Nur noch Brüder

Ein Ferienhaus, in unvergleichlicher Lage und mit herrlicher Aussicht. Wer das Thomas-Mann-Haus in Nidden auf der Kurischen Nehrung in Litauen besucht, bewundert die Lage und die Aussicht. Nur drei Sommer lang konnte der Dichter es mit seiner Familie nutzen, bevor die politischen Verhältnisse im Dritten Reich das unmöglich machten. Aber das Haus steht bis heute. Besonders groß ist es nicht. Das liegt auch daran, dass hier für jedes der sechs Kinder der Familie Mann ein eigenes Zimmer vorgesehen war, selbst für die erwachsenen, die wohl nicht unbedingt mehr mit der ganzen Familie in Urlaub fahren wollten. Ob überhaupt alle Mann-Kinder hier ihre Ferien verbracht und in den für sie vorgesehenen Zimmern geschlafen haben, in den drei kurzen Sommern in Nidden? Aber die sechs Kinderzimmer im Ferienhaus sprechen für sich. Sie sagen: Ihr seid alle gleich. Ihr habt das gleiche Recht. Niemand von euch muss sich zurückgesetzt oder benachteiligt fühlen.

Wer Kinder hat oder Geschwister, weiß, wie wichtig diese Botschaft ist. Der Streit unter Brüdern war eine Geschichte, die auch Thomas Mann mitbrachte aus dem spannungsreichen Verhältnis zu seinem eigenen Bruder und der Konkurrenz zwischen seinen sechs Kindern. Das Gefühl, weniger beachtet, weniger geliebt zu sein, hat nicht nur die Familie Mann über Generationen bewegt. Und oft brechen solche Gefühle auf, wenn die Eltern nicht mehr da sind.

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. (Gen 50, 15))

Es kommt in der Geschichte von Josef und seinen Brüdern zu einer Begegnung im Palast, zu einem Familientreffen der unangenehmen Art. Die Brüder Josephs stehen vor dem Thron, auf dem ihr Bruder sitzt. Jetzt ist er da, der Tag, an dem sie nur noch Brüder sind. Ihren Vater haben sie begraben und sie sind allein miteinander, sich selbst überlassen. Ein Tag, der einmal kommen musste und den sie gefürchtet haben. Der Vater ist tot. Es ist niemand mehr da, der nachfragt, wo der Bruder geblieben ist. Es ist niemand mehr da, der sie zusammenhält. Es gibt keine Mahnung mehr, kein Einspruch, keine Kritik an ihrem Tun und Lassen. Keiner, der einschreitet, ihren Streit schlichtet, sie schützt vor ihrem Zorn aufeinander und ihrer Wut. Der Refrain, der zur Kindheit gehört, das immer und immer wiederholte „Nun streitet euch doch nicht! Nun vertragt euch mal wieder!“ ist für immer verstummt. Die Älteren und der Jüngste, der Liebling und die Zurückgesetzten, jetzt kommen sie zusammen und sie sind allein miteinander. Alles kann geschehen, wenn Brüder allein sind miteinander, so wie es damals geschehen ist zwischen den ersten Brüdern auf dem ersten Feld, wie es immer noch geschieht auf den Feldern dieser Welt und am bittersten zwischen Brüdern.

Es ist ein Tag, der immer schon da gewesen ist. Als Joseph vor ihnen stand in seinem bunten Kleid und ihnen von seinen Träumen erzählte. Als dann sie dann weggingen von dem Brunnen, in den sie ihn geworfen hatte, als er endlich weg sein sollte, der ewige Liebling, als sie dann das Geld nahmen von den Händlern und auch, als sie das blutige Kleid und die Lüge dem Vater brachten. Sie taten, was sie taten und wussten dabei: Einmal wird der Tag kommen, an dem wir nur noch Brüder sind. Ein Wissen, das in die Nacht gehört, in den unruhigen Schlaf, in die Träume, aus denen man lieber aufwachen will.

