An den Regen im Mai kann ich mich erinnern. Gut eigentlich, Regen im Mai, die Natur braucht ihn, um danach noch grüner und frischer zu werden, als sie es ohnehin schon ist im Mai. Aber in diesem Mai vor 40 Jahren war der Regen auf einmal nicht mehr gut. Warum genau, wusste man nicht. Denn auch im Westen Deutschlands, wo ich aufgewachsen bin, kam die offizielle Informationspolitik schnell an ihre Grenzen. War das jetzt gefährlich mit dem Regen? Kein normaler Mensch geht freiwillig lange im Regen spazieren. Aber selbst ich mit meinen vierzehn Jahren damals konnte mir denken, dass dieser Regen dann wohl auch etwas mit dem Löwenzahn machen würde, den ich für meine Kaninchen pflückte. Und ich hatte keine Ahnung, was der Löwenzahn dann mit meinen Kaninchen machen würde. Ich habe noch einmal nachgeschaut: Tatsächlich hatte die Gegend in Deutschland, in der ich aufgewachsen bin, eine relativ hohe Belastung durch die in Tschernobyl freigesetzte Radioaktivität – und tatsächlich wegen des Regens.
Für mich ist die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ein Einschnitt in meiner Erinnerung. Die Welt, in der ich aufgewachsen bin, war idyllisch, ein Bauernhof an der Ostsee, Kaninchen und Löwenzahn. Und auf einmal war da diese Bedrohung, die man weder sehen, noch fühlen, noch schmecken konnte. Die Gesichter der Erwachsenen wurden ernst, wenn sie darüber sprachen. Jetzt rächte sich, dass Chemie und Physik alles andere als meine Lieblingsfächer waren. Denn dann hätte ich vielleicht ein bisschen mehr verstanden davon, was Atomkraft und Kernenergie eigentlich sind oder wie ein RBMK-Reaktor funktioniert und was genau ihn so gefährlich macht. Ich verstand nichts. Im Fernsehen wurden wenige unscharfe Bilder von etwas gezeigt, das einfach wie ein explodiertes Fabrikgebäude aussah und gar keine Ähnlichkeit mit den schönen weißen Kühltürmen „unserer“ Atomkraftwerke hatte. Wir besuchten dann einmal mit der Schule eines. In Brunsbüttel stand es. Und weil die Busfahrt dorthin auch nur gut zwei Stunden dauerte, konnte ich mir leicht ausrechnen, was ein Unfall dort für meine Kaninchen und mich bedeuten würde.
Heute, vierzig Jahre später, wissen die ganze Welt und ich viel mehr über die technischen Ursachen und die Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Die mich hartnäckig durchs Leben begleitende Abneigung gegen Chemie und Physik hat mich erst kürzlich verstehen lassen, dass es tatsächlich erhebliche Unterschiede zwischen einem graphitmoderierten wassergekühlten Siedewasser Druckröhrenreaktoren sowjetischer Bauart und anderen Bauarten von Kernkraftwerken gibt. Aber vielleicht gibt es so etwas wie eine posttraumatische Belastungsstörung ja auch im Blick auf menschengemachte Katastrophen. „Atomkraft nein danke“: Auch wenn diese Aufkleber nirgendwo mehr kleben, sie kleben auf unserer Erinnerung an die Katastrophe vor 40 Jahren.
Denn was wir im Blick auf Tschernobyl erlebt haben, ist nur eine minimale Dosis im Vergleich mit dem, was der Unfall in der der Nähe der Stadt Prypjat in der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik für die Menschen dort bedeutet hat und bis heute bedeutet. Noch 20000 Jahre lang wird der Bereich des Sperrkreises um das havarierte Atomkraftwerk, der so groß wie Luxembourg ist, für menschliche Besiedlung ungeeignet sein. Ein Loch in der Welt, ein Ort, den niemand betreten kann, ohne mit Folgen für seine Gesundheit rechnen zu müssen. Es ist kein Wunder, dass, wie immer in katastrophalen Situationen der Menschheitsgeschichte, im Zusammenhang mit Tschernobyl wieder einmal aus dem biblischen Buch der Offenbarung zitiert wurde. Freundinnen und Freunde der Vorstellung, der Untergang der Welt stehe unmittelbar bevor, finden in diesem Buch ja immer viel Bildmaterial.
