Vom Winde verweht?

Ehe der Glaube kam, wurden Unterschiede zwischen den Menschen gemacht. Da gab es Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen. Nicht erst im 19. Jahrhundert in den Südstaaten der USA, auch nicht im 20. Jahrhundert in Südafrika, sondern auch und gerade in der Zeit, in der Paulus seinen Brief an die Gemeinden in Galatien geschrieben hat. Die Sklaverei war in der griechisch-römischen Antike eine völlig normale, gesellschaftlich akzeptierte und von niemandem hinterfragte Wirklichkeit. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebte zu dieser Zeit als Sklavinnen und Sklaven. Und die Geschichtsschreibung neigte jahrhundertelang dazu, die Stellung der Sklaven in der antiken Gesellschaft zu verharmlosen, indem sie von den verantwortlichen Aufgaben sprach, die Sklavinnen und Sklaven übernehmen konnten oder betonte, dass es ja auch die Möglichkeit der Freilassung gegeben habe. Tatsächlich ist aber schon die Sklaverei, der Paulus begegnete, „eines der repressivsten, entmenschlichendsten, gewalttätigsten und ausbeuterischsten Gefüge der Geschichte“ (1) gewesen. In ein besseres Licht sollte man die Sklaverei aber zu keiner Zeit rücken.

„Ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3, 28b) Paulus‘ Appell zur Gleichbehandlung aller Menschen, jenseits ihrer Herkunft, ihrer sozialen Stellung und ihres Geschlechts war vor diesem Hintergrund ein Angriff auf die gesellschaftliche Ordnung und die sozialen und politischen Verhältnisse. Der Theologe Gerd Theißen spricht von einem „Tabubruch“, ausgelöst durch die Taufe. Denn wer „Christus angezogen hat“, wer also getauft ist, für den gelten die sozialen Grenzen nicht mehr. Mit dem Glauben kam das gleiche Recht, die gleiche Würde, die gleiche Freiheit zu allen. Und es wäre sehr schön, wenn sich das dann auch in den christlichen Gemeinden so durchgesetzt hätte.
Aber das geschah nicht. Diese Worte von Paulus kamen nirgends richtig an. Das neue Selbstbewusstsein der Sklaven wurde gleich wieder unterdrückt und ein System von Herrschaft und Unterordnung sogar noch christlich überhöhnt, in dem man sich auf Jesus Christus beziehen wollte, der sich schließlich auch selbst erniedrigt und untergeordnet habe. Sklaverei bleibt aber Sklaverei. Auch wenn sie auf einmal christliche Sklaverei ist.

Ich gehöre auch zu den Leserinnen von „Vom Winde verweht“, für die die Sklaverei bei der Lektüre dieses Romans im warmen Licht erstrahlte. Weil ich das Buch schon gelesen habe, als ich noch sehr jung war, sehr gerne und sogar mehrmals. Mich hat altersentsprechend natürlich die Liebesgeschichte am meisten interessiert, die traurige Dreiecksgeschichte zwischen Scarlett O’Hara, Ashley Wilkes und Rhett Butler. Aber auch den Einbruch des Krieges in die idyllische Welt der Plantagenbesitzer hat mich fasziniert und die Kraft und der Wille, mit dem sich Scarlett O’Hara nach Krieg und Zerstörung in einer Welt aus lauter Männern durchsetzen konnte. Die trotzdem alle Waschlappen waren, außer Rhett Butler.
Ich will mich nicht dafür entschuldigen, denn díeses Buch stand als Bertelsmann-Buchklub-Ausgabe bei uns zuhause im Regal. Und das war zunächst die einzige Bibliothek, die mir überhaupt zur Verfügung stand. Dass ich die Passagen über die treue Ergebenheit von Mammy und Pork und die über die Nutzlosigkeit und Dummheit Prissys hätte ganz anders und viel kritischer lesen müssen, das weiß ich heute.

„Vom Winde verweht“ ist ein Buch aus einer rassistischen Zeite über eine rassistische Zeit. Es ist ein Buch, dass die Sklaverei nicht nur verharmlost, sondern sogar romantisiert. Und es tut damit nichts anderes als das, was sie schon in den allerersten christlichen Gemeinden in Reaktion auf den Appel von Paulus getan haben, beziehungsweise mit dem Überhören dieses Appells.
Denn schon die Zeitgenossen von Jesus haben daran den größten Anstoß genommen: Dass Jesus, den man später den Christus genannt, sich allen Menschen in gleicher Weise zugewandt hat – den Juden wie den Griechen, den Sklaven wie den Freien, den Männern wie den Frauen. Schon bei denen, die die Geschichte seines Lebens und Sterbens aufgeschrieben haben, wird wieder unterdrückt, was für ein Tabubruch diese Überschreitung aller sozialen Grenzen gewesen ist. Schon die Frauen und alles, was sie in der Jesusbewegung getan haben, kommen nur noch ganz am Rande vor. Auch sie sind in einer Weise vom Winde verweht. Von einem Wind, der alles mögliche ist, aber kein Wind der Veränderung.

„I can‘t breathe“ – „ich kann nicht atmen“. Das waren die letzten Worte von George Floyd. Im Mai 2020 wurde er von einem Polizisten getötet, der ihm etwa neune Minuten lang mit dem Knie die Luft abdrückte, bis George Floyd bewusstlos wurde und später im Krankenhaus starb. Es folgten Proteste gegen rassistisch motovierte Polizeigewalt in den USA, die die Anliegen der schon vorher existierenden „Black Lives Matter“-Bewegung aufgenommen und weltweit bekannt gemacht haben: Schwarze Leben zählen und alle Leben zählen. Wegen dieser Proteste wurde auch die Verfilmung von „Vom Winde verweht“ von den Stremingplattformen genommen und erst mit einer kritischen Einordnung wieder veröffentlicht.

Wenn wir den Appell von Paulus ernstnehmen, dann muss das Zusammenleben von Menschen so organisiert werden, dass allen Menschen die gleichen Rechte und die gleiche Würde zuerkannt werden. Besonders von den Christinnen und Christen in einer Gesellschaft. Doch auch hier zeigt sich, dass die Rolle der christlichen Kirche bis heute sehr zwiespältig ist. Der christliche Glaube gab unterdrückten und unfreien Menschen den Mut und die Kraft für den Kampf um ihre Freiheit – und sie sahen sich gleichzeitig sehr oft einer etablierten Kirche gegenüber, die genau diese Freiheit nicht anerkennen wollte. Das war bei der Bürgerrechtsbewegung seit den 1950er Jahren in den USA so und auch bei der Anti-Apartheids-Bewegung in Südafrika.
Vom Winde verweht, endgültig vergangen, ist Rassismus bis heute nicht. Doch wenn der Glaube kommt, dann muss auch eine neue Klarheit kommen. Mit den einfachen Worten von Paulus, die es so schwer haben in unserer Welt: Ihr seid allesamt eins in Christus.

(1) Martin, C.J., 2007, Es liegt im Blick – Sklaven in den Gemeinschaften der Christus-Gläubigen, in: R.A. Horsley, Die ersten Christen. Sozialgeschichte des Christentums, Bd. I, Gütersloh, 251-270

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