In diesen Tagen aber wurden in der Gemeinde Geschenke verteilt. Es kam eine Mutter mit ihren zwölf Kindern. Weil es viele Bedürftige waren, reichten die Geschenke nicht für alle. Nur die Kinder konnten bedacht werden. Das würden ja sicher alle verstehen. Da traten die Mütter zur Seite, um ihrer Kinder wegen, um der Freude, die wenigstens sie haben sollten. Weil Mütter sich daran gewöhnt haben, dies zu tun: Zu geben und abzugeben, von ihrer Zeit, ihrer Kraft, auch von dem, was man besitzen kann. Und nichts zu fordern für sich.
Doch als diese eine Mutter wieder zuhause war und ihre Kinder mit den Geschenken sah und ihre Freude, da saß sie doch da und weinte, still und für sich. Weil es jedem Menschen weh tut, übersehen zu werden. Und noch mehr, sich längst daran gewöhnt zu haben. Eine ihrer Töchter sah die Mutter weinen. Ob sie ihr Geschenk haben wolle, fragte sie ihre Mutter. Und bekam die Antwort, die jede Mutter geben würde: „Nein, mein Schatz. Aber ich sehe, dass du ein gutes Herz hast.“
Dieses gute Herz, das habe sie ein Leben lang behalten wollen, sagte die Sängerin Dolly Parton, als sie diese Geschichte erzählte. Sie war die Tochter. Und sie ist in der vergangenen Woche gestorben. Ihr Tod hat weltweit große Anteilnahme ausgelöst. Nicht nur mit ihrer Musik und ihrer Karriere, sondern auch durch ihre Toleranz und Großzügigkeit ist sie berühmt geworden. Dolly Parton stammte aus dem sogenannten bible belt im Süden der USA, wo sich Christinnen und Christen häufig gerade nicht durch Toleranz auszeichnen. Aber sie trat für die Rechte von Frauen ein und für die Rechte gleichgeschlechtlich liebender Menschen und Transpersonen. Sie erfand ein Förderprogramm, das Millionen Kindern den Zugang zu Büchern ermöglichte. Sie wuchs in einer armseligen Holzhütte mit elf Geschwistern auf und wurde zur reichsten Frau im Musikbusiness. Ein amerikanischer Traum. Und in diesen Tagen auch ein Traum von Amerika.
In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. (Apg 6, 1-4)
Ob es nun diese oder jene Tage sind oder unsere heute: Gewisse Dinge ändern sich anscheinend nie in den christlichen Gemeinden. Es gibt immer Gruppen und Grüppchen. Man spricht verschiedene Sprachen. Es gibt das Murren im Untergrund, die viel zitierten „Stimmen in der Gemeinde“, die leider nie einen Namen haben. Es gibt immer welche, die sich übersehen fühlen. Und viel mehr, die wirklich übersehen werden. Von ihrem Anfang an müssen sich christliche Gemeinden offenbar mit all dem auseinandersetzen. Und auch das Thema Männer und Frauen zieht sich durch die Geschichte der Kirche.
Ich weiß nicht, ob Lukas wollte, dass man diese Geschichte von den übersehenen Frauen ironisch liest. Ich kann sie leider nicht anders lesen. Denn es ist alles so, wie ich es bis heute kenne. Es gibt ein Problem, um das man sich kümmern müsste. Und die damals ausschließlich und heute meist auch noch mehrheitlich männlich besetzte Leitungsebene stellt fest, dass sie sich leider nicht persönlich kümmern kann. Es müssen neue Strukturen und Ämter geschaffen werden.
In der Apostelgeschichte beschreibt Lukas diesen Vorgang so geschmeidig, dass ich ihm diese Geschichte noch viel weniger glauben mag: Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. (Apg 6, 5f.)
Es gibt einen Konflikt in der Gemeinde. Man spricht darüber. Und dann gibt es eine Lösung, mit der alle einverstanden sind und eine neue Aufgabenverteilung, die von allen begrüßt wird. Dazu kann ich nur sagen: Wenn es so einfach wäre, würde es ja jeder machen. Und natürlich regnet es dabei noch mehr Männer. Die zwölf Jünger Jesu bekommen siebenfache männliche Verstärkung. Von den Witwen, um die es doch eigentlich gehen soll, redet niemand mehr. Keine von ihnen hat einen Namen. Sie wurden übersehen. Das war das Problem. Und sie werden übersehen. Das ist das Problem mit der Lösung.
