Über Grenzen gehen

Die Grenze erreichen wir etwa eine Stunde hinter Berlin. Während unser Zug die eine Brücke über die Oder passiert, ist auf der anderen Brücke viel Verkehr zu sehen. Autos und LKWs sind auf dem Weg von Polen nach Deutschland und umgekehrt. Der Fluss muss eine Grenze sein – aber hält er sich auch daran? Als wir die Stadt erreichen, in die wir wollen, heute Wroclaw, früher Breslau, verflüssigt sich das mit den Grenzen noch mehr. Eine Stadt mit einer wechselvollen Geschichte, als polnische Stadt gegründet, dann zu Böhmen und Ungarn und damit Habsburger Monarchie gehörend, später preußisch und deutsch geworden und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder polnisch, besiedelt von Menschen, die im Osten Polens wegen neuer Grenzziehungen ihre Heimat verloren haben. Genau wie die Deutschen, die 1948 Breslau und Schlesien verlassen mussten. Am Beispiel dieser Stadt kann man lernen: Das mit den Grenzen ist immer im Fluss gewesen. Und Menschen werden von politischen Entscheidungen einfach hin- und hergespült.

Ich bin in der vergangenen Woche mit meinen Kolleginnen und Kollegen auf einer Reise mit unserem Pfarrkonvent unterwegs gewesen. Wir gingen weg von Berlin und entwichen in die Gegend von Breslau. Und unsere Motive waren gar nicht so viel anders als die von Jesus. Der ging weg aus Genezareth, wo er furchtbar viel zu tun hatte mit Krankenheilungen und sich außerdem mit Menschen herumstreiten musste, die grundsätzlich immer anderer Meinung waren als er. Und es ist kein Geheimnis, dass zur hauptamtlichen Nachfolge Jesus dies beides bis heute dazu gehört: Viel zu tun und viele Konflikte. Dass man dem manchmal entweichen möchte, wenigstens einige Tage lang, ist sehr nachvollziehbar.

Aber anders als Jesus in der Gegend von Tyrus und Sidon wurden wir in Breslau tatsächlich vollkommen in Ruhe gelassen. Stattdessen hatten wir Zeit, um über die Sache mit den Grenzen nachzudenken. Wir konnten sie erleben in einer Stadt, die sich nicht groß von einer deutschen Stadt unterscheidet, in einer Gegend, so überspült von geschichtlichen Ereignissen, vom Hin und Her der Regierungen und der Regierten, dass man irgendwann auf den Gedanken kommen muss: Das mit den Grenzen ist auch nur so eine Theorie.

Aber es gibt sie nun einmal, die Grenzen. Es muss sie offenbar geben aus irgendeinem Grund. Und es gab sie auch zur Zeit Jesu. Wir sollten uns diese Zeit nicht friedlicher denken, als sie war, nur weil meinen, sie durch Jesus zu kennen, den wir immer für so friedlich halten. Die Heimat Jesu war damals und ist bis heute davon geprägt, dass dort Grenzen gezogen und Grenzen verletzt oder verschoben wurden und immer noch werden. Davon, dass fremde Mächte kamen und gingen, während die Menschen blieben, wo sie waren oder dorthin gebracht wurden, wo sie gar nicht hinwollten. Die ganze Geschichte Israels im Alten Testament erzählt davon. Und auch Jesus wurde geboren zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war, in Bethlehem, am Rande einer Provinz des riesigen römischen Reiches, dort, wo das Thema Grenzen immer aktuell war.

Die Geschichte von Jesus und der Frau kann man auf viele verschiedene Arten lesen: Als emotionale Geschichte darüber, was Glaube, Hoffnung und Liebe zustande bringen, besonders die Liebe von Müttern zu ihren Kindern. Oder als Geschichte über grenzverletzendes Verhalten, von Jesus genau wie von der Frau. Denn man darf die Kommunikation nicht so verweigern und kein Wort antworten, wie Jesus das tut. Man darf auch keinen Leuten hinterherschreien und ihr Bedürfnis nach Abgrenzung ignorieren, wie die Frau es mit Jesus macht. Schweigen wie Schreien verletzt beides die Grenzen des anderen. Und mit der Sensibilität von heute würden wir diesen beiden, Jesus wie der Frau, etwas erzählen von grenzverletzendem Verhalten, von ghosting und von gewaltfreier Kommunikation, von dem Bedürfnis nach Ruhe und nach safe spaces, die jeder Mensch für sich beanspruchen darf. Ich habe Predigten zu dieser Geschichte gelesen, die in die eine oder in die andere Richtung gingen und sie haben mich angesprochen und berührt.

Aber wahrscheinlich ist dies auch eine Geschichte, an der im Kleinen zu sehen ist, was auch im Großen gilt: Wie man mit politischen Grenzen umgeht, wie man zueinanderkommt. Denn Matthäus nennt diese Frau nicht ohne Grund eine „kanaanäische Frau“. Es ist ein Wort, das man zu Zeit Jesu eigentlich gar nicht mehr gebraucht hat, ein Wort aus der Geschichte Israels, aus der Zeit als „Kanaan“ der Inbegriff für das Feindesland war. Glaubt man der Darstellung der Geschichte in der Bibel, dann musste das Volk Israel dieses Land erst erobern und besiegen, bevor es sich dort niederlassen konnte.

