Unbereubar

Im Gedenken an Margers Vestermanis (18. September 1925 – 30. Juli 2026), lettischer Historiker und Überlebender des Holocaust in Lettland

Auf den Notizen zu dieser Predigt kleben tote Mücken und ein bisschen Blut. Das Blatt mit den Worten aus dem Römerbrief habe ich in den Urlaub mitgenommen, denn ich wusste, dass ich gleich danach darüber predigen muss. Aber bevor ich mir Notizen machen konnte, hat das Blatt eine andere Verwendung gefunden. Im Campingurlaub lernt man, mit dem zurechtzukommen, was gerade zur Hand ist. Und für die Mückenjagd war das Blatt, wenn man es zusammenfaltet, besser geeignet als irgendein Buch. Darauf möchte ich nicht dauerhaft hässliche Flecken haben. Ich habe nur darum gebeten, das Blatt wieder zurückzubekommen, damit ich weiter über die Worte aus dem Römerbrief nachdenken kann. Ich habe es dann wieder auseinandergefaltet. Die toten Mücken waren auf der Rückseite, zum Glück. Und dann habe ich gedacht, dass ich diese Worte aus dem Römerbrief verwenden möchte, um etwas anderes aus der Welt zu schaffen. So wie die lästigen Mücken im Wohnwagen, die von überall eindringen. Egal welche Maßnahmen man gegen sie ergreift.

Heute ist der Sonntag im kirchlichen Kalender, an dem wir über unser Verhältnis als Christenmenschen zu jüdischen Menschen nachdenken, über die Geschichte, die wir miteinander haben. Mein Campingurlaub hat mich durch Polen und Litauen und Lettland geführt, durch wunderschöne Landschaften, die eine schreckliche Geschichte haben. Im Sommer vor 85 Jahren hat die deutsche Wehrmacht diese Landstriche erobert und sofort damit begonnen, überall, wo sie hinkam, die jüdische Bevölkerung zu töten. Es gab Massenerschießungen am Rande der Dörfer und Städte. Nicht weit entfernt von unserem Campingplatz an der lettischen Ostseeküste bei Liepaja wurden hauptsächlich Frauen und Kinder im Dezember 1941 am Strand erschossen. Ende Januar 1942 trug der SS-Führer und Pfarrerssohn Walter Stahlecker die genauen Zahlen der ermordeten Juden im Baltikum in eine Karte ein. Er sandte sie an Reinhard Heydrich nach Berlin. Einige Tage zuvor hatte dieser die Wannsee-Konferenz mit dem Ziel einberufen, die „Endlösung der Judenfrage“ endlich voranzubringen.

Natürlich habe ich in meinem Urlaub nicht die ganze Zeit nur an so etwas gedacht. Aber wegen all dem, was ich darüber weiß, war der Gedanke daran immer wieder in meinem Kopf, so leise und aufdringlich wie das hohe Sirren einer Mücke. Und ich weiß: Das Menschheitsverbrechen des Holocaust ist mit begründet worden durch die christliche Vorstellung, dass Gott seine Liebe vom jüdischen Volk abgewendet und sich stattdessen den Christinnen und Christen zugewendet habe. Antijudaismus ist das Fachwort dafür. Es ist von diesem Gedanken nicht mehr weit zum Antisemitismus und einer davon geprägten Weltanschauung. Und wohin sie führt, das habe ich gesehen, an den Schildern überall am Straßenrand mit den Worten Holokausta memorials darauf, die zu Gräbern und Gedenkorten führten. Und mich zurück in die Zeit vor 85 Jahren, als man in Deutschland längst schon dachte, man dürfe Jüdinnen und Juden entrechten und vertreiben und am Ende ermorden. Und ich nehme wahr, wie dieser entsetzliche Gedanke heute wieder seine Schlupflöcher findet und es schafft, überall einzudringen.

Es gibt wenig, was einen so aufmerksam macht, wie das Sirren einer einzelnen Mücke im Wohnwagen. Das habe ich beim Campingurlaub gelernt. Und aus meinem Alltag lerne ich, dass es mindestens genauso viel Aufmerksamkeit braucht, um den Antisemitismus in seinen vielen Unterarten zu erkennen. Eine davon ist gerade wieder sehr verbreitet. Sie findet sich dort, wo jüdische Menschen in Deutschland für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. Man darf diese Politik kritisieren, besonders seit dem Überfall der Hamas im Oktober 2023 und den nachfolgenden Krieg im Gazastreifen. Das bestreite ich nicht. Aber die politische Situation in Israel und seinen Nachbarländern darf nicht dazu führen, dass jüdische Menschen in Deutschland sich wieder fürchten müssen, ausgegrenzt und angegriffen zu werden. Das ist Antisemitismus in seiner Verkleidung als Israelkritik.[1]

Ich falte mein Blatt auseinander. Ich nehme die Worte von Paulus, um damit antijudaistische Vorstellungen und Gedanken zu bekämpfen, so nachdrücklich, wie wir die Mücken in unserem Wohnwagen verfolgt haben. Denn wenn man erst gestochen wurde, ist es zu spät. Paulus schreibt:

Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

(Röm 11, 25f.29.32f.)

