Was das Beste an einer Wanderung ist? Da gibt es nur eine Antwort: Die Pausen. Nach einem anstrengenden Anstieg, nach einer etwas öden Wegstrecke können schon ein paar querliegende Baumstämme in etwas geschützter Lage zum Rastplatz geadelt werden. Nur durch die Tatsache, dass wir beschließen, uns hier niederzulassen. Dann werden die Rucksäcke abgenommen, die Trinkflaschen aufgeschraubt, der Proviant ausgepackt. Alle haben grundsätzlich zu viel mit. Das Brot in der Dose, das ist meins, das habe ich am Morgen sorgfältig belegt, in genauer Abschätzung meines persönlichen Bedarfs und meiner Vorlieben.
Aber jeder Rucksack hat seine Tiefen, aus denen das hervorgeholt wird, was man besonders gut teilen kann und was allen schmeckt. Da machen die Nussmischungen und die Schokolade ihre Runde. Alles verschwindet in einer Weise, die weder ein Zuviel noch ein Zuwenig kennt. Es gibt keinen Mangel. Es gibt keinen Überfluss. Jede und jeder bekommt etwas, bis zu den letzten Rosinen aus der Tüte und dem letzten Stück Schokolade in silbernem Papier. Ganz ohne ein Dach über dem Kopf war die Stelle mit den Baumstämmen an unserem Weg für eine kleine Weile unser Zuhause. Hier wurden wir satt an mehr als nur dem täglichen Brot. Hier hatten wir Gemeinschaft miteinander. Und mit einem süßen Geschmack im Mund gehen wir weiter.
Was das Beste an einer Wanderung ist, ist auch das Beste im Leben. Denn auch das Leben ist nur eine Wanderung. Die große Geschichte am Anfang der Bibel erzählt, wie das Volk Israel mit Gott vierzig Jahre lang durch die Wüste gezogen ist. Und wir sprechen lieber nicht davon, wie lange es gedauert hätte, wenn sie einfach den kürzesten Weg genommen hätten. Darum geht es nicht. Die Geschichte dieser Wanderung ist eine Lebensgeschichte. Vierzig Jahre stehen symbolisch für die Zeit, in der ein Mensch sein Leben in eigener Verantwortung leben kann. Sie stehen für die Jahre der Kraft und des Unterwegsseins, die Jahre, in denen wichtige Erfahrungen gemacht werden und sich so etwas wie Reife einstellt, wenn es gut geht.
In der Bibel ist man sich gar nicht so sicher darüber, ob es sich bei der Wüstenwanderung nun um vierzig Jahre des Herumirrens oder um vierzig Jahre der Führung gehandelt hat. Aber vierzig Jahre lang war der Weg das Ziel. Und das Beste waren die Pausen. Besonders der Abend, wenn sich mit den Menschen zusammen auch kleine, schmackhafte und leicht zu fangende Wachteln rund um das Lager niederließen. Und der Morgen, wenn ihnen das tägliche Brot vor die Füße fiel. Es war rund und klein. Es war nie zu viel und nie zu wenig. Es hatte einen Geschmack wie Semmel mit Honig. Mit diesem süßen Geschmack im Mund gehen sie weiter, jeden Morgen, vierzig Jahre lang. Damit sie begreifen, was ihr Glaubensbekenntnis werden wird, das Sch’ma Israel. Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. (Dtn 6,4f.)
Damit es in dem staubigen Unterwegssein durch das Leben eine Pause gibt, für das Herz, für die Seele, für die Kraft, gibt es den Sabbat, den Tag der Ruhe. An diesem Tag dürfen sie ausnahmsweise doppelt so viel Manna aufsammeln wie sonst. Dann wird es nicht voller Würmer und stinkend wird. Damit sie auch das begreifen: Gott nährt euch auch in den Pausen, in der Woche, im Jahr, im Leben. Gott nährt euer Herz, eure Seele und eure Kraft.