Noch einmal holen die Brüder jetzt den Vater zur Hilfe, auch das ein Muster unter Geschwistern, wenn es nicht anders gelingt, den Streit zu schlichten. „Papa hat aber gesagt, dass du…“, so hört sich das an, oder später vielleicht „es wäre doch im Sinne unserer Eltern, wenn…“. Wie Kinder verhalten sie sich, die Brüder und sind doch längst erwachsene Männer. Nun knien sie vor Josephs Thron. Sein Traum von damals ist wahr geworden. Und ihr Alptraum auch. Sie sind allein mit ihrem Bruder.

Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. (Gen 50, 17)

Joseph weint. Alles kommt noch einmal hoch in diesem Moment, die ganze Geschichte. Sein Leben und das seiner Brüder, ein Leben, in dem es viel mehr Trennung als Gemeinsamkeiten gegeben hat. Er hat sie nicht vergessen, die dunklen Tage im Brunnen, an dessen Rand doch seine Brüder standen, ohne Mitleid und ohne Liebe. Er erinnert sich aber auch an seinen Hochmut, seine bunten Träume, die sie nicht ertragen konnten. War das nun seine Schuld oder ihre?

„Aber Brüder, ihr alten Brüder!“ antwortete er und beugte sich zu ihnen mit gebreiteten Armen. „Was sagt ihr da auf? Als ob ihr euch fürchtetet, ganz so redet ihr und wollt, dass ich euch vergebe! Bin ich denn wie Gott? Geht ihr mich um Vergebung an, so scheint’s, dass ihr die ganze Geschichte nicht recht verstanden habt, in der wir sind. Ich schelte euch nicht darum. Man kann sehr wohl in einer Geschichte sein, ohne sie zu verstehen. (…) Unser Vater war auch im Spiel, dem Spiele Gottes. Unter seinem Schutz musste ich euch zum Bösen reizen in schreiender Unreife, und Gott hat’s freilich zum Guten gefügt (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder)

So lässt Thomas Mann, der Vater gewesen ist von sechs Kindern, seinen Joseph am Ende der Geschichte sprechen. Der Streit unter Brüdern, für Thomas Mann Material genug für einen vierbändigen Roman. Und in diesem Roman gelingt, was im Leben nicht immer gelingt. Joseph bewältigt am Ende seine Lebensaufgabe.

Er kann das Ganze sehen, die Geschichte, die wir als Menschen und besonders als Brüder und Schwestern miteinander haben. Er erinnert sich, aber er bleibt nicht dabei, sondern er kann vergessen und vergeben, damit es Frieden geben kann unter den Geschwistern. Eine Lebensaufgabe ist das, in einer Lebensgeschichte sein, mit der Familie, mit den Geschwistern und diese Geschichte gleichzeitig von außen sehen und verstehen.

Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu mache. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (Gen 50, 19f.)

Das sind die freundlichen Worte Josephs. Und dann steht Joseph auf von seinem Thron und kommt zu ihnen herunter, zu seinen alten Brüdern. Nicht mein Platz, dieser Thron, sagt er damit. Ich habe nicht zu urteilen und nicht zu vollstrecken. Es steht mir nicht zu. Denn ich sehe nicht auf die Tage, die hinter uns liegen, ich sehe, was jetzt am Tage ist. Was wir getan haben, haben wir getan, ihr und ich. Aber aus all unserem Bösen ist am Ende Gutes geworden. Gutes für euch und für mich. Und das Gute soll doch am Ende bleiben und nicht wieder böse gemacht werden. Vor diesem Hochmut möchte ich bewahrt bleiben, jetzt, am Ende meines Lebens.

So sprach er zu ihnen und sie lachten und weinten zusammen, und alle reckten ihre Hände nach ihm, der unter ihnen stand und rührten ihn an, und er streichelte sie auch. Und so endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern. (Thomas Mann)

Ein Schlussbild. Ich will es im Gedächtnis behalten, damit ich es nicht vergesse: Eines Tages, am Ende kommen wir wieder zusammen. Und das soll kein Tag sein, den wir fürchten müssen, weil plötzlich die Erinnerung lebendig wird an einen Brunnen, in dem unser Bruder saß, an dessen Rand wir ohne Mitleid standen und ohne Liebe. Und auch kein Tag, an dem wir auf einen Thron klettern, der nicht unser Thron ist.

Es soll ein Tag der freundlichen Worte sein und der Versöhnung und der Liebe. Denn der Tag kommt, an wir nur noch Brüder und Schwestern sind.

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