„Kanaanäisch“ ist ein Sammelbegriff für „die anderen“, die von der anderen Seite der Grenze, für die Fremden, ist eine Zuschreibung. Das Etikett „kanaanäisch“ klebt Matthäus dieser Frau auf und spricht von „der Kanaanäerin“, wie wir manchmal von „den Polen“ oder die Polen von „den Deutschen“ reden. Und wenn man irgendetwas aus der Geschichte lernen kann, dann dies zuerst: Zuschreibungen sind verboten, alle Bezeichnungen und Etiketten, die aus Menschen mit ihren individuellen Schicksalen namenlose Angehörige einer Gruppe machen. „Die Deutschen“, „die Polen“, „die Westdeutschen“, die „Ostdeutschen“, „die Ausländer“ – von solchen Zuschreibungen aus ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zur Abwertung und Ausgrenzung.

Und von da aus sind es nur noch ein paar Stunden weiter mit dem Zug nach Osten, auf den gleichen Gleisen, die wir heute noch benutzen, bis an die Rampe des Bahnhofs in Birkenau bei der kleinen Stadt Auschwitz im damals von Deutschen besetzten Polen. Wo „die Juden“ aus den Viehwaggons ausgeladen wurden, mit einem Stern wie einem Etikett auf dem Mantel und mit allen anderen Menschen, die man in irgendwelche Gruppen zusammenfassen wollte.

Die Grenze erreichen wir schneller, als wir denken. Denn schon diese Woche beschloss man in der sächsischen Stadt Heidenau, dass die Stolpersteine, die all diese etikettierten Menschen wieder zu Individuen machen, zukünftig aus dem Stadtbild bitte verschwinden sollen. Die Grenze erreichen wir schnell. Und weh uns, wenn wir sie wieder überschreiten.

Jesus selbst muss lernen, dass das mit den Grenzen auch nur eine Theorie ist, wenn es um das Heil für Menschen geht, für ein krankes Mädchen, das er persönlich gar nicht kennt. Das ist die Idee Gottes für diese Welt, übrigens schon lange vor Jesus, bei Propheten wie Jesaja: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde (Jes 49, 6).

Mit Hilfe dieser Frau lernt Jesus, dass es nicht möglich ist, Menschen in Gruppen einzuteilen, für die man sich nicht weiter interessieren müsste. Die Frau zwingt Jesus, seine Grenzen zu überschreiten. Und sie tut es dafür auch selbst. Denn natürlich war es Frauen zur Zeit Jesu nicht erlaubt, von sich aus einen Mann anzusprechen, schon gar keinen prominenten Wunderheiler wie Jesus, mit einem Kreis von Jüngern um ihm herum. Und erst recht war es Frauen nicht erlaubt, einem Mann zu widersprechen. Das würde ja die gesamte Ordnung in einer patriarchalen Gesellschaft auf den Kopf stellen. Und so etwas muss damals wie heute unbedingt verhindert werden. Jesus und die Frau überschreiten Grenzen, politische und gesellschaftliche. Und erst dadurch entsteht ein Raum, in dem sie sich als Menschen begegnen. Ein heilender Raum, mit einer Ausstrahlung bis hin zu denen, die gar nicht dabei sind.

Wir erinnern uns heute an die Arbeit der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Als man in Deutschland von „den Engländern“ sprach und die Stadt Coventry im November 1940 in Grund und Boden bombardierte, überschritt Dean Richard Howard alle politischen und gesellschaftlichen Grenzen. Er rief wenige Woche nach dem Bombenangriff, in einem Gottesdienst aus den Trümmern seiner verbrannten Kirche, zur Versöhnung auf statt zur Vergeltung. Er hatte schon verstanden, dass es weder „die Engländer“ noch „die Deutschen“ gibt, sondern auf beiden Seiten bloß Menschen. Wer ihre Heimat angreift, ihre Häuser zerbombt, ihre Kirchen verbrennt, so wie heute wieder in der Ukraine, zerstört ihre Leben, die Leben derer, die bleiben und die Leben derer, die geflohen sind über Generationen.

Richard Howard hat sich damals, 1940, mit seinem Aufruf in seinem Land und in seiner Kirche ungefähr so beliebt gemacht wie die Frau bei den Jüngern von Jesus. Aber er war ein Knecht Gottes, einer, der alle Anfeindungen um Gottes willen ausgehalten hat. Vielleicht dachte er, dass er vergeblich gearbeitet hätte und seine Kraft umsonst und unnütz verzehrt hätte, so wie der Mensch, vom der der Prophet Jesaja spricht. Aber als der Krieg zwischen England und Deutschland endlich zu Ende war, da war durch seine Grenzüberschreitung schon ein Raum da, jenseits aller Grenzen, in dem Versöhnung möglich wurde. Die Grenze zu den anderen erreichen, sie wahrnehmen und überschreiten, in dem Wissen, dass alles im Fluss ist und auf der anderen Seite auch nur Menschen: Das ist das Geheimnis der Versöhnung.

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