Durch diese Worte hindurch sehe ich Paulus, ein bisschen undeutlich vielleicht, wie durch das Insektenrollo am Fenster des Wohnwagens. Zeit und Raum trennen mich von ihm. Aber wenn ich seine Worte lese und an ihn denke, dann komme ich zurück ganz an den Anfang des Verhältnisses zwischen jüdischen und christlichen Menschen. Paulus selbst war Jude. Er war nicht offen für die Botschaft des Wanderpredigers Jesus aus Nazareth, den man auch den Christus nannte – um nur das Wenigste zu sagen. Paulus sah es lange Zeit als seine Aufgabe an, die ersten Christinnen und Christen zu bekämpfen, sie aufzuspüren und zu verfolgen. Vom Verfolger der Christen wurde er dann zum Nachfolger Christi.

Lebenswende, Bekehrung, Umkehr – nennen wir es wie wir wollen. Eines ist sicher: Einer, der so etwas in seinem Leben erfahren hat, wird grundsätzlich unsicher. Er beginnt zu zweifeln, an seinen eigenen Überzeugungen und allgemein an allen absolut gesetzten Wahrheiten, die Menschen einfach aufteilen wollen in die einen und die anderen.

Paulus hatte sich selbst für sehr klug gehalten. Er ist dann eines Besseren belehrt worden und war selbst wahrscheinlich am meisten überrascht von dieser Wendung in seinem Leben. Dass er selbst vom Juden zum Christen geworden ist, heißt aber noch lange nicht, dass dies für alle jüdischen Menschen so sein muss. Viele Jahre hat sich Paulus mit dieser Erfahrung beschäftigt und diese Frage in seinem Kopf und Herzen hin- und hergewendet. In diesem letzten Brief, den wir von ihm haben, den er an die Gemeinde in Rom schreibt, kommt er mit seinem Nachdenken an ein Ende. Und seine Antwort heißt ganz einfach: Ich weiß es doch auch nicht. Was Gott mit seinen Menschen vorhat, mit den jüdischen und den christlichen, das bleibt Gottes Geheimnis.

Ich möchte diese Worte nehmen und auf ein Blatt schreiben und es zusammenfalten und damit den Antijudaismus bekämpfen, der die christliche Kirche seit ihren Anfängen begleitet. Und den Antisemitismus, der sich daran genährt hat und immer wieder versucht, in unsere Welt und Zeit einzudringen. „Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen“, schreibt Paulus. Denn die Liebe Gottes zu Israel ist eine unbereubare Liebe.

Manchmal ist an unserer menschlichen Liebe etwas davon zu sehen, von dieser Unbereubarkeit. Denn auch bei der Liebe Gottes zu seinem Volk Israel gibt es alles, was wir bei unserem Lieben erfahren. Sie waren enttäuscht voneinander, Gott und sein Volk. Sie haben sich manchmal nicht mehr verstanden. Sie mussten ihre Beziehung mit den Herausforderungen ihres Alltags zusammenbringen. Es gab Durststrecken. Die Bibel erzählt uns alles darüber. Sie ist die ehrlichste Liebesgeschichte, die ich kenne. Und sie lässt mich verstehen, was ich auch in meinen eigenen Beziehungen erfahre: Die Liebe ist in dem, was du nicht bereust.

Es ist das Geheimnis der Liebe Gottes zu Israel, dass sie unbereubar ist. Es ist nicht an uns Menschen, dass wir wie die lästigen Mücken hinter das Fliegengitter versuchen, hinter dieses Geheimnis zu kommen. Oder gar über Gottes Liebe Urteile abgeben zu wollen. Es steht uns nicht zu. Und schon die Versuche müssen energisch abgewehrt werden, besonders der eine, der christliche, der Israel absprechen will, Gottes erste Liebe zu sein. Ich war im Campingurlaub übrigens mit meinen nun schon großen Kindern, drei Wochen lang. Und außer Mücken und wie man sie bekämpft, ist mir noch etwas anderes begegnet: Das Staunen darüber, dass die Liebe nicht weniger wird, wenn man mehr Kinder oder auch andere Menschen hat, die man lieben kann. Die Liebe wird nur größer und mehr.

Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen. Denn Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen. Gottes Liebe ist unbereubar.


[1] Antisemitismus, verstanden als eine Einstellung, die alles Jüdische negativ bewertet oder zumindest mit einem Vorbehalt versieht. Seien es die Juden als Kollektiv oder auch jüdische Einrichtungen von der Synagoge bis zum Staat Israel. Nach diesem Verständnis ist es deshalb auch antisemitisch, wenn Juden in Deutschland für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden. Auch an diesem Punkt handelt es sich nicht mehr um normale Israelkritik, sondern um eine antisemitische Gleichsetzung völlig verschiedener Gruppen, deren Gemeinsamkeit primär im Jüdischsein besteht.

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