Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.
Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.
Gott, der sich uns hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.
So kömmt Gott, eh wir uns versehn, und lässet uns viel Guts geschehn.
Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel.
Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhn, bald stürzen kann.
Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
Als das Buch endlich erscheint, lässt er jeweils die letzten Zeilen der Strophen seines Liedes in einer größeren Schrifttype setzen. Er will noch einmal deutlich machen, worum es ihm geht. Eine Zusammenfassung auf den ersten Blick, für alle, die keine Zeit oder Muße haben, alle sieben Strophen zu lesen, zu beten oder gar zu singen. Merkt euch das. Es ist, wie ich sage. Ich lasse jetzt die rhetorischen Fragen weg, die Beispiele auch, alle Argumente. Nehmt nur noch diese Merksätze. Denn hätte ich nur ein einziges Lied geschrieben, wäre es dieses. Müsste ich es auf einem Zettel unterbringen, der in die Tasche passt, wären es die sieben Zeilen. Und hätte ich nur eine Zeile, wäre es diese: Tun, was möglich ist, der Rest findet sich.
Es braucht 16 Jahre, bis 1657 Georg Neumarks Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ im Druck erscheint. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst die Karriere gemacht, auf die er lange warten musste. Er ist jetzt bei Hofe in Weimar Bibliothekar und leitet die „Fruchtbringende Gesellschaft“, eine angesehene Vereinigung für Literatur und Kunst. „Fortgepflanzter musikalisch-poetischer Lustwald“ heißt das Buch, ein Titel im allerschönsten Stil der Zeit. Es erinnert mit diesem Titel aber auch daran, wie lange es mit dem Frucht bringen mitunter dauert, wie mühsam das Pflanzen und Pflegen eines Waldes, auch eines Lustwaldes ist. Eine, seine Arbeit von Jahren steckt in dem Buch. Und ein Lied, sein Lied, das ganz offensichtlich für ihn nichts von seiner Bedeutung verloren hat.
1641 hat er es geschrieben, in Kiel, wohin es ihn nach mehreren vergeblichen Versuchen, beruflich Fuß zu fassen, verschlagen hatte. Als er ausgezogen ist, weg von seiner Heimat in Thüringen, um in Königsberg Jura zu studieren, wird er erst einmal auf dem Weg dorthin überfallen und so gründlich ausgeraubt, dass er den Weg nicht fortsetzen kann. Das ganze Land ist vom Dreißigjährigen Krieg verheert. Er muss froh sein, dass er mit dem Leben davongekommen ist. Und versucht nun, einen Beruf und ein Auskommen zu finden, egal wo, egal, als was.
All die Wege, die Reisen, die rumpelnden Fuhrwerke und dürftigen Unterkünfte, die Angst vor weiteren Überfällen, das Angewiesensein, die Empfehlungen, das Vorsprechen, die Absagen, die Enttäuschung. Und nun Kiel, irgendwo weit im Norden, wo nur noch das Meer kommt und das Wasser, in das man zur Not noch gehen könnte. Und da ist es auf einmal, das Glück. Eine Anstellung als Hauslehrer. Schon morgen soll er anfangen. Aber vorher setzt er noch sein Lied auf. Noch nach 16 Jahren erinnert er sich daran, als wäre es gerade gestern gewesen. Er schreibt:
„Welches schnelle / und gleichsam vom Himmel gefallene Glükk / mich herzlich erfreuete und noch des ersten Tages / meinem lieben Gott zu ehren / das hin und wieder wohlbekannte Lied / Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit / den wird er wunderbar erhalten in aller Noht und Traurigkeit etc. aufzusetzen / und hatte gnug Ursache / der Göttlichen Barmhertzigkeit vor solche erwiesene unversehene Gnade / so wol damals als auch itzo / und biß an mein Ende / hertzinniklich Dank zu sagen“
Georg Neumark erinnert sich gut. All die Wege, die Reisen, die rumpelnden Fuhrwerke und dürftigen Unterkünfte. Auch die Angst vor weiteren Überfällen, das Angewiesensein, die Empfehlungen, das Vorsprechen, die Absagen, die Enttäuschung. Nicht nur in Kiel. Es ist ein Lied für die Lebensreise, so wol damals als auch itzo / und biß an ein Ende.
