Sei meines Herzens Gast

Wir haben es unserer Konfirmandin zu verdanken, dass es heute am Anfang des Gottesdienstes einen festlichen Einzug gegeben hat. Sie hat sich ganz bewusst dafür entschieden, in dieser Kirche konfirmiert zu werden – obwohl Du Dich der Gruppe in unseren Nachbargemeinden hättest anschließen können, mit der Du gemeinsam den Unterricht besucht hast.
Ich weiß genau, dass es Dir nicht um Deinen Solo-Auftritt oder das geschickte Ausschalten der Mitbewerberinnen um das schönste Outfit gegangen ist. Du wolltest hier in dieser Kirche konfirmiert werden, weil Du Dich hier nicht nur zu Gast, sondern zuhause fühlst. Und mit deinem Einzug hast Du uns geholfen, besser zu verstehen, worum es an Pfingsten geht. Nämlich auch um einen Einzug. Und um ein Zuhause.

Sein Lied zu Pfingsten hat der Dichter Paul Gerhardt vor über dreihundert Jahren geschrieben. Es ist seine Fassung eines anderen, viel älteren Pfingstliedes „Veni creator spiritus“, übersetzt „Komm Gott Schöpfer, Heiliger Geist“. Auch in diesem Lied ist schon davon die Rede, dass der Heilige Geist die Herzen der Menschen besuchen soll. Gerade an diesem Pfingstwochenende ist Berlin so voller Besucherinnen und Besucher wie lange nicht mehr: DFB-Pokalfinale, Karneval der Kulturen, das lange Pfingstwochenende. Und bestimmt sind auch hier einige Menschen, die gerade Besuch bekommen haben oder die selbst auf Besuch sind.
Und jede und jeder weiß, wie das dann so ist mit Besuch. Schön, aber macht auch Arbeit, in der eigenen Wohnung, in der ganzen Stadt. Ist anwesend, will beköstigt und unterhalten werden, unterbricht – um nicht zu sagen stört – die alltäglichen Routinen. Die ganz bequeme Hose bleibt aus, wenn der Besuch da ist, auch, wenn der Besuch sich wie zuhause fühlt. Und mit leiser Erleichterung schließt man am Montag die Wohnungstür hinter den Abreisenden und freut sich fast schon auf den Alltag, in der eigenen Wohnung und in der ganzen Stadt.

Genau das gleiche, was wir an diesem Pfingsten empfinden, haben auch die Freunde von Jesus am ersten Pfingsten empfunden. Sie waren darauf eingestellt, dass jetzt, nachdem Jesus von den Toten auferstanden und noch einmal bei ihnen gewesen war, nachdem er vor ihren Augen in den Himmel verschwunden war, dass nach all dem, was nur halb verstanden hatten und immer noch nicht richtig glauben konnten, so etwas wie Ruhe bei ihnen einkehren würde. Eine Art von Alltag, darauf waren sie eingestellt. Und deswegen hatten sie sogar einen weiteren Menschen in den Kreis der Freunde Jesu aufgenommen, wenn man so will und weil gestern Pokalfinale war, einen Ersatzspieler für Judas, der nicht mehr bei ihnen war. Die Mannschaft also wieder vollständig und dann endlich, hoffentlich, wieder so etwas wie Normalität.


Ja, sie erinnerten sich noch daran, was Jesus kurz vor seinem Abschied zu ihnen gesagt hatte. Dass er sie besuchen kommen würde und Wohnung bei ihnen nehmen, als Tröster und als Heiliger Geist. Aber dann war es so weit war und der Heilige Geist fegte wie ein Wind durch die Räume, in denen sie sich, sagen wir nicht „versteckt“, sagen wir „niedergelassen“ hatten. Er machte ihnen, sagen wir es ruhig, Feuer unter dem Hintern. Und da war ihnen, als gäbe es in diesem Moment, wenn sie ganz ehrlich wären, nichts Dringenderes als der Wunsch nach der ganz bequemen Hose und einem Zuhause ohne Besuch.

