Die Scherben knirschen unter den Schuhen. Jede einzelne spiegelt das Licht, das den Nachthimmel erhellt. Erst am nächsten Tag fegen sie sie zusammen. Leise klingt und klirrt das zertretene Glas, leiser als das Krachen und Splittern in der Nacht. Es ist der Morgen des 10. November 1989. Am Brandenburger Tor fegen Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung die Scherben von Flaschen und Gläsern zusammen. Wenige Stunden vorher haben sich hier Menschen aus dem Osten und Westen der Stadt in den Armen gelegen, gesungen, getanzt, getrunken, gefeiert, eine ganze Nacht lang. Noch ist der Platz voller Menschen, noch mag keiner nach Hause gehen. Niemand hat geschlafen.
Die Scherben knirschen unter den Schuhen. Jede einzelne spiegelt das Licht, das den Nachthimmel erhellt. Erst am nächsten Tag fegen sie sie zusammen. Leise klingt und klirrt das zertretene Glas, leiser als das Krachen und Splittern in der Nacht. Es ist der Morgen des 10. November 1938. Einige Uniformierte fegen die Scherben der Fenster zusammen. Wenige Stunden vorher stand das Gotteshaus in Flammen. Die Feuerwehr verhinderte, dass die Flammen auf die Gebäude in der Nachbarschaft übergreifen konnten. Der Wind weht die Asche der Heiligen Schrift davon. Jetzt ist der Platz leer, alle sind nach Hause gegangen. Niemand hat geschlafen.
Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. (1. Thess 5, 1-3)
Niemand braucht uns das zu schreiben. Wir kennen das Datum von morgen, den 9. November. Er wird vollmundig der „deutsche Schicksalstag“ genannt. 1918 wurde an diesem Tag die erste deutsche Republik ausgerufen, 1923 zogen an diesem Tag Adolf Hitler und seine Anhänger in München zur Feldherrnhalle.1938 hatten sie schon gesiegt, als um die Gedächtniskirche herum, auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstrasse und überall in Deutschland Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen und Synagogen verwüstet und angezündet wurden. 1989 endete mit der friedlichen Revolution im Osten Deutschlands die andere deutsche Diktatur. Die deutsche Geschichte, unsere Geschichte. Und der 9. November wird zu einem Tag der Scherben. Sie knirschen unter unseren Schuhen. Und sie spiegeln das Licht.
Durchsichtig ist dieser Tag nur im Blick zurück. Von heute aus gesehen, erscheinen die Zusammenhänge so klar, so eindeutig. Wir wissen, auf welcher Seite wir zu stehen hätten – aber wir wissen es jetzt, zu unserer Zeit. Und wenn wir ehrlich mit uns sind, müssen wir sagen: Auch über uns wäre der 9. November 1938 gekommen wie ein Dieb in der Nacht. Ein Einbruch in unser Leben. „Es geht los“ – die berühmten drei Worte schwangerer Frauen. Und dann sind alle alarmiert. Aber keiner weiß, was zu tun ist.
Dieses Gefühl kenne ich aus eigener Erfahrung, nicht nur, weil ich Kinder geboren habe. Ich kenne es aus meiner Zeit als Pfarrerin in Mecklenburg, wo es vor fast 20 Jahren einen Angriff auf den Imbiss eines Pakistaners gegeben hat. Die Scheiben wurden eingeworfen, der Imbissbesitzer, seine Frau und seine kleine Tochter fürchteten in ihrer Wohnung über ihrem Geschäft in dieser Nacht um ihr Leben. Die Polizei griff nicht ein.
Aber nach diesen Ereignissen benannte die Stadtvertretung in einem offenen Brief den ausländerfeindlichem Hintergrund der Ausschreitungen und das Vorhandensein einer rechten Szene. Ein Bündnis für Demokratie und Toleranz gründete sich. Die Stadt Bützow wurde für dieses Engagement im Rahmen der Kampagne „Vielfalt tut gut“ als ein „Ort der Vielfalt“ ausgezeichnet. Scherben, die unter den Schuhen knirschen. Scherben, die das Licht spiegeln.
Und auch schon wieder so lange her. Damals waren meine Kinder noch klein und die Polizei kam zu mir nach Hause und riet mir freundlich, doch zukünftig besser zu kontrollieren, ob die Vordertür des Pfarrhauses auch wirklich gut abgeschlossen sei. Hätte ich damals fürchten müssen, dass es die Scheiben meiner Wohnung sein könnten? Ich habe mich beschützt gefühlt damals, durch die Polizei und durch das Wissen, was für eine Wirkung in der Öffentlichkeit es haben würde, wenn das Pfarrhaus einer alleinerziehenden Pfarrerin mit drei kleinen Kindern Ziel eines rechtsextrem motivierten Angriffs werden würde.
