Trost und Trotz

Heute fällt der Mittwochsgottesdienst aus. Und diesmal kann sich die Gemeinde in Lübben im Spreewald wirklich nicht mehr beschweren, dass ihr Pfarrer faul sei. Denn dieser Mittwoch, der 27. Mai 1676, ist sein Todestag. In den Jahren vorher war das anders gewesen. Da waren sie so unbarmherzig mit ihrem Pfarrer umgegangen, wie Kirchengemeinden es manchmal sein können und hatten sich über ihn beim Landesherrn beschwert. Wegen ausgefallener Mittwochsgottesdiensten und anderer Kleinigkeiten. Aus Berlin war Paul Gerhardt zu ihnen nach Lübben gekommen, damals auch schon über 60 Jahre alt und nicht gerade vom Glück verfolgt. Seine Lebenszeit war vom Dreißigjährigen Krieg geprägt. Seine geliebte Frau hatte er schon verloren, vier seiner fünf Kinder waren gestorben, der einzige verbliebene Sohn lebensbedrohlich erkrankt. Und ein ruhiger Ausklang seines Dienstes als Pfarrer war ihm in Lübben im Spreewald eben auch nicht vergönnt.

Wer ein Leben lang schwere Erfahrungen macht, wer Kämpfe auszufechten hat und Verluste erlebt, der könnte mit gutem Recht bitter werden. Oder nach der Gerechtigkeit fragen. Und wenn er Pfarrer ist oder einfach nur Christin oder Christ, im Besonderen nach der Gerechtigkeit Gottes. Denn das gehört für alle Menschen, die an Gott glauben, zusammen: Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, zugespitzt immer dann, wenn es gute Menschen sind, denen Böses widerfährt. Auch die vielen Bitten unserer Besucherinnen und Besucher, die wir nachher hören werden, bringen den Wunsch danach zum Ausdruck.

Paul Gerhardt hat es geschafft, durch seine Erfahrungen nicht bitter zu werden. Vielleicht, weil er seine Dichtungen hatte, seine Lieder, in denen er alles verarbeiten konnte, was ihm widerverfahren ist. Und das klingt dann zum Beispiel so: „Kann uns doch kein Tod nicht töten / sondern reißt / unsern Geist / aus vielen tausend Nöten; / schleußt das Tor des bittern Leiden / und macht Bahn / da man kann /gehen zu Himmelsfreuden.“ (Strophe 8 aus dem Lied: Warum sollt ich mich denn grämen?, EG 370)

Trost und Trotz, so hat man den Kern der Botschaft von Paul Gerhardt zusammengefasst. Oder das, was viel später in einem berühmten Gebet formuliert wurde und was sich viel einfacher anhört, als es ist. Ein Leben lang muss man das alles lernen, so mühsam manchmal: Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die man ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Am Dreißigjährigen Krieg und am Schicksal seiner Familie konnte Paul Gerhardt nichts ändern. Dieses Schicksal musste er annehmen. Aber seine Differenzen mit unterschiedlichen Landesherren und Kirchenvorständen, die hat er ausgefochten, da hat er nichts einfach hingenommen. Und alles hat er getan und getragen in der Hoffnung darauf, dass sich das Tor des bittern Leidens einmal hinter ihm schließen wird. Und die Himmelsfreuden auf ihn warten.


„Was sind dieses Lebens Güter? /Eine Hand voller Sand, / Kummer der Gemüter.
Dort, dort sind die edlen Gaben, /da mein Hirt Christus wird / mich ohn Ende laben. (EG 370, 10)


Heute, an diesem Mittwoch genau 350 Jahre später denke ich an Paul Gerhardt. Ich spüre etwas von dem Trotz, den er in sich trug. Und von dem Trost, den er suchte. Ich merke, wie beides auch in mir ist, zusammen mit der Hoffnung, dass das, was hier ist und mir im Leben widerfährt, nicht alles ist. Und das ist der größte Trotz und der größte Trost, den ich kenne.

Anmerkung: Danke an Evelyn Finger für ihren schönen Beitrag „Der große Tröster“ in der ZEIT 23/2026, der mich inspiriert hat)

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