dem hellen Glaubenslicht.

Ich glaube, das sind die drei Aufgaben, die wir im Laufe unseres Lebens haben: Herauszufinden, woher wir kommen. Uns annehmen, wie wir sind. Und lebendig zu bleiben. Auch Paul Gerhardt hat danach gesucht in seinem eigenen Leben. Und er hat gelernt, statt mit Antworten mit den Fragen zufrieden zu sein: O du unergründ’ter Brunnen, wie will doch mein schwacher Geist / ob er sich gleich hoch befleißt, / deine Tief‘ ergründen können? Auch das steht so ähnlich schon in der Bibel, in Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom. Dieser Brief war das Ergebnis eines lebenslangen Nachdenkens darüber, wie sich unser Leben auf Gottes Liebe reimt. Und an einer entscheidenden Stelle gibt Paulus das Nachdenken auf und schreibt: O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! (Röm 11, 33).

Jetzt kommt die grüne Zeit. Und ich will diese Zeit mit Leben füllen und mein Leben mit den drei Aufgaben von Gott. Damit mir irgendwann am Ende, wenn ich aufhöre nachzudenken, die Tiefe und der Reichtum des Lebens klar wird. Mein Leben liegt immer noch vor mir. Der Rasen ist schon ausgerollt. Ich gehe darüber. Und habe beschlossen, dass dies ein echter Rasen ist.

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