Im Fall von Tschernobyl ist das nicht einmal ganz weit hergeholt, denn der ukrainische Name Tschornobyl, der eigentlich „Beifuß“ bedeutet, wird oft irrtümlich mit „Wermut“ übersetzt. Beide Pflanzen haben nämlich im Lateinischen ähnliche Namen. Aber um Details geht es nicht, wenn es um die Apokalypse geht. „Der Name des Sterns heißt Wermut“ steht im Buch der Offenbarung. Und Tschernobyl heißt zwar nicht ganz genau Wermut, aber darum geht es nicht. Und es stimmt, dass alles verbrannt und verstrahlt wurde, die Erde, die Bäume, das grüne Gras, der Löwenzahn, die Kaninchen, das Wasser. Weh, weh, weh, denen, die auf Erden wohnen, 30 Kilometer um Tschernobyl herum und in einer Wolke, die um die ganze Welt gezogen ist.
Wenn wir bei dem Buch der Offenbarung sind, bei seinen kraftvollen und beängstigenden Bildern vom Untergang von allem und vom Ende der Welt, dann ist es gut, sich nicht ganz und gar der Angst und dem Schrecken hinzugeben. Denn das Buch der Offenbarung ist nicht wie ein Stern vom Himmel gefallen. Es wurde von Menschen geschrieben. Die lebten damals unter einer Regierung, die sie unterdrückte und bevormundete, in einer Gesellschaft, in der es nicht möglich war, als Christin oder Christ seine Überzeugung frei zu äußern, ohne deswegen Gefahr zu laufen, gefangen genommen und mundtot gemacht zu werden. Diese Welt sollte ein Ende haben. Das wünschten sich die Menschen. Und weil sie ohnmächtig waren und nichts machen konnten, dachten sie sich eben aus, wie das wohl anfühlen müsste. Das hatte mit ihrer Wirklichkeit nichts zu tun. Aber es gab ihnen Kraft, mit der Katastrophe ihrer Gesellschaft zu leben.
Und heute, 40 Jahre später wissen wir noch mehr: Dass die Katastrophe von Tschernobyl eine Offenbarung gewesen ist über das Handeln des sowjetischen Staates. Ingenieurinnen und Technikerinnen hatten vor den Gefahren der RMBK-Reaktoren mehr als einmal gewarnt. Es hatte Zwischenfälle in vergleichbaren Reaktoren gegeben, über die niemand sprechen durfte. In Prypjat wussten der Parteisekretär und der KGB sofort nach dem Unfall Bescheid, dass es sich nicht um einen kleinen Zwischenfall handelte. Trotzdem wurde die Stadt viel zu spät evakuiert. Hunderttausende von Menschen wurden nicht geschützt, sondern wissentlich und willentlich noch größeren Gefahren ausgesetzt, als der, in der sie ohnehin schon waren. Und das war ein Teilchen, das am Ende zum Ende der Sowjetunion erheblich beigetragen hat. Die Katastrophe von Tschernobyl steht nicht im Buch der Offenbarung in der Bibel. Aber die Katastrophe von Tschernobyl war eine Offenbarung.
An den Regen im Mai kann ich mich erinnern, an meine Kaninchen und an den Löwenzahn, an den Auftrag, den wir Menschen von Gott bekommen haben: Dass wir uns um die Erde kümmern müssen wie ich damals um meine Kaninchen, um die Bäume und das grüne Gras, die Tiere, das Wasser. Und um unser Miteinander als Menschen. Unsere Erde ist als ein Garten gedacht und nicht als eine Reihe von aneinander angrenzenden Sperrzonen. Wir müssen uns kümmern, um die gute Regierung, die wir nötig haben und die von uns, den Völkern abhängt, von unserer Bereitschaft, nachzudenken und zu verstehen und von unserem Wunsch nach Freiheit, Recht und Würde für alle Menschen.
(Foto: Artemisia absinthum, Bitterer Wermut)

