Hauptmänner

Ein Hauptmann ist einer, der etwas zu sagen hat. Ein Dienstgrad, den es bis heute gibt. Wer ihn trägt, hat – jedenfalls in der Bundeswehr – bis zu 250 Soldaten unter sich. Aber auch ohne genaue Kenntnis militärischer Ränge stellt man sich unter einem Hauptmann doch immer einen bestimmten Typ Mensch vor – nämlich einen bestimmenden. Ein Mensch mit Vorbildfunktion und mit Führungsverantwortung. Gleichzeitig ist ein Hauptmann jemand, der sich von oben noch etwas sagen lassen muss. Er steht zu weit unten in der Hierarchie, um sich größere Freiheiten herausnehmen zu können. Und er steht zu weit oben, als dass er sich auch mal gehen lassen könnte. Man stellt ihn sich deswegen aufrecht vor, den Hauptmann, sehr aufrecht, gehalten durch die Spannung zwischen „Befehle geben“ und „Befehle empfangen“. Einer, der etwas zu sagen hat und einer, der sich etwas sagen lassen muss. Das erfordert eine besondere Haltung und viel Disziplin, auch Selbstdisziplin. So wie sie der Hauptmann hat, der Petrus den Befehl gegeben hat, zu ihm zu kommen.

Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; warum seid ihr hier? Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. (Apg 10, 21-23)

Ein Hauptmann muss nicht selber kommen. Er hat seine Leute. Er kann drei seiner Männer losschicken, die Petrus abholen sollen. Ein merkwürdiges Vorkommando. Schon der Gedanke an Soldaten vor der Tür bekommt eine beunruhigende Aktualität, wenn man an das denkt, was gerade in den USA, in Minneapolis geschieht. Aber diese Soldaten sind anders: Sie kommen nicht um abzuholen oder gefangen zu nehmen, sondern mit einer privaten Einladung. Denn der Hauptmann Kornelius hat einen Befehl erhalten. Nicht nur von oben, sondern von ganz oben. Ein römischer Centurio mit Helm und Federbusch, der Befehle empfängt. Allerdings sind es Befehle von Engeln.

Das passt nicht ins Bild. Das ist nicht zu erwarten und eigentlich ganz unmöglich. Genauso ungewöhnlich ist es auch, dass dieses Vorkommando in das Haus eingeladen wird, in dem Petrus selbst nur zu Gast ist. Statt die drei Abgesandten der römischen Besatzungsmacht bis zum Morgen vor der Tür warten zu lassen, werden sie ins Haus gebeten. Man kann nur mutmaßen, dass sie die Nacht über nicht auf dem Flur standen, sondern einen Platz zum Schlafen und auch etwas zu essen bekommen haben. Schon ist es vorbei mit der Hierarchie. Schon ist Gemeinschaft entstanden. Am Morgen brechen sie gemeinsam auf. Und ganz ungezwungen kommt nicht nur Petrus, sondern noch ein paar andere mit.

Und am folgenden Tag kam Petrus nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch. (Apg 10, 24-26)

Dieser Hauptmann entspricht wirklich nicht dem Bild, das man sich von einem Hauptmann so macht. Petrus trifft ihn im Kreis der Familie und Freunde. Es ist, als sollten alle dabei sein und es sehen, was für eine andere Seite dieser aufrechte Soldat auch noch hat. Denn er empfängt Petrus nicht von oben herab, sondern mit einer Geste der Selbsterniedrigung. In seiner Welt würden das nur Untergebene und Besiegte tun. Er wirft sich Petrus zu Füßen. Keine Haltung mehr und kein militärisches Zeremoniell. Alle Rangordnungen, die dem Hauptmann doch in Fleisch und Blut übergangen sind, sind außer Kraft gesetzt. Als verkörpere Petrus etwas Größeres, dem man sich nur hingeben kann. Petrus muss den Hauptmann wieder aufrichten und auf die eigenen Füße stellen. Die Grenzen der Üblichen hat Kornelius deutlich überschritten. Und so erreicht er Petrus. Hier im Haus des Kornelius begegnen sich Menschen als Menschen und nicht in ihren Rollen oder Ämtern.

