Nach Jesus

Danach setzte Jesus zweiundsiebzig Jünger ein und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte, und sprach zu ihnen: Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte. Geht hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche, keine Schuhe, und grüßt niemanden auf der Straße. Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause! Und wenn dort ein Kind des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. Wenn ihr aber in eine Stadt kommt und sie euch nicht aufnehmen, so geht hinaus auf ihre Straßen und sprecht: Auch den Staub aus eurer Stadt, der sich an unsre Füße gehängt hat, schütteln wir ab auf euch. Doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.

In der Mitte dieser Woche, zwischen dem Ergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt am vergangenen Sonntag und dem 25. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center am 11. September bin ich ein bisschen zu erschöpft, um die Gesamtsituation zu analysieren, zu verstehen, wie es dazu gekommen ist und auch noch einen Blick in die Zukunft zu wagen. Manche sprechen von einer Zäsur, von einer Zeitenwende, von einem Datum, dass man sich merken muss.

Beim 11. September 2001 wissen wir nach 25 Jahren schon, dass das leider stimmt: Es hat sich um eine Zäsur und Zeitenwende gehandelt. Solche Tage sind Tage, von denen viel später viele noch sagen können, was sie an diesem Tag gerade gemacht haben. Bei mir ist es so, dass ich am 11. September 2001 mit meiner ältesten Tochter, die noch ein Baby war, fassungslos auf ihrer Krabbeldecke saß und mir die Bilder aus New York wieder und wieder ansah. Bilder, die auch 25 Jahre später nichts von ihrer Wucht verloren haben. Und am vergangenen Sonntag saß ich mit dieser nun schon ziemlich erwachsenen Tochter im Auto und habe Radio gehört und wir waren gemeinsam von der Wucht und Eindeutigkeit dieses Wahlausgangs erschüttert. Ob der 6. September 2026 ein Datum sein wird, das die Welt in ein Davor und ein Danach teilt, das wissen wir noch nicht. Es steht noch dahin.

Solche Tage, die die Welt teilen, die große oder die eigene, viel kleinere, können wir vielleicht alle benennen. Und meistens dauert es einige Jahre, bis einem klar wird: Dies war so ein Tag, ein Tag, der etwas nachhaltig verändert hat, nach dem nichts mehr so war, wie vorher. Die Bitten, die wir hier in unserer Kirche sammeln, sind wie ein Echo auf solche Tage, die die Zeit für Menschen geteilt haben. Vor der Trennung und danach, vor dem Tod und danach, vor der Krankheit und danach. Was uns beim Hören dieser Bitten so bewegt, ist doch: So ein Tag könnte auch uns einmal treffen. Ein Gespräch, ein Telefonanruf, eine Diagnose, ein Unfall, der in unser Leben donnert wie die Flugzeuge ins WTC. Und ein guter Teil der Besorgnis und Unsicherheit im Blick auf die große Welt ist auch ein Echo auf Tage wie den vergangenen Sonntag und seine möglichen Folgen.

Jesus hat seine Freunde in die Welt hinausgeschickt, die damals keine friedliche Welt war. Wir dürfen uns sein Land nicht immer so idyllisch vorstellen. Dieses Land und ihm die Gesellschaft seiner Zeit litt unter einer fremden Herrschaft. Und sehr wahrscheinlich war sie, wie immer in solchen Fällen, gespalten zwischen denen, die das gut fanden und denen, die es ablehnten. Jesus rechnete nicht damit, dass seine Botschaft des Friedens überall gut ankommen würde. Dazu ist zu viel „wenn und aber“ in dem, was er sagt.

Seine Botschaft ist: Bleibt trotz allem bei euch, bei eurer Botschaft, die meine ist. Sie heißt Frieden statt Krieg, Versöhnung statt Spaltung. Macht nicht mit bei denen, die alles dafür tun, um Feindschaft zu säen, weil sie die die Welt gerne aufteilen wollen in „wir gegen die“. Am 11. September waren „die“ schon nach wenigen Stunden angeblich identifiziert. Was folgte, waren Jahre voller Kriege. Und seit dem 6. September beanspruchen in Sachsen-Anhalt und längst darüber hinaus diejenigen die Macht, die wieder ganz auf das „wir gegen die“ setzen: Gegen „die da oben“, gegen die angeblich nicht Deutschen, gegen die Medien, die Kirchen. Wenn es nach Jesus geht, dann machen wir dabei einfach nicht mit. Dann kommen wir überall hin mit unserer Botschaft: Das mit dem „wir gegen die“ ist nicht in Gottes Sinn ist. Und sehen, wie diese Botschaft aufgenommen wird. Und gehen manchmal einfach, höflich, aber bestimmt. Wir verschwenden unsere Zeit nicht mit fruchtlosen Bemühungen. Aber wir gehen weiter, immer weiter, in Häuser, durch Städte, wir sind im Land unterwegs und in der Welt. Nach Jesus kommen wir. Mit der Botschaft, dass Gott die Welt anders haben will, als sie gerade ist.

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