„Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“. Das wäre nicht die Antwort von Isai gewesen, als die Männer kamen und Soldaten für das Heer von König Saul suchten. Schon einmal waren sie bei ihm gewesen und hatte sieben seiner Söhne genau gemustert, um sich am Ende für den zu entscheiden, an den keiner gedacht hatte: David, den jüngsten. Wofür er ausgewählt war, das wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Aber wenig später war dann Krieg. Und die drei ältesten Söhne Isais, Eliab, Abinadab und Schamma, die hatten in den Krieg gemusst. Wahrscheinlich waren sie zuhause froh gewesen, dass David diesmal nicht betroffen war. Bis er, der eigentlich doch nur seine Brüder besuchen und ihnen etwas von zuhause bringen sollte, mitten in diesen Krieg geraten war.
„Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“. Das sind keine Worte, die in der Geschichte von David und seinen Brüdern jemand sagen würde, Isai nicht und auch kein anderer Vater. Der Krieg, der Angriff fremder Mächte auf Israel, ist eine Realität zu dieser Zeit und der Hintergrund vieler Texte und Geschichten des Alten Testaments. Die vielen Passagen über die Feinde, die wir so gerne aus den Psalmen streichen, erzählen davon, Und auch die Geschichte der Begegnung Davids mit dem bis zur Lächerlichkeit hochgerüsteten Riesen Goliat aus Gat. In unserer Gegenwart beinahe rührend wirkt die genaue Beschreibung seiner Rüstung und seiner Waffen, in einer Zeit, als „Rüstung“ überhaupt nur das meinte, was ein Soldat am Leib tragen konnte und nicht eine ganze, milliardenschwere Industrie. Es ist David, der sich mit Goliath einen der berühmtesten Kämpfe überhaupt liefert. Und ihm ist diese ganze Rüstung einfach nur unbequem. Er ist das nicht gewohnt. Er bleibt bei seiner Waffe, der Schleuder mit den glatten Steinen und der Sieg über den so unbesiegbar daherkommenden Goliat wird zu einem Kinderspiel.
Ich lese die Geschichte von David und Goliat auch als eine höchst ironische Geschichte, geschrieben für alle, die bedingungslos zuversichtlich auf Rüstung und Waffen vertrauen. Ich lese sie als Märchen aus einer anderen Welt. Denn ich weiß ja aus der Geschichte, dass es meistens anders ausgeht, als es hier erzählt wird und die Goliate aller Zeiten über die Davids siegen. Ich denke an die jungen Männer, Kinder beinahe noch, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah, als sie sich plötzlich mitten im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg wiederfanden, weggeholt von ihren Familien, aus ihrer Heimat, von den Feldern rund um ihr Elternhaus aus allen Ländern Europas auf die sogenannten Felder der Ehre.
„Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“. Das Lied von Reinhard Mey stammt aus einer anderen Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahrzehnten des Friedens, die ihm gefolgt sind, erst recht nach dem Ende auch des Kalten Krieges gegen Ende des 20. Jahrhunderts, da konnte man dieses Lied singen. Voller Überzeugung, dass man aus der Geschichte ein für alle Mal etwas gelernt habe, nämlich dass Kriege eine schlechte Sache sind und es keinen Sinn ergibt, dafür Menschenleben zu opfern.
Ich war schon immer ein bisschen skeptisch gegenüber diesem Lied, erstaunlicherweise schon als Jugendliche, als ich noch gar nichts von dem wusste, was Reinhard Mey so eindringlich besingt: Dass keine Mutter unter Schmerzen Söhne zu Welt bringt, sie großzieht und an ihrem Bett sitzt, wenn sie krank sind, nur um sie dann in einen sinnlosen Krieg zu schicken. Diesem allen endgültig abschreiben zu können, das war der große und emotional vorgetragene Wunsch nicht nur eines bekannten Liedermachers.
Was genau mich daran gestört hat? Ich glaube, es war die Tatsache, dass Reinhard Mey mit seinem Lied für seine Söhne antwortet. Es geht um seine Entscheidung als Vater und um sein Gewissen. Was seine Söhne selbst dazu sagen, erfahren wir nicht. Auch die Söhne Isais bleiben ja stumme Objekte all der Musterungs- und Auswahlvorgänge. Und dabei stellt sich heraus, das zumindest David durchaus gewillt ist, sich dem Kampf gegen Goliat zu stellen: Keiner lasse seinetwegen den Mut sinken; ich werde hingehen mit diesem Philister kämpfen (1. Samuel 17, 32)
Und heute, wieder einige Jahrzehnte später, ist die Welt schon wieder eine andere geworden. Was sich niemand mehr vorstellen konnte, was zum letzten Mal im Jahr 1939 mit dem Angriff Deutschlands auf Polen geschehen ist, das ist im Februar 2022 mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wieder geschehen. Der Krieg in Europa ist eine Realität, vor der niemand die Augen verschließen kann. Vier Jahre später setzt sich auch bei den Letzten langsam die Einsicht und das Eingeständnis durch, dass Friedensverhandlungen die Bereitschaft des Angreifers bedürfen, sie auch zu führen. Und dass man von Angegriffenen schlecht verlangen kann, den Forderungen des Angreifers nachzugeben, um einen falschen Frieden herzustellen, dem womöglich nur noch weitere Kriege folgen würden.
In dieser Situation bekommt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung eine ganz neue Dimension. Ich habe auch einen Sohn und der ist im Jahr 2007geboren. Und ich habe bei mir eine schuldbewusste Erleichterung darüber festgestellt, dass er sich vorerst keinen Musterungs- und Auswahlvorgängen wird unterziehen müssen. Denn jetzt bin ich selbst eine Mutter und kann mir nur immer besser vorstellen, was es bedeuten würde, wenn da ein Brief käme und meinen Sohn, der klassische Musik liebt und gerne Gedichte liest und gar nicht besonders sportlich ist, an irgendeine Front befehligen würde. Nein, meinen Sohn geb‘ ich nicht, diese Stimme wäre laut in mir, sehr laut. Aber in dem Krieg, von dem wir jetzt gerade sprechen, werden die Freiheit und die Werte Europas verteidigt. Und es wäre die Entscheidung meines Sohnes, die Entscheidung seines Gewissens, ob er sich an diesem Kampf beteiligen will oder nicht. Und die individuelle Entscheidung, nicht an militärischer Gewalt teilzunehmen oder eben doch, die müsste mein Sohn im Fall der Fälle für sich alleine treffen. Ich rette mich in den Konjunktiv, weil ich mir das nicht vorstellen mag, weder die Notwendigkeit dieser Entscheidung noch ihre jeweiligen Konsequenzen.
„Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht.“ Das Lied klingt mir in den Ohren und ich denke an David. Ein Junge, fast noch ein Kind, bräunlich und schön, der sehr gut Harfe spielt und mit Steinen auf irgendwelche Büsche zielt, wenn es ihm langweilig wird beim Hüten der Schafe. Ich denke an seinen absurd gerüsteten Gegner und daran, wie dieser Kampf ausgeht. Ich merke, wie der Krieg zum Spott gemacht wird und das Vertrauen in Macht und Überlegenheit und Rüstung: Gott hilft nicht durch Spieß oder Schwert.