Die Scherben knirschen unter den Schuhen. Jede einzelne spiegelt das Licht, das den Nachthimmel erhellt. Erst am nächsten Tag fegen sie sie zusammen. Leise klingt und klirrt das zertretene Glas am Morgen, leiser als das Krachen und Splittern in der Nacht. Der 9. November ist ein Tag der Scherben und der vielen Brechungen. Wo hätte ich gestanden am 9. November 1918, 1923, 1938 und 1989. Was hätte ich getan? Erst m Blick zurück wird die Vergangenheit durchsichtig. Ich weiß, wo ich damals in Bützow stand. Ich ahne, wo an den verschiedenen 9. Novembern hätte stehen müssen. Aber weiß ich heute, wo ich stehen muss? Was ist, wenn es wieder losgeht? Passiert es eigentlich deswegen alles im November, an diesen trüben Tagen, an denen man nicht alles klar erkennen kann?
Es kommt ein Tag, der nicht in den Kalendern verzeichnet ist: Der Tag des Herrn, der kommt wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum anderen (Lk 17,24). Der Tag des Herrn ist ein Tag des Gerichts. Wir werden uns einmal verantworten müssen. Nicht mehr und nicht weniger. Einer sieht das Unklare und Uneindeutige, das Trübe und Zwielichtige, das Träge und Verschlafene in unserem Leben. Im Angesicht Gottes wird ein Blick genügen und unser Leben wird durchsichtig. Was war richtig und was war falsch? Die Frage, die mich ein Leben lang gequält hat, wird beantwortet. Endlich Klarheit.
Dieser Tag des Herrn ist ein klarer Tag. Er wirft ein Licht auf meine Gegenwart. Die Stimme aus der Zukunft sagt zu mir: Nichts ist gleichgültig. Du bist nicht gleichgültig. Alles, was wir tun hat unendliche Perspektiven, Folgen bis in die Ewigkeit; es hört nichts auf. Es bleibt nichts vergessen. Es kommt alles noch einmal zur Sprache. (H. Gollwitzer).
Die Stimme aus der Zukunft sagt zu mir: Du kannst so leben. Jetzt, heute. Klar und eindeutig und hell und wach. Unsere Nüchternheit, die uns als Protestantinnen und Protestanten gelegentlich vorgeworfen wird, ist eine Tugend.
Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr seid alle Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nach noch von der Finsternis So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. (1. Thess 5, 4-6)
Wir leben nicht in der Finsternis und wir gehören nicht der Finsternis. Wir sind Kinder des Lichtes und des Tages. Und wir schulden es unserer Vergangenheit, dass wir unsere Gegenwart im Licht der Zukunft betrachten.
Was soll das werden, hier in unserer Stadt, wo eine zukünftige Regierungskoalition schon vor ihrem Amtsantritt in einer Erklärung betonen muss, dass sie „für eine Stadt steht, in der Gewalt und Terror weder verherrlicht noch relativiert werden, in der das Existenzrecht Israels nicht in Frage gestellt wird und in der jegliche Form von Antisemitismus keinen Platz hat“ (aus der „Berliner Vereinbarung“ zum Start der Sondierungen zwischen Die Linke Berlin, Bündnis 90/Die Grünen Berlin und SPD Berlin, Oktober 2026)
Warum ist das nicht selbstverständlich, sondern muss noch einmal gesondert betont werden? Es ist die Aufgabe des Staates, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Und auch wenn es gute Absichten sind: Schon wieder werden Jüdinnen und Juden in Berlin ausgegrenzt, diesmal als eine besonders zu schützende Gruppe. Als hätten sie nicht wie jede und jeder von uns einen selbstverständlichen Anspruch darauf, dass ihnen die Scheiben nicht eingeworfen werden, dass ihre Kinder nicht unter Polizeischutz zur Schule gehen müssen und auf der Straße Parolen gegen sie gerufen werden. So nüchtern muss man betrachten, was bei uns gerade am Tage ist.
Die Scherben knirschen unter den Schuhen. Jede einzelne spiegelt das Licht, das den Nachthimmel erhellt. Erst am nächsten Tag fegen sie sie zusammen. Leise klingt und klirrt das zertretene Glas am Morgen, leiser als das Krachen und Splittern in der Nacht. Niemand hat geschlafen. Es wird Tag. Amen.