Und sein Lied geht weiter. Die Worte und die Melodie fahren weiter durch die Zeit. Nach fast 400 Jahren kommen sie lebendig und wohlbehalten bei uns an. Und steigen aus ihrem Fuhrwerk, als wollten sie zu uns sagen: Wir kennen uns doch? Und wir sagen: Ja, wir kennen euch. Wir kennen das alles. Die Wege, die Versprechen, die Enttäuschung. Und das vom Himmel gefallene Glück.
Nur eines ist schwer für uns. Dieses Wort „Gott“ in fast jeder Zeile. Das würden wir gerne streichen. Wir sind uns heute, als aufgeklärte Menschen, nämlich nicht sicher, ob das nicht zu einfach ist, zu bequem: Wer nur den lieben Gott lässt walten. Gott walten lassen, es sich auf seinem Schoß gemütlich machen, wenn er einen hat, und ihn einfach alles bestimmen lassen? Wer nur den lieben Gott lässt walten, hat ja selbst gar nichts mehr zu tun. Denken wir.
Und verdrängen dabei, wie anstrengend es ist, jemand anderen walten zu lassen, die Zügel nicht in der Hand zu haben, durch das Leben zu fahren wie auf einem rumpelnden Fuhrwerk, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Es gibt keinen Schutz vor den Überfällen des Lebens, davor, dass es seine Versprechen nicht hält, vor seinen Zumutungen, auch nicht vor seiner Dürftigkeit. Und es gibt das vom Himmel gefallene Glück. Aber wohin genau wir dafür reisen müssen? Nach Kiel womöglich, was der Himmel verhüten möge. Wer ehrlich mit sich selbst und mit dem Leben ist, muss sagen: Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise geht. So wol damals als auch itzo und biß an mein Ende.
Ob wir das Wort „Gott“ lieber streichen würden aus den fettgedruckten Zeilen oder ob wir es stehenlassen: Es kommt auf dasselbe raus. Wenn wir das Leben zusammenfassen, es reduzieren auf die eine, einzige Zeile, dann wäre es diese: Tun, was möglich ist, der Rest findet sich. Ohne Gott oder mit Gott. Was übrigens wesentlich schwieriger ist.
Denn ich würde gerne den einen, alten, ewigen Irrtum aus der Welt schaffen: Dass die, die mit Gott unterwegs sind, sich zurücklehnen und gemütlich durchs Leben kutschieren lassen wollen. Dass sie sich gerne alles aus der Hand nehmen lassen und es dadurch schön einfach haben. Was für ein grandioser Irrtum ist das nur. Denn wer an Gott glaubt und sein Walten, wird genau wie alle anderen vom Leben durchgerüttelt, erlebt die gleichen Überfälle und das von Himmel gefallene Glück, die Nächte, in denen die Netze leer bleiben und den Morgen mit dem reichen Fang.
Aber muss sich zusätzlich noch die ganze Zeit mit der Frage quälen, was der da vorne auf dem Kutschbock eigentlich vorhat. Wer glauben kann, dass da einer ist, der lenkt und waltet, für den ist diese Reise mit ihren Umwegen und Irrwegen noch viel schwerer. Walten lassen, das hört sich nur grammatikalisch passiv an. In Wirklichkeit ist es viel Arbeit, zu einer solchen Lebenshaltung zu kommen.
Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise geht, so wol damals als auch itzo und biß an mein Ende. Und statt sagen zu können, so ist es nun mal, frage ich die ganze Zeit: Was machst du da, Gott? Eine Antwort bekomme ich nicht. Und dann tue ich, was möglich ist, der Rest ergibt sich.
Und manchmal, auf dem rumpelnden Fuhrwerk, am Ufer einer leeren Nacht, wenn an Lesen nicht zu denken ist und schon gar nicht an Beten oder Singen, dann hole ich mir den Zettel aus der Tasche, mit den fettgedruckten Zeilen von Georg Neumark und lese die eine, die letzte:
Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
Tu, was möglich ist, der Rest findet sich.
Und dann habe ich eine Ahnung, wohin die Reise geht.
Amen

