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Spätestens bei der Überarbeitung der Lutherbibel zum Reformationsjubiläum 2017 ist noch einmal klar geworden, dass Luthers Übersetzung an manchen Stellen eher eine Übertragung als eine Übersetzung ist. An vielen Stellen ist zu spüren, wie seine theologischen Einsichten ihn dazu bewegen, den biblischen Text behutsam ein bisschen anzupassen, in Richtung dessen, was ihm besonders wichtig ist.

Und dann gibt es Übersetzungen, in denen man spürt, wie nahe ihm die Texte aus der Bibel gekommen sind, wie er sie nimmt und auf sein eigenes Leben übertragt. „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist ein Beispiel dafür, sein Lied als Übertragung von Psalm 46. Das Wort „Burg“ kommt in dem Psalm allerdings gar nicht vor. Vielleicht hat es Psalm 31 im Hintergrund gewirkt, denke ich mir. „Denn du bist mein Fels und meine Burg“ heißt es darin wörtlich.

Und ich bin mir sehr sicher, dass Martin Luther an eine ganz bestimmte Burg gedacht hat, als er den Psalm übersetzte: An die Wartburg bei Eisenach, auf die er im Mai 1521 zu seinem eigenen Schutz verschleppt wird. Das geschah in einer Zeit, die man durchaus als Passionszeit seines Lebens bezeichnen kann. Die Jahre seit seiner reformatorischen Entdeckung 1517 waren von Auseinandersetzungen und Anfeindungen geprägt. Und Martin Luther hat sich auch persönlich dabei unverstanden, angegriffen und darin sehr einsam gefühlt. Man ließe ihn „ganz allein verzappeln mit den Papisten“ schreibt er in einem Brief aus diesen Jahren. Dass er Feinde hat, die ihm ans Leben wollen, kann er nicht mehr verdrängen.

Und dann landet er auf dieser die Burg, die auch eine Art Gefängnis ist, eine kleine Stube hinter den hohen Burgmauern, in der er sich fast ein Jahr lang hauptsächlich aufhalten muss. Für einen wie ihn, dem die Freiheit so wichtig ist, eine besonders schwere Strafe. Auszuhalten vielleicht nur, weil diese Burg etwas hat, was viele Burgen auszeichnet. Sie liegt weit oben. Wer schon einmal die Wartburg besichtigt hat, weiß, wie mühsam der Weg hinauf ist – und wie atemberaubend der weite Blick, der sich von dort oben bietet. Ein Ort, der Schutz gibt und gleichzeitig Freiheit in Aussicht stellt.

Wir wissen, dass die Zeit auf der Wartburg allen widrigen Umständen zum Trotz eine der produktivsten und wichtigsten in Martin Luthers Leben gewesen ist. Hier fing er an, die Bibel ins Deutsche zu übertragen. Viele Jahre hatte er sie als Professor für Bibelwissenschaft schon intensiv studiert. Aber ich glaube, er hat damals begonnen, noch etwas anderes zu tun, als nur Worte aus dem Griechischen oder Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen. Etwas, dass er dann später auch mit Psalm 31 gemacht hat. Du bist mein Fels und meine Burg, um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. Du wollest mich aus dem Netzte ziehen, dass sie mir heimlich stellten. Du übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.

In diesen Sätzen findet Martin Luther sich wieder, in dem, was er gerade durchleiden muss. Er hat erfahren, was der Psalm sagt: Bei Gott geht beides, Schutz und Sicherheit und Freiheit und Weite. Was für gute Worte für meine eigenen Passionszeiten. Wenn ich erfahre, dass es das tatsächlich gibt: Feinde. Wenn mich etwas bedrängt, wenn ich nur noch weg möchte, wenn ich Schutz brauche, aber auch eine Perspektive. Dann geschützt sein wie auf einer Burg und trotzdem nicht verkrochen. Sondern mit einem weiten Blick, der alles Niedrige überblickt. Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.

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