Paul Gerhardt weiß das alles auch. Für ihn war, anders als für uns, wahrscheinlich kein Wunsch größer, als endlich einmal Ruhe zu haben. Und von dem ungebetenen Besuch verschont zu bleiben, den zu seinen Lebezeiten der Dreißigjährigen Krieg mit sich brachte. Das eigene Elternhaus im Krieg zerstört, er selbst schon als Jugendlicher ganz auf sich allein gestellt, halb Europa verwüstet von Söldnerheeren, die sich jederzeit und überall mit roher Gewalt einquartieren konnten, von Schlimmeren zu schweigen. Es ist etwas vom Schlimmsten an den Kriegen, wie sie das Zuhause von Menschen zerstören und ihren Alltag.
Ich denke oft daran, wenn ich so wie gestern in unserer Stadt unterwegs bin, an einem Abend schon beinahe im Sommer, wo so viele Menschen fröhlich draußen sind und feiern und eine gute Zeit haben, in Freiheit und in Sicherheit und in Vielfalt. Das ist der Frieden, in dem wir zuhause sind. Das ist unser Alltag. Und er wird kostbar, wenn ich daran denke, wie wenig selbstverständlich ein Alltag im Frieden für so viele Menschen auf der Welt war, zu der Zeit, als Paul Gerhardt gelebt hat. Und wie wenig selbstverständlich er auch heute noch ist. Ich glaube, das war der Grund, warum Paul Gerhardt das mit dem Einzug und dem Zuhause so betont hat in seinem Lied zu Pfingsten und über den Heiligen Geist. Der Heilige Geist als Besuch – das ist so eine Sache. Das haben die Freunde von Jesus erlebt, als sie sich gerade einrichten wollten in ihrem neuen Alltag.


Paul Gerhardt macht es anders. Er bedenkt und bedichtet neu, was an Pfingsten passiert: Zieh ein zu deinen Toren / sei meines Herzens Gast. Denn mit Besuch ist es so eine Sache. Aber sie wird eine andere, wenn ich aus dem Besuch meinen Gast mache. Ich gewinne ein eigenes, ein gutes Verhältnis zu dem anderen. Und er oder sie kommt mir näher dabei.
Es ist ein bisschen umstritten, ob es in der ersten Zeile dieses Liedes vielleicht heißen müsste: Zieh ein zu meinen Toren / sei meines Herzens Gast. So, als ginge es um mich und ich könnte deswegen entscheiden, wer bei mir zu Besuch kommt, selbst wenn es der Heilige Geist persönlich ist, der vor der Tür steht. Mit nur einem Buchstaben schafft Paul Gerhardt es, dass ich verstehe, worum es geht: Nicht um mich. Denn ich bin nicht aus mir selbst heraus die geworden, die ich bin. Gott hat mich geschaffen, so wie ich bin, auch mit meinen manchmal so schwergängigen Herzenstoren. Ich gehöre nicht mir selbst, ich gehöre zu Gott. Die Taufe von Kindern zeigt das am besten.


Wir haben heute die Gelegenheit gehabt, beides in diesem Gottesdienst zu sehen: Die Taufe als Zeichen für Gottes bedingungsloser Liebe, noch jenseits von allen eigenen Entscheidungen. Die Konfirmation als Bestätigung des eigenen Glaubens, wo eine sagt: Ja, zieh ein, meine Herzenstore sind offen. Sei bei mir gerne zuhause, Gott. Sei Gast in meinem Leben und nicht bloß Besuch. Mit dir kann ich sprechen im Gebet. Du machst meine Freude am Leben größer. Du tröstest mich. Du hilfst dabei, dass ich Zorn und Zank, Hass, Neid und Streit hinter mir lassen kann. Und wenn das alles bei mir passiert, dann wird es auch in der Welt passieren. Weil man sich anders benimmt, wenn man Besuch hat. Und noch mehr, wenn der Besuch zum Gast geworden ist.

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