Wenn die Welt zerreißt

Es ist das Bild, das mir am nächsten ist. Viele Male musste ich während der Ausstellung mit Fotografien von Mstyslav Chernov in unserer Kirche daran vorbeigehen. Auf jedem Weg nach unten in die Sakristei fiel mein Blick darauf, selbst wenn es nur aus dem Augenwinkel war. Eine Mutter kniet bei ihrem toten Sohn. Sie hält und küsst seine leblose Hand, ein letztes Mal. Mit ihrer blauen Jacke und ihrer Tasche sieht sie aus, als käme sie gerade von der Straße herein. Vielleicht hat sie ihn schon überall gesucht. Und dann haben sie ihr gesagt: Er liegt dahinten, im Hausflur.

Es ist das Bild, das mir am nächsten ist. Denn ich bin eine Mutter und ich habe einen Sohn, genauso alt wie der Junge auf dem Foto. Und jedes Mal, wenn ich an dem Bild vorbeigehe, kann ich es fast nicht ansehen. Weil dann ihr Schmerz zu mir kommt und an meinem Herzen reißt.

Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und ein wenig später kniet eine andere Mutter bei ihrem toten Sohn und hält ihn ein letztes Mal. Immer trägt sie blau. Sie ist Maria, die Mutter Jesu. Sie tut, was alle Mütter tun: Ihr Kind halten, wenn es zur Welt gekommen ist. Es trösten, wenn es getröstet werden muss. Sich immer bereit halten, es aufzufangen, wenn es wächst und größer wird und seine eigenen Wege geht und nicht mehr so oft einen Schoß braucht. Und Maria geschieht, was alle Mütter, alle Eltern am meisten fürchten auf der Welt. Ihr Kind, ihr Sohn stirbt einen gewaltsamen, sinnlosen Tod, hingerichtet durch eine fremde Macht. Und die Zeit zerreißt in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

Es ist ein Bild, das mir nahe ist. Maria kann Jesus noch einmal halten. In der Bibel wird nichts davon erzählt. Aber wir wissen, dass es so gewesen sein muss. Wir haben eigentlich keine Bilder davon. Und machen uns trotzdem welche. Denn wir müssen den toten Jesus auch noch einmal mit seiner Mutter sehen. Damit diese Mutter aus Mariupol nicht allein ist mit ihrem Schmerz. Der Krieg hat ihr Leben zerrissen in ein Davor und ein Danach. Und selbst wenn irgendwann wieder Frieden ist, wird sie ihren Sohn nicht wiederbekommen. Und all die anderen Mütter auch nicht, die ihre Kinder verloren haben, die ukrainischen und die russischen, die Mütter überall auf der Welt. Ein Schmerz, der nie vergeht, nach Jahren nicht und nach Jahrzehnten.

Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Dieser Krieg hat die Welt zerrissen in ein Davor und ein Danach. Und so viele Leben, über die wir nichts wissen, von denen uns nichts erzählt wird, über die wir nie etwas erfahren. Und doch ist sie mir am nächsten: Diese Mutter in ihrer blauen Jacke, mit ihrer Tasche, bei ihrem toten Sohn.

Amen

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