Was das Beste an der Wanderung des Volkes Israels vierzig Jahre lang durch die Wüste ist, ist auch das Beste an der Wanderung zusammen mit Jesus rund um den See Genezareth: Die Pausen, in denen es etwas zu essen gibt. Brot, wie vom Himmel gefallen oder aus irgendwelchen Tiefen des Gepäcks doch noch hervorgeholt und geteilt, wer weiß das schon. Es ist am See wie in der Wüste, es ist genug für alle, es ist sogar zu viel und bleibt übrig. Aber es sind nicht vierzig Jahre, die sie mit Jesus unterwegs sind. Es sind nur ungefähr drei und für manche von ihnen ist es sowieso ein einmaliges Ereignis, dieses Wunder. Es ist schon Abend und wieder Morgen darüber geworden. Und längst hat sich der Magen schon wieder gemeldet und mit ihm auch ihre Herzen und ihre Seelen. Deswegen laufen sie Jesus nicht nur hinterher. Sie fahren ihm sogar mit Booten nach, über den See. Sie fragen Jesus: Was tust du für ein Zeichen, auf das wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? (Joh 6,30)
Mit den Menschen, die Jesus nachlaufen und ihm in Booten hinterherfahren, verbindet uns der gleiche Hunger. Nach Sicherheit, nach einem Zeichen, danach, dass etwas wirkt und sich spürbar etwas verändert im Leben und in der Welt. Etwas, das bleibt und die Seele richtig satt macht und nicht immer nur den Magen. Und manchmal denke ich: Diesen Hunger haben so viele Menschen.
Wenn euch so ist, sagt Jesus, dann lauft doch niemand anderem nach. Oder dem was man zur Zeit Johann Sebastian Bachs schlicht „Tand und Eitelkeiten“ genannt hat. Kommt zu mir, sagt Jesus, denn ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6, 35). Das sind Worte für solche wie mich, die genug Brot haben und trotzdem Angst, ob es reicht. Worte für die Satten, auch damals schon. Sie hatten das Brot gegessen am See. Sie hatten die zwölf Körbe gesehen mit dem, was noch übrig war. Das Wunder und noch die Reste des Wunders. Sie waren satt, aber sicher waren sie trotzdem nicht. Sie kommen und fragen. Es reicht ihnen nicht.
Und ich merke: Sie sind gar nicht so weit weg von mir. Es ist ein anderer Hunger, den wir haben, ein anderer als der Hunger, den ein leerer Magen macht. Hunger nach Sicherheit, Gelassenheit, Vertrauen, Hoffnung, durch alle Wüsten im Leben, auf allen Wegen, durch alle Jahre. Es ist ein Hunger, den kein Brot auf der Welt stillen kann. Man kann ihn vielleicht eine Zeit lang unterdrücken, doch er holt einen wieder ein. Und dann steht man manchmal da und hofft, dass es reicht, dass man es schafft, besonders die anstrengenden Anstiege und die öden Strecken.
Das Beste daran: Es gibt, sie, die Pause. Mitten auf der Wanderung durch die Kantate bleibt der Sopran stehen. Lange genug allein unterwegs gewesen. Machen wir doch eine kleine Pause, vom einsamen Rezitativ hinein in einen Choral. Jetzt könnten wir alle mitsingen, denn die Melodie kennen wir schon.
Ach, wie hungert mein Gemüte, Menschenfreund, nach deiner Güte. Ach, wie pfleg‘ ich oft mit Tränen / mich nach dieser Kost zu sehnen. / Ach, wie pfleget mich zu dürsten / nach dem Trank des Lebensfürsten. Wünsche stets, dass mein Gebeine / mich durch Gott mit Gott vereine (BWV 180.4, ursprünglicher Text von EG 218, 2)
Beschwingt geht es danach weiter, wie nach jeder Pause, mit der fröhlichen Melodie einer Polonaise, mit leichten Schritten.
Es gibt sie, die Pause auf der Wanderung mit Gott durch das Leben. Den Moment, in dem die Fragen danach aufhören, ob dies nun eigentlich ein Herumirren ist oder doch eine Führung. Sie ist im Gottesdienst, am Sonntag, dem Ruhetag, wenn wir das Abendmahl feiern, das große Seelenessen, zu dem alle eingeladen sind.
Damit ich Gast sein kann einmal, nicht immer selbst meine Wünsche bewirten muss mit dürftiger Kost (Rilke). Denn dann stehe ich da und dann weiß ich: Es reicht. Und ich sehe, wie all die verschiedenen Menschen nach vorne kommen, zum Brot und zum Wein, als hätten sie doch alle den gleichen Hunger und den gleichen Durst. Und die gleiche Sehnsucht nach Gemeinschaft miteinander und mit Gott. Das ist die Pause, die Antwort auf die Fragen: Das Geheimnis des Glaubens, auf dieser Wanderung, die das Leben ist.