Denn worum es eigentlich ging und warum die Witwen murrten, das ist in Lukas‘ Version der Geschichte nur angedeutet. „Bei der täglichen Versorgung übersehen“, da stellt man sich vielleicht so etwas ähnliches vor wie eine Lebensmittelausgabe oder wie milde Gaben für Bedürftige in der Art, wie sie der Familie von Dolly Parton zuteil wurden. Und da sollten die Witwen doch wohl dankbar sein, dass sich überhaupt jemand um sie kümmert. Dankbar und leise.
Aber in Wirklichkeit ging es schon damals um das, worum es bis heute geht: Um den Tischdienst, um die Art von Arbeit, die man Hausarbeit oder Carearbeit nennen kann, um die ganz banale Frage, wer sich um alles kümmert, wer für alle einkauft und kocht und vorbereitet und hinterher abdeckt und aufräumt.
Jesus hatte seinen Freunden dafür ein Beispiel gegeben, bei dem unvergesslichen letzten Abendessen vor seinem Tod. Er hatte einen unangenehmen Teil des Tischdienstes übernommen, als er seinen Freunden die schmutzigen Füße wusch vor dem Essen, eine Arbeit für Frauen oder für Sklaven. Und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger wollten es ihm gleichtun. Wenn sie damals in den christlichen Gemeinden abends zusammen aßen und dann Gottesdienst feierten, dann hätte das bisschen Haushalt im Sinne Jesu einfach unter allen aufgeteilt werden müssen. Zur Not eben reihum, wenn es nicht freiwillig passiert. Auch das wäre Nachfolge Jesu, nicht nur das Reden darüber. Aber sie ist eben sehr konkret. Und dass auf einmal auch Männer die Frauen bedienen sollten, das würde eine echte Veränderung bedeuten und die Abschaffung männlicher Privilegien.
Dass sie den Tischdienst leider nicht übernehmen können, weil sie sich um die Verkündigung kümmern müssen, steht da übrigens, glaube ich, extra für mich in der Apostelgeschichte. Damit ich als Pfarrerin etwas zu lachen habe, die immer schon und immer noch und wahrscheinlich noch bis über meinen Ruhestand hinaus anderen Erwartungen ausgesetzt ist als meine männlichen Kollegen, Stichwort Tischdienst: Kaffee kochen und Kuchen backen und hübsch dekorieren. Und predigen und Gottesdienst halten. Ich kann das doch auch alles gleichzeitig. Aber „sich mit dem Argument der Arbeitsüberlastung Privilegien zu sichern, ist offensichtlich eine uralte und immer noch taugliche Strategie“, schreibt dazu eine Theologin. Und die musste schon vor vierzig Jahren mit dem Warnhinweis „feministisch“ versehen werden.
In diesen Tagen denke ich an die übersehenen Frauen, in der Geschichte, die Lukas uns erzählt und in der Geschichte mit der Mutter von Dolly Parton. Und ich denke an Jesus zu seinen Lebzeiten, bevor das mit der christlichen Kirche begann und mit der Organisation und den Ämtern und den vielen, vielen Männern in der Kirche. Ich erinnere mich lieber an Jesus. Der wusste, dass es jedem Menschen weh tut, übersehen zu werden. Und noch mehr, wenn sich Menschen längst daran gewöhnt haben und nur noch still für sich darüber weinen. Deswegen hat Jesus sich besonders diesen Menschen zugewendet, den Übersehenen, Niedergeschlagenen, Liegengelassenen, Ausgegrenzten. Und den Frauen, den Müttern mit ihren Kindern, den Witwen.
Irgendwann haben wir in der Kirche angefangen, das Barmherzigkeit zu nennen. Und noch später haben wir eine eigene Abteilung in der Kirche daraus gemacht, die Diakonie, auch sie bis heute auffällig voll mit Männern. Aber eigentlich ist es doch nur das, was Dollys Mutter in ihr erkannt hat: Einen Blick haben für die, die übersehen werden. Und ein gutes Herz für andere. Carearbeit an der Welt leisten und sie bemuttern, ob man nun Kinder hat oder nicht. Dolly Parton hatte auch keine. Aber sie hat sich bemüht, sichtbar Gutes zu tun. Und dafür gesorgt, dass niemand sie übersehen konnte, mit ihren blonden Perücken, ihrer fantastischen Kleidung, ihrer legendären Oberweite. Das müssen jetzt nicht alle machen. Aber wie wäre es, wenn wir in den christlichen Gemeinden nicht zu übersehen wären. Wegen unserer guten Herzen.