Und durch diesen hingebungsvollen Hauptmann lernt auch Petrus seine Grenzen zu überschreiten. Jenseits aller Zugehörigkeiten erkennt Petrus, der jüdische Nachfolger Jesu Christi, in dem römischen Hauptmann einen Menschen, der Gott nahe sein möchte. Auch Petrus hat sich sehr verändert. Und das hat bei ihm, diesem felsenfesten Typen, ein bisschen gedauert. Gott hat ihm wieder und wieder einen Traum geschickt, der eigentlich nicht schwer zu deuten ist. Ein Traum, in dem außer Kraft gesetzt wird, was er bisher für richtig gehalten hatte. In dem Grenzen, die einmal gezogen worden sind, plötzlich keine Gültigkeit mehr haben.

Denn die Welt ist nicht gemacht für Felsenfeste, die auf Standpunkten beharren. Sie ist nicht so einfach zu ordnen. Und die Menschen in ihr kann man nicht umherschieben wie Figuren auf einem Spielfeld und aufteilen in Gute und in Böse. Solche Strategien setzt Gott außer Kraft. Gott schickt Engel zu Soldaten und arbeitet mit Träumen in der Nacht an den felsenfesten Überzeugungen am Tag. So ist es mit Kornelius gewesen und mit Petrus. Der spricht es noch einmal aus, wenn er sagt: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. (Apg 10, 34)

Der Hauptmann Kornelius gehört zu den sogenannten Heiden, zu denen, die nicht von Geburt an zu Gottes Volk gehören. Und in diesem Hauptmann verwischen sich alle Grenzen. Es gehört nicht dazu und lebt doch gottesfürchtiger als mancher, der schon immer dabei war. Er hat einen guten Ruf bei Gläubigen und Ungläubigen. Mit seiner aufrechten Haltung bewegt er die Felsenfesten und führt sie über ihre eigenen Grenzen hinaus. Durch die Begegnung mit ihm verändern sich vor allem die, die sich vorher ganz sicher waren.

In der Bibel gibt es viele solche Hauptmänner. Das sind immer aufrechte Menschen, die mit ihrer Haltung Gott näherkommen als manche, die glauben, Gott immer schon nahe zu sein. Durch die Begegnung mit Kornelius hat sich Petrus verändert, ein für allemal. Nun gibt es kein Zurück mehr in die alten Abgrenzungen. Sie kommen ihm künstlich vor. Und später haben sie alle zusammengesessen im Haus des Kornelius, an einem Tisch, Juden und sogenannte Heiden und Christen. Solche, die es werden wollten und schon waren. Und solche, die es waren und noch werden mussten.

Ein Engel für einen Soldaten, Träume für die Felsenfesten und am Ende alle an einem Tisch. Das war der Anfang der christlichen Kirche. Deswegen sitzen wir hier. Und wir sehen die vielen Hauptmänner unserer Tage. Wir sehen sie umhergehen in einer großen Stadt in Amerika in Mänteln, die aussehen, wie aus dem Fundus eines Nazi-Films ausgemottet. Wir sehen sie an den Fronten dieser Welt, auf den Plätzen, wo sie Menschen vertreiben, die für Freiheit auf die Straße gehen. Auch Kornelius war der Vertreter einer fremden Besatzungsmacht. Das wissen alle. Aber dann erfahren sie: Es kann auch anders sein. Ein Hauptmann ist ein Hauptmann. Aber er ist auch ein Mensch, eine Person, von Gott gesehen unter Rüstung und Mantel.

In dieser Geschichte vom Anfang der Kirche ist so viel Hoffnung. Sie erzählt gegen die Wirklichkeit in einem besetzten Land an. Sie träumt, sie hat Visionen von Engeln, von der Aufhebung aller Grenzen, vom Frieden. Wir brauchen Engel für Soldaten und Träume, die wach machen. Und Menschen wie Kornelius und Petrus, die einander als Menschen erkennen.

Amen.

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